LICHTENFELS

Islingerin entführt in den digitalen Märchenwald

Margit Schreppel begeistert die jüngsten Märchenfreunde beim digitalen Vorlesen. Foto: Iris Birger

Lichtenfels Das Töchterchen ist schwer begeistert. Mutter Iris Birger folgt der Vierjährigen gerne in den digitalen Märchenwald. Dort ist Margit Schreppel zu finden. Die Märchenerzählerin aus Isling verzaubert ihre Zuhörer mit Märchen, die es auf YouTube zu erleben gibt. Hinter dem Angebot stecken die Aktiven Bürger. Denn auch in Zeiten von Corona und Ausgangsbeschränkungen ist das Ehrenamt nicht abgesagt. Aber es muss sich erstmal andere Wege suchen, meinen Josef Breunlein und Winfried Tiedge von den Aktiven Bürgern Lichtenfels. Insbesondere Jutta Vogel und Edith Güthlein, den dort Zuständigen für Leseförderung, liegen die Lesepaten sowie das neue Format „Margits Märchenkanal“ sehr am Herzen. Mit der Märchenerzählerin Margit Schreppel unterhielt sich Iris Birger per Videokonferenz. Einen Auszug aus dem Gespräch lesen Sie hier:

Frage: Liebe Frau Schreppel, warum eigentlich fangen alle Märchen mit „Es war einmal“ an?

Margit Schreppel: Vielleicht, weil etwas Rituelles in unseren Märchen steckt. Sprichwörter, Floskeln und magische Sätze erwecken den Zauber der Geschichte. Kinder mögen diese Wiederholungen, da sie etwas Verlässliches sind. „Es war einmal“ ist die Einladung zum Märchen. Vielleicht in etwa so, wie das Logo ganz oben auf einer Website.

Wie wurden Sie zur Märchenerzählerin?

Schreppel: Ich arbeite schon immer im medizinisch-therapeutischen Bereich. Mein Weg begann als Krankenschwester, dann folgten die Heilpraktiker-Ausbildung und viele weitere Fortbildungen. Wenn man sich einmal auf den Weg macht, gibt es immer Überraschungen. So traf ich auf Edeltraud Galitschke, eine vollberufliche Märchenerzählerin. Sie weckte meine Freude und mein Talent fürs Erzählen. Es folgte eine Märchenerzähler-Ausbildung. Mein erster Auftritt war ein Erzähl-Nachmittag für Erwachsene auf Schloss Oberau. Auf Anhieb erschienen 50 Zuhörer, und ich war gerührt von dieser Resonanz. Anfangs noch zögerlich, bringe ich nun die Märchen immer mehr in meine Arbeit ein – als Erzählungen in meinen Seminaren oder zur persönlichen Weiterentwicklung beim Märchen-Coaching. Denn Märchen sind Lebensgeschichten, hilfreich und heilsam für Menschen in jedem Alter.

Was macht einen guten Erzähler oder Vorleser aus? Gibt es da einen Unterschied?

Schreppel: Ja, den gibt es. Beim Erzählen habe ich kein Buch zur Hand, denn ich habe die Geschichte zuvor einstudiert. Bei Märchen ist das ganz besonders wichtig. Ein Kind sollte daher nicht allein vor dem CD-Player sitzen, dem Märchen folgen und dabei mit seinen Fragen und Emotionen auf sich allein gestellt sein. Beim Erzählen kann ich mit den kleinen Zuhörern interagieren, sollten einmal Emotionen hochkommen.

Nun zählen die meisten Erwachsenen eher zur Gruppe der Vorleser...

