LICHTENFELS

Beziehungen in Zeiten der Pandemie

Die Corona-Krise verlangt Frauen und Männern als Eltern, Angestellten, Pflegenden und Home-Schooling-Lehrkräften einiges ab - aber auch als Partnern in Beziehungen. Das Team der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern im Caritasverband für den Landkreis Lichtenfels e.V... Foto: Pixabay

Ein „Alltag“, der keiner mehr ist. Die weltweite Corona-Krise wirbelt seit Monaten viele Strukturen durcheinander – auch die unserer menschlichen Beziehungen. Was eine Partnerschaft nun besonders braucht und wie man mit Entfremdung, Quality-Time und der Gefährdung durch häusliche Gewalt umgeht, weiß Nikolas Auer, Psychologe und Leiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern im Caritasverband für den Landkreis Lichtenfels.

OT: Grundsätzlich scheint es ja zwei verschiedene Situationen in häuslichen Beziehungen zu geben: Beginnen wir mit denjenigen Paaren, die nun viel mehr Zeit miteinander verbringen. Welche Chancen, aber auch Herausforderungen bietet dieses Szenario?

Nikolas Auer: Im ersten Fall könnte man vom klassischen Szenario des „Decke auf den Kopf fallen“ sprechen. Bedingt durch Home-Office oder Kurzarbeit haben sich manche Paare deutlich häufiger und länger am Stück gesehen als in der Zeit vor Corona. Dies kann sehr schöne Folgen nach sich ziehen, wie ein Mehr an Intimität und Nähe. Es kann aber auch dazu führen, dass Konflikte aufflammen oder sich verschärfen. Meldungen aus den Medien von erhöhten Scheidungsraten und angestiegenen Fallzahlen von häuslicher Gewalt lassen den Schluss zu, dass die Auswirkungen der Corona-Pandemie mit Schulschließungen, Kurzarbeit, finanziellen Problemen und Zukunftsängsten auf soziale Beziehungen erheblich sind. Diese Berichte decken sich im Wesentlichen mit den Eindrücken, die wir von unseren Klienten aus der Beratungsstelle erhalten.

Dann gibt es noch diejenigen Paare, die sich nur noch „die Klinke in die Hand geben“…

Nikolas Auer: Bei Paaren, die sich - wie sie sagten - „die Klinke in die Hand geben“, kann es unter anderem zu Entfremdungsgefühlen kommen. Es kann die Frage aufkommen: „Was hält uns eigentlich als Paar zusammen?“ Die Basis von Beziehungen stellen Kommunikation und gemeinsam verbrachte Zeit – am besten sog. Quality Time – dar. Fallen diese Faktoren für einen längeren Zeitraum weg, sind Probleme fast vorprogrammiert.

Für diejenigen Paare mit „zu viel gemeinsamer Zeit“ und einer Belastung scheint ein Ausweg aus der Situation leichter…

Nikolas Auer: Wenn den Paaren „die Decke auf den Kopf zu fallen“ scheint, ist das nicht per se problematisch. Denn wir alle benötigen die Möglichkeit, Zeit für uns zu haben. Sollte dies aufgrund von Home Office oder Kurzarbeit zu kurz gekommen sein, ist es normal, dass Unmut aufkommt. Dann gilt es für Entzerrung zu sorgen. Wie so oft im Leben ist der Schlüssel für die Lösung von Problemen das gemeinsame Gespräch darüber. Es wirkt schon fast abgedroschen, aber dies bewirkt immer wieder geradezu Wunder. Paare können bewusst schauen, an welchen Stellen ein jeder Einzelne Zeit für sich haben möchte – sei es bei einem Hobby, einem Treffen mit Freunden oder anderen Aktivitäten. Sollte es allerdings tiefer liegende Probleme zwischen Paaren geben, die auch durch eigene Maßnahmen nicht gelöst werden, ist es ratsam sich professionelle Unterstützung, z.B. in einer Paar- oder Eheberatung zu holen.

Welche Tipps haben Sie für „die andere Gruppe“?

Nikolas Auer: Für den Fall, dass sich Paare nur noch „die Klinke in die Hand geben“, würde ich an den Begriff der „Quality Time“ anknüpfen. Hiermit ist intensiv genutzte gemeinsame Zeit gemeint, die ausschließlich der Festigung menschlicher Beziehungen dient. Darunter können Aktivitäten wie gemeinsame Spaziergänge, zusammen Kochen, ein Filmabend zu Zweit oder dem Nachgehen eines gemeinsamen Hobbys gezählt werden. In erster Linie sollte es darum gehen, sich bewusst Zeit füreinander zu nehmen, auch oder besonders wenn die Zeit für das Miteinander rar ist. Ein gemeinsames Gespräch über das Nutzen von „Quality Time“ kann hier absolut hilfreich sein.

Hat das Paar noch Kinder, erschwert das zum einen die Situation als Paar in diesen Zeiten, zum anderen kann es hilfreich sein: Welche Rolle spielen Kinder in der Beziehungspflege in diesen Zeiten?

