LICHTENFELS

Betrüger will die Leute „glücklich machen“

Im Amtsgericht in der Kronacher Straße in Lichtenfels wird Recht gesprochen. Foto: Markus Drossel

Mit seinen Aussagen rief der Angeklagte bei Richter Matthias Huber durchaus Verblüffung hervor. Stand der Wunsch, Menschen „glücklich zu machen“ wirklich hinter seinen ausgeführten Betrugsvorhaben? Der Prozess am Dienstag im Amtsgericht hatte seine Momente.

Als der 37-jährige Beschuldigte im Gerichtssaal erschien, machte er Eindruck: bullig, tätowiert und so ganz ein Mann zu sein scheinend, dessen Motive für Betrug in der schieren Absicht liegen, sich selbst zu bereichern. Doch dann sprach er: mit weicher Stimme, mit Freundlichkeit und auf eine einnehmend naive Weise.

Staatsanwältin Anna Saam legte dem Mann zur Last, dass er zu drei Zeitpunkten zwischen September und Oktober 2020 über die Internetplattform Ebay Geschäfte abschloss und dabei Zahlungen im Wert von rund 400 Euro schuldig blieb. „Ich möchte die Leute glücklich sehen – ich weiß selbst, dass das komisch kling“, so Angeklagte, eine richterliche Gegenfrage provozierend: „Wie sollen denn die glücklich werden, wenn Sie nicht bezahlen?“

Im Internet fiel dem Mann beispielsweise eine Annonce zu Modellfahrzeugen auf, und so fasste er den Entschluss, diese käuflich zu erwerben. Er gab eine Bestellung im Wert von 168 Euro auf und erhielt auch bald die Ware. Doch statt zu zahlen, gab er bald eine neue Bestellung auf. Der richterlichen Frage, wie er Menschen glücklich zu machen glaubte, blieb er die Antwort nur zur Hälfte schuldig. Zwar sprach er kaum Greifbares zu den ärgerlichen Enden seiner Bestellungen, aber über den Grund der Bestellungen schon. Er habe den Inserenten dadurch eine Freude machen wollen, indem er ihnen durch die Bestellungen signalisierte, dass ihre Waren bei ihm Gefallen gefunden haben.

Modelle haben Angeklagten nicht einmal gefallen

„Haben Sie die Modelle gebraucht?“, erkundigte sich Saam, und er hielt ein klares Nein zur Antwort. Der Mann interessierte sich nicht sonderlich für die Dinge, die er sich ohne zu bezahlen zusenden ließ.

„Wer zwei mal unter offener Bewährung steht (…), bei dem ist eine Bewährungschance eigentlich nicht mehr drin.“
Matthias Huber, Richter

„Wie soll es mit Ihnen weitergehen, wenn Sie Leute wieder glücklich machen wollen?“, wurde er von Huber gefragt, und an dieser Stelle ergriff der Bewährungshelfer des Angeklagten das Wort für ihn. Er führte an, dass sich in vergangener Zeit, so über einen Zeitraum von drei Jahren, bei seinem Mandanten, dessen Bundeszentralregistereintrag schon sechs Vorfälle wegen Betrug und Unterschlagung aufwies, doch recht viel zum Guten gewendet habe.So wohne er nicht mehr in einer belastenden WG und habe sich auch einer Therapie gegen schwerste Depressionen gestellt. Sogar von Suizidgefahr war dabei die Rede. „Punktuell“ habe sich 2020 etwas ereignet, was ansonsten schon in den Griff bekommen worden sei. Zudem bringe er sich zu Sicherheit und Schutz der Bürger ehrenamtlich ein. Im Vergleich zu 2019 biete sein Leben heute „einen Riesenunterschied“, so der Bewährungshelfer, der auch auf einen festen Arbeitsvertrag seines Mandanten hinwies.

Staatsanwältin fordert ein Jahr und drei Monate Haft

Ein Jahr und drei Monate Haft forderte Saam in ihrem Plädoyer. Aber – und das war das Entscheidende – auf Bewährung! „Die wichtigste Frage war, ob man die Strafe noch mal zur Bewährung aussetzen kann“, so die Staatsanwältin. Was sie dem Angeklagten zugute hielt, war auch, dass er den Schaden in der Zwischenzeit wieder gutgemacht hat. Fünf Jahre lang solle er unter Bewährung stehen und die gesamte Zeit über auch unter Bewährungsaufsicht. Zudem forderte Saam die Ableistung von 100 gemeinnützigen Arbeitsstunden.

Das Urteil fiel milder aus: neun Monate Haft zur Bewährung. Ansonsten kam das Schöffengericht Saams Forderungen nach und wandelte lediglich die Arbeitsstunden noch in eine Geldauflage von 600 Euro um. „Wer zwei mal unter offener Bewährung steht (…), bei dem ist eine Bewährungschance eigentlich nicht mehr drin“, schärfte Huber dem Verurteilten ein. Noch ein einziges Mal wolle er aber eine Bewährungschance „riskieren, aber mit großen Bedenken und ein allerletztes Mal.

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