Schreppel: Auch hier habe ich einige Tipps, wie Sie das Vorlesen wirkungsvoller gestalten können, so dass eben nicht auf der allabendlichen Liste steht: erst vorlesen, dann Zähne putzen, umziehen und schnell ins Bett, Licht aus. Das wäre wirklich schade. Legen Sie stattdessen vielmehr Wert auf das Ritual des Vorlesens. Kinder lieben Rituale. Wie wäre es mit einer selbstgebastelten Vorlesekerze oder einer Klangschale, die am Anfang und Ende ertönt? Achten Sie auf ein angenehmes Licht und eine kuschelige Atmosphäre. Ebenso wichtig: Lesen Sie die Geschichte zunächst erst einmal für sich alleine durch, um besondere Aspekte bereits vorher zu kennen.

Ich gebe zu, ich finde manche Märchen selbst heute noch geradezu gruselig. Wie wählt man nun für den eigenen Nachwuchs mit Bedacht das richtige Märchen aus?

Schreppel: Sehen Sie zunächst einmal das Positive in Märchen: Sie sind und bleiben Mutmach-Geschichten für Klein und Groß. Als Zuhörer kann ich in die Rolle der Figuren schlüpfen. Dabei ist wichtig zu wissen: Märchen gehen in der Regel immer gut aus. Sie lehren uns dabei allerdings auch, dass wir hierfür Mut haben müssen. Die Kinder erkennen schnell, dass der kleine Schwache oder der anfängliche Dümmling auch gewinnen kann. Egal wie meine Ausgangssituation also ist – am Ende kann ich der König oder die Königin sein. Ein gutes Alter zum Start in den Märchenwald ist die Altersstufe ab vier Jahren.

Die Empfindung „gruselig“ entstammt eher unserer Erwachsenenvorstellung und damit verbunden unseren eigenen Kindheitserfahrungen. Wir selbst wurden früher mit Märchen und deren Wirkung auf uns viel häufiger allein gelassen. Zum Glück ist das heute anders. Die Kinder stehen vielmehr im Zentrum. Vertrauen Sie ihren Kindern. Kinder haben ihre eigenen inneren Bilder, wenn sie Märchen hören, und diese sind oft ganz anders, als die von uns Erwachsenen. Das erlebe ich auch immer wieder in der Kindertrauerbegleitung. Verstecken Sie die Wahrheit nicht vor ihrem Kind. Das Gleiche gilt für Märchen. Wenn Sie gemeinsam mit Ihrem Kind durch eine beängstigende Stelle im Märchen gehen, so wird diese Erfahrung Ihr Kind stärken.

Margit Schreppel hat beim Märchen erzählen schon mal eine richtige Krone zur Hand. Foto: Iris Birger

Erzählen ist somit ein Geschenk an unsere Kinder, an unseren Partner oder unsere Freunde. Haben wir es verlernt zu erzählen? Haben wir womöglich sogar verlernt zuzuhören?

Schreppel: Ja, das kann ich bestätigen. Die Zeit ist schnelllebig und stressig geworden. Wir sind mit unseren Gedanken nicht dort, wo unser Körper gerade ist. Unser Geist ist sehr unruhig und schaltet schwer ab. Doch Märchen schaffen es, unseren Geist zu entspannen. Sie holen uns aus dem hektischen Alltag heraus und lassen uns eintauchen in eine andere Welt, in der wir ganz präsent sind, im Hier und Jetzt, ähnlich wie bei der Meditation. Deshalb verstärkt eine schöne, entspannte Atmosphäre die Wirkung des Märchens.

Abschließend habe ich noch eine mit einem Augenzwinkern gemeinte Frage. In welchem Märchen hätten Sie selbst gerne einmal mitgespielt?

Schreppel: Ich selbst würde mich nicht als Prinzessin im prunkvollen Schloss sehen. Viel lieber bin ich in der Natur unterwegs und sehe die Liebe als die größte Kraft im Leben. Daher hätte ich wohl als Kind gerne in Jorinde und Joringel mitgespielt. Zur Zeit erzähle ich sehr gerne „Die Kinder des Lir“, eine irische Nationalsage, die es in unterschiedlichen Varianten gibt. Beides könnte ich mir für mich persönlich gut vorstellen.

