LICHTENFELS

Ausstellung über Deporationen heimischer Juden eröffnet

Ausstellung über Deporationen heimischer Juden eröffnet
Stummes Entdecken von Geschichte. Gebannt zeigten sich die Gäste angesichts der vor ihnen stehenden Informationen. Foto: Markus Häggberg

Seit Kurzem gibt es in der ehemaligen Synagoge die Ausstellung „Züge in den Tod“. Eine Ausstellung zur Ermordung der jüdischen Bürger aus Coburg, Kulmbach und dem Landkreis Lichtenfels. Am Sonntagabend fanden sich zur Eröffnung rund 30 Gäste ein. Allgemeiner Tenor: Eine gelungene Ausstellung, gelungen dadurch, die Summe des Schreckens durch Einzelschicksale ans Gemüt gehen zu lassen.

Da 49, Da 512 – das klingt wie ein Aktenzeichen und so etwas ähnliches war es auch. Hinter diesen Chiffren steckten Eisenbahndeportationstransporte. Da 49 ging am 25. April 1942 nach Krasnystaw und Da 512 am 10. September 1942 nach Theresienstadt. Mit ihnen wurden die jüdischen Gemeinden des westlichen Oberfranken ausgelöscht. Ziel der Ausstellung ist es, das Schicksal der Opfer nachzuzeichnen. Darüber hinaus soll das Funktionieren der nationalsozialistischen Mordmaschinerie aufgezeigt werden. Unter den Rednern des Abends war neben Landrat Christian Meißner auch Bürgermeister Andreas Hügerich. Der war vor Tagen schon mal in der Ausstellung, ganz mit sich alleine und seinen Eindrücken. „Ich war betroffen (…) und es wird Ihnen auch so gehen“, erklärte er.

Ausstellung über Deporationen heimischer Juden eröffnet
Christine Wittenbauer und Manfred Brösamle-Lambrecht - zwei Gestalter der Ausstellung und maßgeblich zu ihrer guten Aufb... Foto: Markus Häggberg

Bezirksheimatpfleger empfiehlt Briefe der Weißen Rose

Als Bezirksheimatpfleger Professor Günter Dippold ans Rednerpult der Synagoge trat, sollte dieser, wie Meißner auch, das Thema noch etwas in Richtung Erinnerungskultur weiten. „Lesen Sie die Briefe der Weißen Rose“, empfahl Dippold für das Begreifen des Umstandes, dass der hundertausendfache Mord an den Juden auch NS-Funktionsträgern aus Verwaltung und Politik bekannt gewesen sein dürfte, wenn einfache Münchener Studenten doch davon auch wussten.

Und wie konnte es sein, so Professor Dippold weiter, dass der Altenkunstadter Heimatforscher Josef Motschmann mit einer Klage konfrontiert wurde, nur weil er mit dem einstigen NS-Bürgermeister von Lichtenfels', Wilhelm Krautheim, „einen Nazi einen Nazi genannt hat“?

Gabriela Schuller regte die Ausstellung an

Doch im Grunde begann die Ausstellung mit einer aufmerksamen Frau: Gabriela Schuller aus Coburg, Sekretärin am Gymnasium Albertinum. Im Februar 2021 und beim Lesen einer Broschüre zu „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ fiel ihr auf, dass die Deportation von Coburger Juden auf dasselbe Datum wie die der Lichtenfelser Juden fiel.

Ausstellung über Deporationen heimischer Juden eröffnet
Ein beeindruckter Moment auch bei Besucher und Studiendirektor Hubert Gehrlich. Foto: Markus Häggberg

„Demnach müssten die Coburger und Lichtenfelser Opfer im selben Zug gesessen haben“, so Schuller sich für diese Redaktion erinnernd. Sie schrieb – man kennt sich - ein Mail an den Lichtenfelser Manfred Brösamle-Lambrecht, seines Zeichens Studiendirektor a.D. und über das Geschichtsprojekt des Lichtenfelser Gymnasiums „13 Führerscheine“ (diese Redaktion berichtete) firm in Recherchen.

„Wir mussten doch was machen, und ich wollte wissen, was er davon hält“, so Schuller weiter. Brösamle-Lambrecht hielt viel davon, und bald kam es zu Zoom-Konferenzen zwischen ihm, Schuller, dem Coburger Stadtheimatpfleger Hubertus Habel, der Lichtenfelser Stadtarchivarin Christine Wittenbauer sowie dem Kulmbacher Studiendirektor a.D. Wolfgang Schoberth.

Ausstellung noch bis 8. Mai geöffnet

Daraus entstand nun die Ausstellung, die noch bis zum 8. Mai dieses Jahres Montag und Donnerstag von 16 bis 19 Uhr und Freitag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr geöffnet haben wird.

Auf Stelen finden sich die Lebenswege einstiger Mitbürger, aus der Masse des bloßen Geschichswissens hervorgehoben und in die Anschaulichkeit gesetzt. Erschütternd dabei auch die reine Sachlichkeit, das einstige kalte und neutrale „Verwaltungssprech“ im Umgang mit etwas, das dazu diente, Menschen in den Tod zu fahren.

So liest man auf einer Stele: Das Kürzel „Da“ war die Bahnkennung für „Deutsche Aussiedler“. Die Bahn berechnete der SS den normalen Fahrpreis von 4 Pfennig pro Person und Kilometer, gab aber bei mehr als 400 Personen 50 Prozent Mengenrabatt. Die Gestapo holte sich das Geld von den Deportierten wieder, die für die Fahrt in ihren Tod auch noch 60 RM zu bezahlen hatten.

Ausstellung über Deporationen heimischer Juden eröffnet
Sie brachte den Stein ins Rollen: Gabriela Schuller aus Coburg, aufgeweckte Leserin und frühzeitig netzwerkend. Foto: Markus Häggberg

Glück, dass Unterlagen nicht verbrannt worden sind

Dass Schicksale, Chiffren, Zahlen und sonstige Verquickungen zutage traten, war auch Rechercheglück geschuldet, wie Brösamle-Lambrecht nach dem offiziellen Teil der Veranstaltung erklärte. „Das große Glück war, dass die Würzburger Gestapo ihre Unterlagen dazu nicht verbrannt hat“, wozu sie eigentlich angehalten war.

 

Schlagworte