LICHTENFELS

Auf Museumstour zu Zeiten Coronas

Auf Museumstour zu Zeiten Coronas
Esther Schadt geht derzeit gerne auf Museumswanderung – und zwar online. Foto: Till Mayer

Esther Schadt ist passionierte Musikerin. Kultur ist der jungen Frau sehr wichtig. Nur alle Veranstaltungen sind abgesagt, die Museen zu. Zumindest bei letzteren gibt es aber eine Online-Alternative... Die testet sie im Deutschen Museum (München) aus.

„Am Mainufer breite ich meine Decke aus und genieße die Sonnenstrahlen. Ein paar Enten kommen neugierig angewatschelt, während ich meinen kleinen Laptop auspacke.

Die Aktion ,Digitales Wochenende der Museen' ermöglicht Besuche auch in Zeiten von Corona. Nur wenige Klicks, und schon lande ich im Deutschen Museum in München, wo mich Generaldirektor Wolfgang M. Heckel willkommen heißt: ,Ich darf Sie mitnehmen auf eine kleine Reise in die Welt der Naturwissenschaft und Technik.' Eine Glastür öffnet sich, und schon stehe ich in einer großen Halle. Der Rundgang beginnt.

Im Reich der 50 Abteilungen

Ein echtes Segelschiff steht Mitten im Raum. Der Mast reckt sich der Decke entgegen, und die alten Planken scheinen so manche Geschichte erzählen zu können. In mehr als 50 unterschiedlichen Abteilungen, quasi hinter dem Schiff, finden sich die großen Meisterwerke der Natur und Technik. Heckel zitiert aus einem der ersten Museumsführer aus dem Jahre 1928: ,Der gesamte Weg durch die Sammlungen beträgt rund 15 Kilometer. Ein flüchtiges Durchschreiten des ganzen Museums erfordert etwa drei Stunden. Für eine kurze Einzelbesichtigung der Gegenstände hat man mindestens zwölf Stunden, für eingehenderes Studium mindestens mit 24 Stunden zu rechnen.'

Da erspare ich mir so manchen Weg, denke ich mir. Das Deutsche Museum will mit seinen Exponaten die Verwobenheit der unterschiedlichen technischen Gebiete zeigen: ,All die Grundlagen, die die Menschen in die Lage versetzt haben, technische Erkenntnisse seiner Zeit umzusetzen zum Wohle der Menschheit.'

Währenddessen laufen wir an verschiedenen Flugzeugmodellen vorbei. Kaum zu glauben, dass die zerbrechlich wirkenden Fluggeräte früher tatsächlich in die Luft stiegen. Heckel deutet auf ein rotes Propellerflugzeug und fügt hinzu: „Jedoch nicht immer zum Wohle der Menschheit, wenn man hier eine Fokker aus dem 1. Weltkrieg anschaut.“ Es ist die Maschine des Roten Barons. Das Fliegerass brachte vielen den Tod.

„Technik ist immer ambivalent, hat in der Gesellschaft positive, aber auch negative Aspekte und genau das ist, was das Deutsche Museum mit seinen Besuchern, mit der Gesellschaft diskutiert“, erklärt der Generaldirektor.

Mit einem kurzen Blick nach oben entdecke ich weitere, mir ,unbekannte Flugobjekte' an der Decke der großen Halle. Heckel gibt bei all der Faszination zu bedenken: ,Welche Technik wollen wir, das ist das Grundkonzept. Menschen in die Lage zu versetzen, über die Vergangenheit zu erfahren, und damit die Zukunft besser zu gestalten.'

Als nächstes führt unser Weg in die Kraftmaschinenhalle des Deutschen Museums, die als Sinnbild der Industrialisierung bezeichnet werden kann.

„Welche Technik wollen wir, das ist das Grundkonzept. Menschen in die Lage zu versetzen, über die Vergangenheit zu erfahren, und damit die Zukunft besser zu gestalten.“
Wolfgang M. Heckel, Generaldirektor Deutsches Museum

Lautlos bewegen sich die wuchtigen Metallteile der riesigen Dampfmaschine. Sie reicht beinahe bis zum Dach der großen Halle. ,Diese Dampfmaschine kam zum Einsatz in einer Spinnerei und ist natürlich ein Meisterwerk der Maschinenbaukunst', schwärmt Heckel. Ich bin überrascht, dass die Exponate tatsächlich noch voll funktionsfähig sind. Als hätte er meine Gedanken gelesen, berichtet daraufhin der Direktor: ,Alles hier funktioniert.

