LICHTENFELS

Autofrei in Lichtenfels: Wo ein Wille, auch ein Weg

Autofrei in Lichtenfels: Wo ein Wille, auch ein Weg
Ob zum Kindergarten oder zum Supermarkt: Die sechsköpfige Familie Neufeld bewältigt ihren Alltag ganz ohne Auto. Solange es nicht friert, ist der fünfjährige Zacharias (li.) selbstständig „mobil“ unterwegs, während seine kleine Schwester Elisabeth die Fahrt im Anhänger genießt. Foto: Marion Nikol

Das Auto ist das mit Abstand am häufigsten verwendete Verkehrsmittel in Deutschland. Kein Wunder: Über 77 Prozent der privaten Haushalte verfügen laut Umweltbundesamt über mindestens ein Auto. Dementsprechend herausfordernd sind die immens hohen Spritpreise für einen Großteil der Bundesbürger. Dies trifft insbesondere auf die Bevölkerung in Dörfern und kleinen Städten zu, wo viele Menschen auf das Auto angewiesen sind, beispielsweise für den Weg zur Arbeit.

Während die Politik noch nach Lösungen sucht, lässt ein Blick auf die hitzigen Diskussionen in den sozialen Medien vermuten, dass nur wenige bereit sind, auf das Auto zu verzichten. Gerade in ländlichen Regionen, wo es nicht möglich ist, mal eben auf die U- oder Straßenbahn umzusteigen, scheinen die Hürden groß bis unüberwindbar. Dass es aber durchaus möglich ist, zeigen zwei Familien aus Lichtenfels, die auch in der Kleinstadt komplett ohne Auto auskommen und daraus nicht nur in Zeiten wie diesen durchaus Vorteile schöpfen.

Kein Verzicht, sondern eine Selbstverständlichkeit

Vier Kinder zwischen zwei und neun Jahren, ein Job in Coburg und die Garage voll mit Fahrrädern: Familie Neufeld aus Lichtenfels meistert ihren Alltag schon immer ohne Auto. „Wir haben noch nie ein Auto besessen und sind damit bislang sehr gut zurechtgekommen“, berichtet Maria Neufeld. Ihr Mann, Dr. Markus Neufeld, ist als Leiter von Creapolis an der Hochschule Coburg tätig und pendelt mit dem Zug. Im Sommer nimmt er das Rennrad mit und radelt zurück, was nicht sehr viel länger als mit dem Zug dauert und den Vorteil hat, dass er nicht nur Bewegung und frische Luft hat, sondern auch gut von der Arbeit abschalten kann.

„Wir haben noch nie ein Auto besessen und sind damit bislang sehr gut zurechtgekommen.“
Maria Neufeld
Autofrei in Lichtenfels: Wo ein Wille, auch ein Weg
Diana und Steffen Biskupski sind als „autofreie Familie“ viel mit dem Fahrrad unterwegs. Besonders praktisch für Einkäuf... Foto: Marion Nikol

Einkäufe erledigt Maria Neufeld zusammen mit ihrer zweijährigen Tochter per Fahrrad und Anhänger: „Ich versuche schon, so groß wie möglich einzukaufen, was eine entsprechende Vorausplanung nötig macht. Glücklicherweise fasst der Kofferraum des Fahrradanhängers recht viel. Wenn es das Wetter zulässt, setze ich die Kleine auf den Fahrradsitz am Gepäckträger, schließe den Lastenanhänger an und kann damit locker auch einen Kasten Bier oder einen Vorrat an Windeln einkaufen. Selbst Grünschnitt oder eine Kiste Fallobst habe ich damit schon transportiert.“

Was im Frühling und Sommer angenehm erscheint, kann in den nasskalten und frostigen Herbst- und Wintermonaten zur Herausforderung werden. Doch auch das bewältigen die Neufelds ohne Weiteres, und zwar mit der richtigen Ausrüstung: „Wichtig sind wasserdichtes Schuhwerk, eine dünne Regenhose, eine gute Regenjacke, Handschuhe, Helmschutz und eine wasserdichte Tasche“, rät die vierfache Mutter. Manchmal sei es natürlich ein Aufraffen, vor allem für die Kinder, doch der Mensch sei im Grunde ein Gewohnheitstier: „Wir fahren im Schnee und auch im Regen. Bei Eisglätte kommt natürlich auch unser Fünfjähriger mit in den Fahrradanhänger. Die beiden Großen machen dann einfach viel zu Fuß.“

Gute Ausrüstung und gute Planung wichtig

Gute Planung ist für Familie Neufeld ebenfalls wichtig, um Ausflugsziele zu erreichen, die etwas weiter entfernt sind. Hier kombinieren sie in der Regel das Zug- mit dem Fahrradfahren. Allerdings lasse die Barrierefreiheit an manchen Bahnhöfen zu wünschen übrig, wie Maria Neufeld am Beispiel Bad Staffelstein erläutert: „Für mich ist es nicht nachvollziehbar, dass am Bahnhof einer Kurstadt kein Aufzug vorhanden ist. Wenn ich dort ankomme, muss ich das Fahrrad samt Anhänger die Treppe herunter- und wieder hinaufschleppen, was sehr umständlich ist.“ Auch bei Wartungsarbeiten an den Aufzügen, wie sie gerade in Lichtenfels stattfinden, ist Fahrradtragen angesagt.

