LICHTENFELS

Berchtengestalten am Obermain

NOR Åsgårdsreien, ENG The wild Hunt of Odin
Angeführt von Wotan zieht rund um die Wintersonnenwende die wilde Jagd über die Felder und Fluren am Obermain. Wer in die Stille der Nacht lauscht, kann manchmal das Gebell der Hunde und das Wiehern der Pferde hören. Foto: Peter Nicolai

Schaurige Schreckensgestalten gehören fest zu den Wochen vor Weihnachten dazu. Das ist eine Vorstellung, die uns heutigen Menschen etwas fremd erscheint: Der Advent wird als „stille Zeit“ begangen, es sind die heiligen Wochen der Vorbereitungszeit auf Weihnachten.

Doch in vorchristlicher Zeit waren diese Tage rund um die Wintersonnenwende vor allem dadurch geprägt, dass man glaubte, das Tor zur Geisterwelt stehe in dieser Zeit offen. Dämonen kehren auf die Erde zurück, um die Menschen heimzusuchen und ihnen so manchen Schrecken einzujagen. Solche Gestalten bezeichnet man als „Berchten“.

Wie aus dem heiligen Martin von Tours der „Pelzmärtel“ wurde

Nachdem die Menschen den christlichen Glauben angenommen hatten, verschmolzen die heidnischen Vorstellungen mit dem Christentum. So wird deutlich, warum heilige Menschen plötzlich in ihr Gegenteil verkehrt wurden: Aus dem heiligen Martin von Tours zum Beispiel entwickelte sich die Schreckensgestalt des „Pelzmärtel“. Viele dieser Berchtengestalten, die in den Adventswochen die Dörfer aufsuchen, waren auch am Obermain bekannt. Und so mancher wird sich noch an seine Kindheit erinnern, in der die Altvorderen von Begegnungen mit diesen unheimlichen Geistern erzählten.

Mit solchen Masken verstellten sich die Männer, die in die Rolle einer Berchtengestalt schlüpften. Möglichst grauslich s... Foto: Repro: Fabian Brand

In ganz Oberfranken ist die eiserne Berta verbreitet. Aus Maineck wird berichtet, dass an Martini (11. November) ein schlecht angezogener junger Bursche einen völlig mit Stroh verhüllten Mann bei anbrechender Nacht durch den Ort führt und die Kinder erschreckt. Diese Gestalt nannte man „Martinsbär“ oder „Märtesberta“. Weit häufiger ist der auch im Landkreis Lichtenfels verbreitete Name „Eisärberta“, wenngleich sie in Burgkunstadt auch als „wilde Berta“ bezeichnet wird.

In der Adventszeit erscheint die Berta in einigen Orten am Abend und blickt durch die Fenster in die Stuben, um zu kontrollieren, ob die Kinder auch brav sind. Als Strafmittel schneidet die Berta den unartigen Kindern den Bauch auf und stopft Heu hinein oder füllt diesen mit Steinen. Rute und Sack werden selten als Attribute der Berta angeführt, mehrfach erscheint sie dagegen als Gabenbringerin. Die Kinder erhalten von der „Eisärberta“ mancherorts Äpfel, Nüssen oder Lebkuchen als Geschenke. Wann die Berta im Advent auftritt, ist unterschiedlich: In Maineck zum Beispiel kommt sie am Barbaratag (4. Dezember), andernorts am 23. Dezember oder gar erst am Neujahrstag.

Die „Hollerwatschn“ schneidet den Bauch ungehorsamer Kinder auf

Etwas weniger bekannt als die Berta ist eine andere Berchtengestalt, nämlich die Holle. Im Lichtenfelser Raum wird sie auch „Hullawatsch“ genannt, in der Coburger Gegend „wilde Holle“. Die Hollegestalt tritt als alte Frau in dunklen, meist schwarzen Kleidern auf und hat einen schwarzen Schleier vor dem Gesicht. Meist besitzt sie auch einen Buckel, eiserne Ketten sind häufig das Kennzeichen der Hollegestalten. Aus Burgkunstadt ist überliefert, dass die Holle als Geisterscheinung in den zwölf heiligen Nächten die Menschen heimsucht. Und aus Michelau ist zu hören, dass die „Hollerwatschn“ mit einer Sichel den Bauch ungehorsamer beziehungsweise naschhafter Kinder aufschneidet.

Am 13. Dezember ist der Festtag der heiligen Luzia, die besonders in den skandinavischen Ländern eine große Verehrung erfährt. Die „Luzi“ oder „Luz“ ist mit einem weißen Betttuch überworfen und macht unter dem Tuch mit einem oder zwei Armen Bewegungen wie mit einem Schnabel. Der Erscheinungstag der „Luz“ ist der Luzia-Tag am 13. Dezember.

Der Knecht Ruprecht wird oft als Gegenfigur zum heiligen Nikolaus dargestellt. Während es Nikolaus gut mit den Kindern m... Foto: Repro: Fabian Brand

Vor der Reform des liturgischen Kalenders durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) war der 21. Dezember der Festtag des Apostels Thomas. Als solcher hatte er in früheren Zeiten eine große Bedeutung und wurde mit hoher Festlichkeit begangen. Der Thomas gehört damit zu jenen Berchtengestalten, für die ihr Auftrittstermin, nämlich der 21. Dezember, namensgebend war. In Staffelstein heißt er „Buckelthomas“, in Lichtenfels „blutich Thomes“ und in Modschiedel ist er als „haariger Thomas“ bekannt.

Der Apostel Thomas als ein Kinderschreck?

Die Thomasgestalten tragen die übliche Verkleidung: Mantel, Kapuze, schwere Stiefel; außerdem haben sie Rute und Sack bei sich. In Uetzing erzählt man, das der „blutig Thomes“ der Anführer des wilden Heeres sei, das in den zwölf heiligen Nächten sein Unwesen treibt. Im Landkreis Lichtenfels war der „blutig Thomes“ vor allem als Kinderschreck bekannt, der mit einem Messer bewaffnet ist.

In ganz Oberfranken verbreitet ist der Knecht Ruprecht verbreitet, der häufig zusammen mit dem heiligen Bischof Nikolaus auftritt. In Gemünda, das früher zum Landkreis Staffelstein gehörte, nannte man ihn „Häscharuparich“. In Hallstadt bei Bamberg heißt er „Knecht Hubert“. Der Ruprecht ist ein wild aussehender Mann, der Ketten, Rute und Sack als Attribute bei sich trägt. In der Adventszeit beobachtet der Ruprecht die Kinder, ob sie auch artig sind. Meistens erscheint der Ruprecht am 6. Dezember als finsterer Begleiter des Nikolaus.

 

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