LICHTENFELS

Plötzlich Opfer blindwütigen Hasses

Aus Anlass der sich am 9. November zum 75. Mal jährenden schlimmen Ereignisse der Reichspogromnacht findet in diesem Jahr eine Reihe von Veranstaltungen statt. Den Anfang machte am vergangenen Samstag der CHW-Vorsitzende Prof. Dr. Günter Dippold. Bei einer CHW-Führung durch die Innenstadt, an der sich trotz Nieselregens etwa 80 Bürger beteiligten, ging er unter dem Thema „Leben und Verfolgung der Lichtenfelser Juden“ nicht nur auf die brutalen Misshandlungen der jüdischen Mitbürger in dieser Nacht ein, sondern erzählte vor deren einstigen Wohn- und Geschäftshäusern von deren Schicksalen, die lange Zeit als engagierte Geschäftsleute, Unternehmer und Freiberufler, also als aktive Mitglieder der städtischen Bürgerschaft, hohes Ansehen genossen und plötzlich Opfer von Rassismus und blindwütigem Hass wurden.

Erstmals 1268 erwähnt

Dr. Dippold erinnerte kurz an die lange Geschichte der Juden in Lichtenfels, die erstmals 1268 erwähnt werden und die immer wieder mit Ausweisungen und Benachteiligungen zu kämpfen hatten. So habe der Lichtenfelser Stadtrat noch 1710 verlauten lassen, dass die Juden in die Winkel – fern der Hauptstraßen – gehören. Erst im 19. Jahrhundert normalisierten sich die Verhältnisse.

Am Startpunkt vor der Stadtpfarrkirche machte der Bezirksheimatpfleger auf das Haus Marktplatz 30 (heute: Zauritz Immobilien) aufmerksam, das ab 1853 in jüdischem Besitz war und 1897 von dem Korbhändler Max Marchand erworben wurde. Dessen Sohn Willy sei 1931 entmündigt, 1936 in die Heil- und Pflegeanstalt Kutzenberg eingewiesen und 1940 zusammen mit weiteren Insassen als kognitiv behinderter Mensch vom Nazi-Regime ermordet worden.

Besonders stellte der Referent Carl Kraus heraus, der am Marktplatz 21 (ehemaliges Sanitätshaus Haas) einen Schnittwarenhandel betrieb. Der angesehene Bürger war Mitglied im Handelsgremium, der Feuerwehr, des Stadtrats (seit 1924), Vorstand des Bayerischen Textileinzelhandelsverbandes und Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde. Nachdem man ihn Anfang Februar 1933 noch im Stadtrat anlässlich seines 75. Geburtstages geehrt und als Vorbild gelobt hatte, wurde er wenig später nach der Machtergreifung der Nazis aus dem Stadtrat entfernt und aus allen Vereinen ausgeschlossen. Sein Geschäft wurde in der Pogromnacht geplündert.

Einen Tag vor der Pogromnacht seien zwei jüdische Eigentümer von Fleischbänken im Rathaus, das man bekanntlich einst als multifunktionales Gebäude nutzte, vom Lichtenfelser Bürgermeister enteignet worden, betonte Prof. Dippold. Er machte auch auf das 1753/54 erbaute markante Haus am Marktplatz 15 (Buchhandlung Schulze) aufmerksam, das sich von 1827 bis 1918 über drei Generationen hinweg im Besitz der jüdischen Familie Zenner befand.

Opfer der Schoah

Auch das Haus in der Inneren Bamberger Straße 14 (heute Mode Deuerling) war im Besitz jüdischer Familien. Ab 1841 gehörte es dem Schnitt- und Spezereihändler Koppel Brüll, 1881 erwarb es der Korbhändler und Vorsitzende der israelischen Kultusgemeinde Samuel Kohn, ehe es 1908 an Nathan Oppenheimer, Inhaber eines Textilgeschäftes, und später an dessen Sohn Alfred überging. Alfred Oppenheimer sowie seine Mutter und seine Frau wurden kurz vor ihrer Emigration in die USA verhaftet und fielen wie viele andere Leidensgenossen der Schoah (Holocaust) zum Opfer.