Rückblick

  1. Wie der Schlachthof in Coburg zum Kreativzentrum wird
  2. Corona-Tagebuch: Wenn der Zug abgefahren ist
  3. „Ich habe persönlich die Folgen des Virus gesehen“
  4. Sophia Weihermüller liebt den Garten und Laufen
  5. Andreas Kerner: Kordigastdoku lässt den Spendenrubel rollen
  6. Corona-Tagebuch: Die Freude des „Makusmakus“
  7. Corona-Tagebuch: Das das richtige Quantum Glück
  8. Stefan Büttner: „Therapie ist sicher und wichtig“
  9. Corona-Tagebuch: Die Sache mit dem Läufer
  10. Faktencheck: Faktencheck: Bin ich nur für mich selbst verantwortlich?
  11. Digitale Berufkompetzenwochen: Eine Chance für Geflüchtete
  12. Dr. Bernhard Sommerfeldt: Der Serienkiller aus Bamberg
  13. Corona-Tagebuch: Bücher, Geschenke und das Sparen
  14. Wollschwein, Einhorn und Kinderbuchautorin Judith Allert
  15. Corona-Tagebuch: Der Pulli duftet und hat ein Loch
  16. Corona-Tagebuch: Von Eleganz, Leichtigkeit und dem Charme
  17. Roberto Bauer: Damit altes Leben zurück kommt
  18. Christian Krappmann setzt ein Zeichen der Solidarität
  19. Dialyse-Patientin: Das Warten auf die Impfung
  20. Faktencheck: Bin ich nur für mich selbst verantwortlich?
  21. Corona-Tagebuch: Von Eleganz, Leichtigkeit und dem Charme
  22. Unsere Aktion: Gemeinsam gegen das Virus
  23. Faktencheck: Corona ist eben nicht „nur eine Grippe“
  24. Corona-Tagebuch: Und er wird kommen
  25. Jugendzentrum Lichtenfels: Der Skatepark im Winterschlaf
  26. Corona-Tagebuch: Vater, Sohn und Gitarrenspiel
  27. Projekt gegen Fake News: Alles klar dank „Ernährungsradar“
  28. Corona-Tagebuch: Feuchte Träume, tröpfchenweise Intelligenz
  29. Malte Müller als Künstler im Lockdown
  30. Corona-Tagebuch: Zum Date am besten in Hosen kommen
  31. Strössendorf: Ein Gottesdienst über, mit und für die Liebe
  32. Corona-Tagebuch: Ulrike, die Couch-Arbeiterin
  33. Till von Weismain: Major im Rathaus, General im Korridor
  34. Corona-Tagebuch: Ulrike, die Couch-Arbeiterin
  35. Corona-Tagebuch: Der erste Kuss für einen Medaillenträger
  36. Pfarrerin Salzbrenner: Von Einsamkeit, Angst und Hoffnung
  37. Corona-Partys, Brexit und... Lauch
  38. Corona-Tagebuch: Freiheit und Essigreiniger
  39. Schön Klinik: Herausforderungen zu Zeiten der Pandemie
  40. Corona-Tagebuch: Schluss mit der schnöden Sparsamkeit
  41. Corona-Tagebuch: Wenn die Heike kocht
  42. Große Telefonaktion: Was Corona mit der Psyche macht
  43. Corona-Tagebuch: Corona-Impfung und das Tatoo
  44. Koordinierungsstelle für den Main nimmt Arbeit auf
  45. Corona-Tagebuch: Shrek und verkochte Nudeln
  46. Till von Weismain: Fastnacht im Eimer
  47. Corona-Tagebuch: Jetzt mal ganz erwachsen
  48. Michael Göbel führt ein Leben für das Leben anderer
  49. Realschule Burgkunstadt: Morgenritual im Computerraum
  50. Corona-Tagebuch: Marmelade-Deckel und Corona-Trägheit

Schlagworte