LICHTENFELS

Intensivpfleger zu Zeiten von Corona

Christian Schober (43) arbeitet als Intensivpfleger am Regiomed Klinikum Lichtenfels. Foto: Till Mayer

Die Corona-Krise ist eine gewaltige Herausforderung für unsere Gesellschaft. Christian Schober (43) arbeitet als Intensivpfleger am Regiomed Klinikum Lichtenfels. In vorderster Front, wenn man das Kriegsvokabular nimmt, das in Zeiten von Corona gerne bemüht wird. Doch der Pfleger will keine Heldenverklärung. Jetzt zählt für ihn etwas ganz anderes.

„Ich bin inzwischen seit 28 Jahren am Klinikum Lichtenfels tätig, aber eine Situation wie momentan habe ich während meiner Arbeit in all den Jahren noch nicht erlebt. Als Intensivpfleger gehöre ich zu den sogenannten systemrelevanten Berufen und bin einer derjenigen, den die Corona-Pandemie unmittelbar betrifft – nämlich bei meiner täglichen Arbeit.

Auch wenn die Bedingungen momentan etwas anders sind als gewöhnlich – den Vorsatz zu helfen hat man dabei immer und man freut sich auch immer, wenn es einem Patienten wieder gut geht. Die ganze Heroisierung, die momentan vorherrscht, finde ich persönlich daher etwas fehl am Platz. Die Verhältnismäßigkeiten sind jetzt einfach anders und die Umstände etwas erschwerter. Und natürlich nimmt einen die ganze Situation körperlich und psychisch schon etwas mehr mit als sonst. Auch sonst gibt es immer wieder Fälle, die einen besonders berühren und lange nicht loslassen. Aber im Moment ist das leider schon fast zur Regel geworden.

„Die ganze Heroisierung, die momentan vorherrscht, finde ich persönlich daher etwas fehl am Platz.“
Christian Schober, Intensivpfleger

Das Thema „Corona“ umfasst irgendwie alles und beherrscht das ganze Leben. Und wenn man dann mal einige Tage frei hat, kann man auch schlechter abschalten als vorher. Ich sage immer: Man nimmt das Krankenhaus mehr mit nach Hause.

Als das Ganze losging, war das natürlich für uns alle eine befremdliche Situation. Besonders dann, als wir feststellen mussten, dass uns die Sache wohl doch mehr betreffen wird, als man zu Beginn angenommen hat. Während wir im Klinikum auf den ersten Fall warteten, von dem wir – auch wenn wir es nicht hofften – alle wussten, dass er irgendwann kommen wird, haben wir uns natürlich alle gefragt, welche Auswirkungen das Ganze auf uns und unsere Arbeit haben würde. Die Schutzmaßnahmen und das alles kannten wir zwar, aber trotzdem war es ja irgendwie eine neue Situation mit zumindest vermeintlich höherem Ansteckungspotential. Man hat sich also schon seinen Kopf gemacht, wie man damit umgeht, wenn die ,Welle' erst mal da ist.

An dieser Stelle möchte ich ein ganz besonderes Lob an unseren Chefarzt Dr. Keil aussprechen und an alle anderen, die uns bereits im Vorfeld wirklich hervorragend auf die neue Situation vorbereitet haben. Das hat viel dazu beigetragen, dass uns gewisse Unsicherheiten genommen wurden und wir uns bei unserer Arbeit „gut aufgehoben“ fühlten. Wir bekamen genau erklärt, was sich ändern wird, wie die Krankheit verläuft und was das für unsere Tätigkeit bedeutet, … Das hat es manchmal natürlich auch nicht leichter gemacht – eben, weil man ganz genau wusste, was auf einen zukommen kann. Auch die Wichtigkeit der Schutzmaßnahmen und der Hygiene spielte bei der Vorbereitung eine wichtige Rolle und uns wurde einmal mehr bewusst, welchen hohen Stellenwert das für unsere Arbeit hat und haben muss. Ich habe es als unwahrscheinlich wichtig empfunden, dass wir hier im Vorfeld sehr gut geschult wurden.

