LICHTENFELS

Beate Ehl zur Migration: Es gibt Erfolgsgeschichten

Mit 30 Jahren Berufserfahrung in der Flüchtlings- und Integrationsberatung weiß Beate Ehl von vielen positiven Lebensgeschichten Geflüchteter zu berichten. Foto: Marion Nikol

Beate Ehl zeichnet sich für die Flüchtlings- und Integrationsberatung des Caritasverbandes für den Landkreis Lichtenfels verantwortlich. Im Gespräch mit dieser Redaktion berichtet sie, wie sich die Situation der Migrantinnen und Migranten, die mit der ersten Flüchtlingswelle im Jahr 2015 an den Obermain gekommen sind, heute darstellt.

Frage: Frau Ehl, aus dem Themenbereich Flucht und Migration hören wir viel zu selten etwas Positives. Können Sie da vielleicht Abhilfe schaffen?

Beate Ehl: Auf jeden Fall. Ich mache den Job nun schon seit 30 Jahren und kenne tatsächlich viele positive Lebensgeschichten von Flüchtlingen. Diejenigen aus der Flüchtlingswelle, die 2015 bei uns im Landkreis Lichtenfels eingereist sind, haben alle ihre Integrationskurse hinter sich. Viele davon sind vom sprachlichen Niveau her so weit, dass man gut mit ihnen sprechen kann. Einige haben auch das Studieren angefangen, wofür Sprachniveau C1 benötigt wird. Um das zu erreichen, braucht es auf jeden Fall ein bis zwei Jahre. Andere wiederum haben gerade ihre Berufsausbildung abgeschlossen, unter anderem in der Gastronomie, in der Logistikbranche oder in einem Industrieberuf. Auch ein Bürokaufmann, Arzthelferinnen und Pflegekräfte sind mit dabei.

Nun sind seit der Flüchtlingswelle 2015 fast sieben Jahre vergangen. Wie sieht es denn mit den Aufenthaltstiteln der Geflüchteten aus?

Ehl: Nach fünf bis sieben Jahren ist für anerkannte Flüchtlinge der Antrag auf Daueraufenthalt möglich. Hier sind im vergangenen und in diesem Jahr einige der Geflüchteten von 2015 wieder bei uns erschienen, um zu erfahren, welche Bedingungen dafür erfüllt sein müssen. Es ging hier aber vor allem darum, die Voraussetzungen gemeinsam zu klären und nicht den Antrag für sie zu schreiben. Generell ist es so, dass das Sprachniveau ausreichend hoch und genügend Einkommen vorhanden sein muss, um sich überwiegend selbst ernähren zu können. Straffreiheit ist eine weitere, wichtige Voraussetzung.

Gibt es auch schon welche, die die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen?

Ehl: Hier weiß ich aktuell von mehreren Anträgen. Um die deutsche Staatsangehörigkeit zu erhalten, muss mindestens fünf Jahre in die Rentenversicherung eingezahlt worden sein. Auch ein unbefristeter Arbeitsplatz ist Voraussetzung, genauso wie das Sprachniveau B1. Diese Hürden können viele ohne weiteres nehmen. Allerdings gibt es bei manchen Migranten auch einen Hänger, weil sie immer nur befristete Arbeitsverträge bekommen haben – wohl gemerkt vom selben Arbeitgeber! Oder es gab auch schon den Fall eines Geflüchteten, der im Bereich Security für das Ankerzentrum in Bamberg gearbeitet hat und in den vergangenen Jahren mehrere Arbeitgeber hatte, weil die Regierung die Sicherheitsdienstleistungen jedes Jahr neu ausschreibt. Das ist natürlich sehr ärgerlich.

Das heißt, in Sachen Beschäftigung ist noch Optimierungspotenzial vorhanden?

Ehl: Ja, vor allem wenn immer nur befristete Verträge ausgestellt werden. Ebenfalls hilfreich wäre eine angemessene Honorierung. Nehmen wir das Beispiel Handwerk: Viele Migranten werden als Hilfskräfte eingestellt, weil sie nicht die duale Ausbildung wie Handwerker in Deutschland haben. Sie haben im Grunde die gleichen praktischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, aber eben nicht die dazugehörige Ausbildung. Hier wäre es wichtig, dass die Arbeitgeber den Hilfskräften mehr bezahlen, wenn sie einen guten Job machen. Das muss aber auch gewollt sein, und genau das ist oft das Problem. Leider werden hier auch einige Leute ausgenutzt.

Wie hat sich Coronapandemie auf die Beschäftigungslage ausgewirkt?