Auf die Frage nach Momenten, in denen sie sich ein Auto gewünscht habe, verweist Maria Neufeld auf das Thema Schlittenfahren: „In solchen Situation wäre es natürlich immer einfacher, die nassen, müden Kinder einfach ins Auto zu setzen anstatt zu Fuß den Heimweg anzutreten.“

Ebenfalls praktisch wäre ein Auto für den Besuch von Familienfesten in der Mitte von Nirgendwo oder für den Sommerurlaub. Gerade hier stellt für Familie Neufeld Carsharing eine optimale Lösung dar. Ein solche haben sie genutzt, als sie noch in Bamberg wohnten. „Es wäre wirklich super, wenn es das auch in Lichtenfels gäbe“, betont Maria Neufeld, „wir wären auf jeden Fall dabei.“

Seit Corona ohne Auto unterwegs

A propos Carsharing: Für eine solche Initiative setzen sich Diana und Steffen Biskupski aus Lichtenfels ein. Sie haben sich im Oktober 2020 von ihrem Auto getrennt, welches seit dem ersten Corona-Lockdown im März ohnehin nur stand. Ob Redwitz, Wunsiedel oder auch Hof – ihre Berufstätigkeit führt die beiden mitunter über die Stadtgrenzen von Lichtenfels hinaus. „Hier nehmen wir entweder den Zug, das Fahrrad oder eine Kombination beider Verkehrsmittel“, berichtet Diana Biskupski. „Seit Herbst haben wir außerdem ein Lastenrad, womit wir Einkäufe oder Gartenabfälle transportieren können.“

Ebenfalls viel mit dem Fahrrad erledigen die elf und dreizehn Jahre alten Töchter. Das gilt auch für den Besuch bei Freundinnen, die in den Ortsteilen wohnen: „Anfangs habe ich Smilla noch mit dem Fahrrad hinbegleitet, doch mittlerweile fährt sie auch alleine zu ihrer Freundin nach Mistelfeld“, so Diane Biskupski. Was ihr jedoch Sorgen bereite, sei die Situation im Stadtgebiet von Lichtenfels: „Unsere Jüngere muss zweimal die Woche zur Turnerschaft, traut sich aber nicht alleine zu fahren. Tatsächlich ist die Fahrt mit dem Rad durch die Stadt überhaupt kein Spaß, und für ein Kind schon gleich zweimal nicht. Hier ist in Sachen Infrastruktur auf jeden Fall noch Verbesserungsbedarf vorhanden.“

Die Umgebung erkunden und entschleunigen

Autofrei in Lichtenfels: Wo ein Wille, auch ein Weg
Wasserdichte Jacke, Hose und Tasche, Helmschutz und Handschuhe: Mit der passenden Ausrüstung sind Fahrradfahrten auch be... Foto: Marion Nikol

Urlaub wiederum macht Familie Biskupski mit dem Zug. Ostern geht es in die Schweiz, im Sommer ist sogar eine Reise nach Schottland geplant. „Wenn es um Urlaub oder auch Ausflüge geht, dann ist gute Vorausplanung das A und O. Auf diese Weise bekommen wir auch bei der Bahn günstige Tarife“, erklärt Diana Biskupski. „Ansonsten sind wir ohnehin viel im VGN-Gebiet unterwegs oder erkunden die unmittelbare Umgebung, denn auch hier am Obermain gibt es unheimlich viel zu entdecken und zu erleben.“

Dass sich ihr Alltag durch den Verkauf des Autos verändert hat, ist Diana Biskupski durchaus bewusst. Ihr Glück jedoch hat dies nicht beeinträchtigt, ganz im Gegenteil: „Oftmals denkt man ,Ich brauche das Auto, weil ich habe ja gar keine Zeit‘. Doch ich habe festgestellt, dass man diese Zeit tatsächlich hat! Jeder spricht von Entschleunigung. Für mich besteht sie eben genau darin, mir die Zeit zu nehmen, um zu Fuß mit dem Trolli einkaufen zu gehen. Hier können die Gedanken frei fließen und ich empfinde das ehrlich gesagt als riesengroßen Gewinn. Ich glaube allerdings, dass noch nicht alle mutig genug sind, es auszuprobieren und ihre Komfortzone zu verlassen. Aber womöglich ändert sich das ja in diesen herausfordernden Zeiten.“

Das vollständige Gespräch mit Maria Neufeld über die Chancen und Herausforderungen eines autofreien Lebens als sechsköpfige Familie ist im Audio-Format auf www.obermain-stories.de abrufbar.

 

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