Auf Museumstour zu Zeiten Coronas
Gemütlich im Grünen sitzende durch die Museen der Welt ganz digital „schlendern“. Foto: ReD

Selbst Steve Jobs kam 1985 persönlich ins Deutsche Museum und den ersten Apple Computer in die Obhut des Direktors übergab. Dieser ist nun ebenfalls als Ausstellungsstück zu bewundern. Irgendwie sieht der kleine weiße Kasten ein bisschen aus, wie ein alter Röhrenfernseher, den Oma und Opa zuhause hatten. Nur eben kleiner.

„Wir sind stolz darauf, dass wir die Anfänge der Computertechnik zeigen können“, sagt Heckel. Wir machen einen großen Sprung in der Weltgeschichte und laufen am Tisch vorbei, an dem in den 1930-er Jahren die Kernspaltung entdeckt wurde. Die Auswirkungen dieser neuen Technik auf die Menschheit sind wohl jedem bekannt. Es mahnt uns, Technik in der Gesellschaft ernst zu nehmen und zu hinterfragen.

Dem Urkilogramm auf der Spur

Auf einem Podest und hinter Glas entdecke ich das ,Urkilogramm', das ganz präzise genau ein Kilo wiegt. ,Das ist die rundeste Kugel der Erde', beschreibt der Generaldirektor das Stück. Die Metallkugel ist von der Größe etwa vergleichbar mit einem Apfel. Auch das bekannte Pendelexperiment findet sich im Deutschen Museum: Hierfür sind Kugeln an einer Holzvorrichtung aufgehängt und Heckel stößt die äußerste Kugel an. Daraufhin erreicht dieser Impuls auch die Kugel auf der anderen Seite, die nach außen schwingt: ,Impulserhaltung zu verstehen, wie diese Kugel weiß, dass sie von dieser angestoßen wird, das ist nach wie vor ein Geheimnis. Die Natur hat uns Geheimnisse gegeben, die wir zwar mithilfe der Physik und der Mathematik beschreiben können, aber ob wir sie auch verstehen können, das ist eine ganz andere Frage.'

„Die Natur hat uns

Geheimnisse gegeben, die

wir zwar mithilfe der Physik

und der Mathematik beschreiben können, aber ob wir sie auch verstehen können, das ist eine ganz andere Frage.“

Wolfgang M. Heckel,

Deutsches Museum München

Wir laufen eine lange weiße Treppe hinauf, deren gläserne Seitenwände einen Blick durch die Halle erlauben: ,Wir gehen jetzt in unser DNA-Experimentierlabor', verkündet Heckel. Das Labor ist eine große, schwebende Kuge, in der ich mich an den weißen Tischen wie ein echter Forscher fühle. Hier lernen Schüler normalerweise, wie man einen Abstrich aus der Mundschleimhaut nimmt und ihn vervielfältigt, damit der unter dem Mikroskop sichtbar wird. ,Das ist genau die Technik, mit der man heute den Covid-19 Nachweis führt', erklärt der Generaldirektor des Museums.

Meine Reise führt mich auch in die Sonderausstellung ,Kosmos Kaffee'. ,Normalerweise würde Sie hier der Barista begrüßen', sagt Heckel. Insgesamt 34 verschiedene Möglichkeiten des Kaffees können im modernen Ambiente probiert werden. Das ist online leider nicht möglich, aber natürlich kann man auch so einen Kaffee beim digitalen Rundgang trinken. ,Schauen wir doch mal kurz in die Ausstellung, was wir über den Kosmos Kaffe zu sagen haben', meint Heckel. Sogar die kleinste Kaffeemaschine dieser Erde ist hier vertreten. Die goldene Maschine produziert genau einen Tropfen Kaffee.

Reise durch die Welt der Naturwissenschaft

Unsere Reise durch die Welt der Naturwissenschaft und Technik endet in der Experimentier-Werkstatt, die einem Klassenzimmer ähnelt. ,Normalerweise ist hier ein großer Trubel. Viele Kinder basteln', erzählt Heckel. ,Die Experimente kann man sich jetzt bequem von zuhause aus ansehen, indem man wie ich, einen virtuellen Rundgang im Deutschen Museum macht. Diese interessante Reise kann ich jedem ans Herz legen. In diesen Zeiten ist das Wichtigste, dass wir die Regeln einhalten, die zwischenmenschlichen Abstände, die Vorsichtsmaßnahmen und es werden bessere Zeiten kommen. Dann wird es hier wieder Brummen. Dann freue ich mich, Sie persönlich wieder im Deutschen Museum begrüßen zu dürfen', freut sich der Generaldriektor.“

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