Ehl: Tatsächlich haben einige Geflüchtete, die in Kurzarbeit waren, gemerkt, dass das Geld nicht mehr ganz reicht. Sie mussten dann beispielsweise Kinderzuschlag beantragen. Viele haben ihre Jobs zum Glück behalten, sind aber leider im Niedriglohnbereich beschäftigt. Wir haben ja immer gepredigt, wie wichtig es ist, eine Ausbildung zu machen, und das haben auch viele getan. Allerdings fragt sich der ein oder andere schon, warum seine Kumpels, die woanders ohne Ausbildung arbeiten, genauso viel verdienen. Hier kommt es einfach auf die Arbeitsstelle und den Arbeitgeber an. Für einige ist das schon frustrierend. Aber mit der Ausbildung in der Tasche können sie ja auch die Stelle wechseln und haben Aufstiegschancen. Ohne Ausbildung werden sie hier immer Hilfsarbeiter oder Angelernte sein.

Gibt es auch Geflüchtete, die sich sehr schwertun, Arbeit zu finden und sich zu integrieren?

Ehl: Also insgesamt sind viele in Arbeit. Diejenigen, die sich schwertun, haben meist irgendein Handicap, also eine Behinderung oder Grunderkrankung, oder sie sind psychisch angeschlagen. Sie benötigen über Jahre hinweg Unterstützung durch unser Team. Das haben wir bei jeder Migrationswelle, aber das sind wirklich Einzelfälle. Sie werden oftmals von der Familie mitgetragen. Darüber hinaus tun sich zum Teil auch diejenigen schwer, die anfangs nicht anerkannt wurden und lange gebraucht haben, um überhaupt einen Fuß in die Tür zu bekommen.

Was genau heißt das, haben Sie ein Beispiel dafür?

Ehl: Das heißt, es gibt durchaus unterschiedliche Entwicklungen je nach Herkunftsland. Ein Beispiel ist Afghanistan. Hier gab es viele Geflüchtete, bei denen sich der Anerkennungsprozess hingezogen hat. Sie durften weder arbeiten noch eine Ausbildung machen, und diese Menschen tun sich heute noch schwer. Manche sind trotzdem in eine Ausbildung reingekommen oder haben doch die Möglichkeit bekommen, zu arbeiten. Allerdings sie hatten keine Chance, einen Sprachkurs zu besuchen. Das ist erst mit der Anerkennung möglich oder dann, wenn aus einem Land besonders viele Flüchtlinge anerkannt werden. Afghanistan war nicht unter den Top-5-Ländern, was die Anerkennungsquoten angeht, die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge festgelegt werden. Für Syrer wiederum sieht das Ganze schon anders aus.

Von den Syrern haben sich also viele erfolgreich integriert?

Ehl: Ja, es gibt auch schon die ersten, die sich ein Haus gekauft haben, vor allem auf den Dörfern. Dabei handelt es sich zwar um Häuser, die renovierungsbedürftig sind und die sicherlich sehr günstig waren, aber viele Migranten sind handwerklich so fit, dass sie diese selber renovieren können. Von vielen Syrern habe ich außerdem gehört, dass sie nicht wieder zurückwollen, sondern Lichtenfels als ihre neue Heimat sehen. Sie bemühen sich dann auch um die deutsche Staatsangehörigkeit. Ich weiß von etwa fünf Familien, die Häuser erworben haben, das ist in der syrischen Community gerade das Thema schlechthin.

Gibt es abschließend sonst noch etwas Positives, das ihnen zu Ohren gekommen ist?

Ehl: Im Grunde hört es sich ein bisschen verrückt an, aber solange ich von meinen Geflüchteten nichts höre, ist das tatsächlich ein positives Zeichen. Schließlich ist der- oder diejenige dann auch nicht aufgefallen. Auf der anderen Seite bekomme ich natürlich mit, wie es gelaufen ist, wenn es einen speziellen Anlass wie Geburt, Hochzeit oder Zeugnisanerkennung geht. Wenn also eine besondere oder neue Situation auf die Menschen zukommt, laufen sie wieder bei mir auf. Ansonsten höre ich natürlich auch viel über Dritte und freue mich jedes Mal, wenn es positive Entwicklungen gibt. Einen weiteren Bezug zu vielen Geflüchteten habe ich natürlich zusätzlich noch, wenn ich einen Dolmetscher für Neuankömmlinge brauche. Hier kann ich jederzeit bei meinen Kontakten anrufen und bekomme verlässliche Unterstützung, was wiederum auch eine sehr erfreuliche Tatsache ist.

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