Gedanken, wie Abläufe optimiert werden können

Aber auch wenn wir von Anfang an gut vorbereitet waren, war es doch erstmal befremdlich, wenn man dann die ersten Berührungspunkte hatte. Die meisten Dinge, wie zum Beispiel Schutzbrillen, kannten wir zwar schon, aber das Ganze hatte einfach noch mal ein größeres Ausmaß als sonst. Und natürlich sind wir auch darauf bedacht, Material zu schonen und nicht unnötig Ressourcen zu verbrauchen. Da überlegt man dann auch noch mal ganz anders, wie man vorgeht. Man muss sich mehr Gedanken machen, wie zum Beispiel Abläufe optimiert und besser strukturiert werden können. Was brauche ich und was kann ich vielleicht schon vorbereiten, wenn ich sowieso ins Zimmer gehe?

Dazu kommt, dass man durch die Schutzkleidung schon ein bisschen gehandicapt ist. Die Körperpflege beim Patienten oder auch die Lagerungsmaßnahmen, die ein großer Bestandteil der Therapie sind, sind unwahrscheinlich körperlich intensiv und anstrengend, und das wird durch die Schutzkleidung natürlich noch verstärkt. Auch das Atmen fällt unter der Schutzmaske schwerer als sonst und am Schluss einer Schicht merkt man deutlich, dass man müder und erschöpfter ist als für gewöhnlich – einfach weil die zusätzlichen Schutzmaßnahmen einen auch zusätzlich fordern.

Hinzu kommt natürlich, dass man nichts falsch machen will. Der Kopfstress ist hier schon enorm. Man muss permanent darauf achten, dass man nichts vergisst, nichts übersieht, keine Fehler macht – zum Schutz der anderen Patienten, aber natürlich auch zum eigenen Schutz. Auch das wurde uns von Anfang an verdeutlicht – dass man auch Fehler machen kann, die die Ansteckungsgefahr für einen selbst erhöhen. Dazu gehören schon Kleinigkeiten, wie sich nicht ins Gesicht zu fassen.

„Man braucht sich gegenseitig unwahrscheinlich, jetzt noch mehr als sonst.“
Christian Schober, Intensivpfleger

Aber das Wichtigste ist für mich, dass die ganze Situation keine ,One-Man-Show' ist. Man braucht sich gegenseitig unwahrscheinlich, jetzt noch mehr als sonst. Das gute Miteinander in unserem Team bekommt dadurch noch mal einen ganz anderen Stellenwert. Sich gegenseitig helfen, sich auffangen, sich unterstützen – dieses Wir-Gefühl empfinde ich als wirklich unglaublich positiv und wichtig. Jeder bringt sich ein, alle packen mit an – und ich denke, gerade darauf kommt es im Moment mehr denn je an. Und damit meine ich nicht nur die Ärzte und Pflegekräfte. Auch die Reinigungskräfte oder die Handwerker, die die Stationen entsprechend umgebaut haben – jeder muss sich auf neue Situationen einstellen und jeder versucht es, trotz Mehrbelastung, so gut wie nur möglich zu machen. Alle Zahnräder greifen dabei ineinander und die Bereitschaft ist wirklich enorm.

Aber das Ganze war und ist auch nach wie vor ein Prozess, der sich fortlaufend weiterentwickelt. Man tastet sich langsam hin, an der einen oder anderen Stelle ist vielleicht manchmal noch etwas Sand im Getriebe und es knirscht auch mal ein bisschen. Aber dann versuchen wir das gemeinsam zu lösen und werden jeden Tag besser. Ich denke, in dieser Krise momentan machen wirklich alle hier einen tollen Job – jeder in seinem Bereich und jeder nach seinen Möglichkeiten.“

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