Außer auf andere Gebäude ging der Referent bei dem Rundgang auch noch auf das ehemalige Gelände der Firma Knorr & Friedrich ein. Auf diesem Platz hätten die Söhne Philipp und Fritz des aus Mitwitz stammenden Flechtwarenherstellers David Bamberger 1875 ein Filialunternehmen gegründet, das 1939 „arisiert“ wurde. Fritz Bamberger sei in ein Konzentrationslager deportiert worden, wo er 1942 verstarb.

Weiter ging es durch die Bahnhofstraße, wo sich einst gegenüber dem Bahnhofsplatz mit den Korbhändlern Zinn und Pauson zwei renommierte Firmen angesiedelt hatten. Samuel Zinn, Sohn des Korbmachers Baruch Zinn aus Redwitz, eröffnete 1876 ein Geschäft in Lichtenfels, das später seine Söhne Sigmund und Philipp weiterführten. 1938 erlosch die Firma. Paul Zinn, ein Sohn von Sigmund, vergiftete sich unter dem Eindruck der Ereignisse der Pogromnacht. Sein Bruder wanderte noch rechtzeitig aus.

Heute Sitz des Obermain-Tagblatts

Während auf dem Platz der Sparkasse einst das Wohnhaus von Philipp Zinn stand, musste die Zinnsche Halle 1955 dem Striwa-Neubau weichen. Die Söhne des Redwitzer Korbmachers Salomon Pauson, Adolf und Pankraz, kauften 1880 in Lichtenfels das Haus des Wirtes Andreas Hetz (heute Sitz des Obermain-Tagblatts) und erweiterten es. Adolfs Söhne Stefan und Robert führten das Geschäft weiter, ehe es im Dritten Reich unterging.

Dr. Dippold schilderte eingehend die schlimmen Ereignisse der Pogromnacht. So rammte eine drei Mann starke Rotte unter „Hauruck-Rufen“ mit einem Balken die Haustüre des Anwesens von Robert Pauson ein und zerschlugen die ganze Einrichtung. Die mit einer Hausangestellten allein anwesende Frau Pauson rief den Eindringlingen in ihrer Verzweiflung zu: „Wenn ihr Blut sehen wollt, dann schießt mich doch tot“. Der Familie Pauson gelang noch rechtzeitig die Emigration, wobei sich der Sohn Peter Pauson als Universitätsprofessor einen Namen als Chemiker machte.

Aufgebrachter Mob

Bei der Synagoge angekommen, schilderte der Bezirksheimatpfleger die Gewalttaten in der Pogromnacht beim jüdischen Gotteshaus. Als Quellen dienten Akten der Staatsanwaltschaft sowie die Aussagen des damals 15-jährigen Walter Kohn und zweier Lichtenfelser Frauen. Der aufgebrachte Mob, darunter uniformierte Hitlerjungen, zerschlug und demolierte nicht nur die Inneneinrichtung der Synagoge, sondern zerstörten auch die Einrichtung der Wohnung des im angrenzenden Gemeindehaus lebenden Lehrers Arnold Seliger und peinigten dessen Frau Sophie, deren Leiche man Wochen später im Main fand. Arnold Seliger wurde 1942 deportiert. Ab Frühjahr 1940 brachte man die noch verbliebenen Lichtenfelser und Seubelsdorfer Juden im Gemeindehaus unter, ehe man sie 1942 deportierte und ermordete.

Für alle Anwesenden war es ein bedrückendes Gefühl, daran erinnert zu werden, wie auch geachtete Lichtenfelser Bürger jüdischen Glaubens planmäßig entrechtet, enteignet und ermordet wurden. Weil es eine kollektive Verantwortung gebe, sollte man dieser Menschen gedenken, meinte Prof. Dippold abschließend und bat statt Beifall um ein stilles Memento.