BAYREUTH

Bayreuther Forscher: Beim Klimaschutz zählt jedes Land

Der Gesamtverlust der globalen Emissionsminderungen durch einseitige Austritte aus dem Pariser Abkommen. Foto: red

Länder, die aus dem Pariser Klimaschutzabkommen aussteigen, schwächen nicht nur die globalen Anstrengungen zur Reduktion des CO2-Ausstoßes. Ihre Industrien haben in der Folge bessere Wettbewerbsbedingungen und steigern den CO2-Ausstoß erneut. Dies besagt eine Studie, die soeben in einem „Kiel Working Paper“ unter dem Titel „The Consequences of Unilateral Withdrawals from the Paris Agreement“ erschienen ist. Autoren sind Professor Mario Larch, Inhaber des Lehrstuhls für Empirische Wirtschaftsforschung an der Universität Bayreuth, und Joschka Wanner, Juniorprofessor für Quantitative Volkswirtschaftslehre an der Universität Potsdam.

Beim Austritt eines Lands würden seine Emmissionen weiter steigen

Mario Larch und Joschka Wanner haben in einem Forschungspapier gefragt, wie stark die Effektivität des Abkommens durch einseitige Austritte beschädigt wird und welche Länder durch Verlassen des Abkommens besonders großen Schaden anrichten würden. Wenn alle Länder ihre Versprechen einhalten, die sogenannten „nationally determined contributions“ (NDCs), sinken die Emissionen um geschätzte 25,4 Prozent unter das Niveau, das sich in einem „Business-as-usual“ (BAU) Szenario bis 2030 einstellen würde. Der Austritt eines Landes würde diese Summe der versprochenen Emissionsreduktionen um den NDC-Anteil des Landes reduzieren. Beispiel USA: Ihr Ausstieg würde die globale Emissionsreduktion auf 17,3 Prozent und folglich um 31,8 Prozent reduzieren. Obwohl China der CO2-Emittent Nr. 1 ist, würde dessen Austritt die globale Reduktion „nur“ um 11,9 Prozent verringern – denn das Land hatte sich ein weniger ehrgeiziges Reduktionsziel gegeben, und der Verlust dieses Ziels würde entsprechend weniger stark ins Gewicht fallen.

Professor Mario Larch. Foto: red

Der Schaden, den einseitige Austritte aus dem Abkommen anrichten, wäre aber noch viel größer als der reine Verlust an CO2-Einsparmengen, denn: Länder, die „Paris“ verlassen, haben starke Anreize, ihre Emissionen noch über das BAU-Niveau hinaus zu steigern. Zum einen gewinnen diese Länder in emissionsintensiven Industrien an Wettbewerbsfähigkeit, weil sie billiger produzieren können, denn sie müssen beispielsweise keine CO2-Steuern zahlen. „Nach einem Austritt aus dem Abkommen werden sich diese Länder also verstärkt in emissionsintensive Industrien spezialisieren und entsprechend mehr CO2 ausstoßen“, prognostiziert Larch.

„Die höheren Emissionen in ausgetretenen Ländern werden also zusätzlich einen Teil der Einsparungen, die in den verblieben Paris-Mitgliedsländern noch erreicht werden, zunichtemachen.“
Professor Mario Larch, Universität Bayreuth

Zum anderen profitieren sie vom veränderten Energiemarkt: Wenn die meisten Länder der Welt ihre Emissionen entsprechend ihrer NDCs senken, sinkt die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen, das drückt deren Preise. Länder, die ihre Reduktionzusagen brechen, werden auf den niedrigeren Preis reagieren, indem sie mehr fossile Brennstoffe nachfragen, was ihre Emissionen zusätzlich steigert. Larch erläutert: „Die höheren Emissionen in ausgetretenen Ländern werden also zusätzlich einen Teil der Einsparungen, die in den verblieben Paris-Mitgliedsländern noch erreicht werden, zunichtemachen.“

Am Beispiel der USA hieße das laut den Berechnungen von Larch und Wanner: Sie folgen im simulierten Fall ihres Austritts nicht ihrem BAU-Emissionspfad, sondern steigern ihre Emissionen aufgrund der veränderten Wettbewerbsfähigkeit und der niedrigeren Preise für fossile Brennstoffe um 9,5 Prozent. Von den 17,3 Prozent globaler Reduktionsminderung, die nach dem Abzug des US-Reduktionsziel übrig geblieben waren, gehen dadurch weitere 9,4 Prozent verloren. Dieser durch Carbon Leakage verlorene Anteil der Emissionsminderung bezeichnet man auch als Leakage-Rate. Noch stärker als für die USA ist der Leakage-Effekt im Fall eines chinesischen Austritts. Hier beträgt die Leakage-Rate 13,8 Prozent, also deutlich mehr als jede zehnte Tonne CO2, die in den verbliebenen Mitgliedsländern eingespart wird, wird stattdessen zusätzlich in China emittiert.

Professor Joschka Wanner Foto: red

Indien hat zwar nur ein Null-Ziel, doch der CO2-Austoß würde steigen

Insbesondere das Bespiel Indien unterstreicht die Bedeutung des indirekten Effekts über Carbon Leakage: Das indische NDC geht nicht über das Versprechen hinaus, nicht mehr CO2 zu emittieren als ohnehin in einem BAU-Szenario angenommen. Der Verlust eines solchen „Nullziels“ hat in der ausschließlichen Betrachtung des direkten Effekts keinerlei Auswirkungen auf die globale Reduktionsminderung. Ein Blick auf die Leakage-Raten unterstreicht jedoch, dass ein indischer Austritt aus dem Abkommen dennoch sehr problematisch wäre, weil er die indischen Emissionen über das BAU-Niveau treiben und damit Teile der Anstrengungen der anderen Länder zunichtemachen würde.

„Um in der Gesamtheit zu beurteilen, wie schädlich der einseitige Austritt eines Landes aus dem Pariser Abkommen für die globalen Emissionen wäre, müssen der direkte Effekt aus dem NDC-Verlust und der indirekte Leakage-Effekt zusammengefasst werden“, resümieren die beiden Autoren. Insgesamt unterstreichen die Ergebnisse die Bedeutung globaler Kooperation für wirksame internationale Klimapolitik. (red)

 

Schlagworte