Nikolas Auer: Als Vater von zwei Kindern habe ich sowohl einen professionellen als auch einen privaten Blick auf diese Thematik. Zunächst stellt der Übergang von einer reinen Paarbeziehung hin zu einer Beziehung mit Kind(ern), auch ohne Corona-Pandemie, eine Herausforderung dar. Der Faktor „Zeit“, den man in die Paarbeziehung investieren kann, reduziert sich in der Regel erheblich. Eigene Bedürfnisse eines jeden Elternteils müssen sich an die Bedürfnisse von Kindern mit anpassen. (Paar-)Probleme, die bereits vor der Geburt eines Kindes vorhanden waren, verschärfen sich auf Sicht eher. Die Corona-Pandemie mit ihren Auswirkungen wie Schul- und Kitaschließungen, Home-Office, Kurzarbeit und starke Reduzierung sozialer Kontakte hat Konfliktfelder also tendenziell verstärkt: Wer versorgt und betreut die Kinder in welchem Maße? Wie bringt man die Betreuung der Kinder/Home-Schooling und Haushalt oder Homeoffice in Einklang? Geht das überhaupt auf Dauer? Wo bleibt Platz für die Bedürfnisse eines jeden einzelnen Familienmitglieds?

Aber wo Probleme liegen, gibt es auch Lösungen.

Wie könnten diese Lösungen konkret

aussehen?

Nikolas Auer: Hier werden mir fast alle Eltern zustimmen: Es gibt nichts Sinnstiftenderes im Leben als Kinder beim Aufwachsen zu begleiten. Dennoch sollten die Bedürfnisse der einzelnen Elternteile und die des Paares nicht vollständig vernachlässigt werden. Deshalb sollte gut miteinander besprochen werden, wer wann welche Zeit benötigt und bekommt: Welche Aufgaben müssen in Haushalt, für die Arbeit und Schule erledigt werden? Wann ist Freizeit angesagt? An welcher Stelle kann sich das Paar Zeit für sich oder gemeinsame Zeit mit den Kindern nehmen? Gibt es Personen, die durch die Betreuung der Kinder Freiräume für die Eltern schaffen? Diese Fragen gilt es zu klären.

Wie hat sich die Corona-Krise in der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern bemerkbar gemacht?

Nikolas Auer: Die Corona-Krise hat sich ganz erheblich in unserer Beratungsstelle bemerkbar gemacht, da wir aufgrund des Lockdowns zunächst alle unsere persönlichen Termine absagen mussten. Von Mitte März bis Ende April haben wir nur noch telefonische Beratung durchgeführt. Neuanmeldungen hatten wir in dieser Zeit fast keine. Die wenigen Neuanmeldungen und unsere Stammklienten konnten wir telefonisch beraten. Dies hat überraschend gut geklappt. Allerdings stößt das Medium Telefon bei Jugendlichen und Kindern zumeist an seine Grenzen. Auch für Eltern, die Kinder betreuen, Home-Schooling oder Home-Office erledigen mussten, war eine Beratung oft schwer möglich. Umso erfreulicher ist es, dass die Schulen und Kitas geöffnet wurden und wir nun wieder persönliche Termine anbieten können - mit Abstand und Mundschutz. Seitdem ist die Anzahl der Neuanmeldungen sprunghaft angestiegen. Der hohe Beratungsbedarf der Menschen wird nun sichtbar: Überlastung durch die Krise, familiäre Konflikte, Scheidungs- und Trennungsfälle, emotionale Probleme, Schulschwierigkeiten und Probleme durch das Home-Schooling. Die meisten Gründe, weswegen sich Menschen bei uns in der Beratungsstelle gemeldet haben, sind im Vergleich zu der Zeit vor der Krise gleich geblieben. Zusätz

Wie geht man mit zu viel oder zu wenig gemeinsamer Zeit während der Corona-Krise um? Nikolas Auer, Leiter der Beratungs... Foto: Privat

lich kamen Belastungen durch den Lockdown und Schwierigkeiten mit der Gestaltung des Home-Schoolings und Home-Office hinzu.

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf das Problem der häuslichen Gewalt aus?

Nikolas Auer: Sowohl durch die Berichte aus den Medien als auch durch unsere Beobachtungen in der Beratungsstelle können wir feststellen, dass häusliche Gewalt ein massives Problem darstellt. Diese Gewalt verstärkt sich in der Regel, wenn Stressoren, also Faktoren, die Stress auslösen, zunehmen. Gibt es in Familien Existenzängste, Suchtprobleme, wenig Rückzugsmöglichkeiten und viel „aufeinander hocken“, veraltete Rollenbilder oder frühere Gewalterfahrungen steigt die Wahrscheinlichkeit für Gewalt drastisch an. Die Corona-Krise hat Existenzängste verstärkt und Rückzugsmöglichkeiten durch Kurzarbeit, Home-Office, geschlossene Schulen und Kitas reduziert. Hilfsangebote konnten nicht mehr wie zuvor wahrgenommen werden. Dies alles hat zu steigenden familiären Konflikten geführt. Betroffen sind v.a. Frauen und Kinder. Es gibt aber auch Männer, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Eine kürzlich veröffentlichte Studie spricht davon, dass jedes 10. Kind während der Corona-Pandemie von häuslicher Gewalt betroffen war. Das Ausmaß der Problematik wird damit nach und nach sichtbar.

Wie kann man als Beobachter einer solchen Problematik helfen?

Nikolas Auer: Der wichtigste Schutzfaktor für Erwachsene und Kinder, die von Gewalt betroffen sind, ist aus meiner Sicht das wache Auge und die Zivilcourage anderer Menschen wie Nachbarn, Freunde, Familienmitglieder oder Lehrer. Sollten diese Anzeichen für Gewalt in der Familie bemerken, gibt es verschiedene Stellen, die professionell weiterhelfen können: Hilfetelefon (08000 116 016 oder via Online-Beratung), Beratungsstellen, Jugendamt, Weißer Ring oder direkt bei der Polizei, v.a. bei akuter Gefährdung.

 

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