LICHTENFELS

Corona-Krise: Riesige Hilfsbereitschaft am Obermain

Jannik Spielmann wohnt in der Auwaldsiedlung in Bad Staffelstein. Für Menschen in seinem Viertel, die einer Risikogruppe angehören, hat er einen Einkaufsservice angeboten. Gemeldet hat sich niemand bei ihm. Foto: Annette Körber

Die Familie Kreutner ist froh. „Wie wir diese Situation erleben? Als sehr unangenehm“, sagt Alexander Kreutner, 81 Jahre alt. „Und mit den Helfern ist es sehr angenehm. Das ist eine wunderbare Sache, dass der Bürgerverein eine solche Aktion gestartet hat.“

Der Verein bietet für Redwitzer, die Risikogruppen angehören, während der Ausgangsbeschränkungen wegen des Coronavirus einen Einkaufsservice. „Natürlich ist die Situation komisch, wenn man nicht selbst aussuchen kann, was man kaufen möchte“, findet Kreutner. Aber momentan verlasse er das Haus lieber nicht. Umso mehr freut er sich über den Service des Bürgervereins. Seine Bitte: „Loben Sie diese Menschen, dass sie das problemlos machen, ohne zu klagen, ohne etwas dafür zu verlangen. Wir sind so dankbar, dass es so etwas gibt.“

„Es herrscht eine richtige Euphorie im Verein. Die Hilfsbereitschaft ist echt groß.“
Jürgen Gäbelein, Bürgerverein Redwitz

Die Fäden für die Aktion laufen bei Vorsitzendem Stephan Arndt zusammen. Er koordiniert über 30 Helfer. „Wir sind stolz darauf, dass das nicht nur Vereinsmitglieder sind“, betont Arndt.

Die Redwitzer waren wohl so ziemlich die ersten, die im Landkreis so ein Angebot auf die Beine gestellt haben: Sie starteten am Wochenende des 14./15. März damit, Flyer zu verteilen, erklärt Jürgen Gäbelein, der im Bürgerverein die Öffentlichkeitsarbeit verantwortet.

Innerhalb von drei Wochen haben die Helfer 26 Einkäufe übernommen. Wer nicht im Supermarkt unterwegs ist, besorgt für die Einkäufer Desinfektionsmittel, Einweghandschuhe und Einkaufstaschen, erklärt Arndt. Zwei Personen nehmen die Anrufe entgegen. Und er selbst vergibt die Aufträge, wobei die Organisation in einer WhatsApp-Gruppe die Kommunikation erleichtert.

Das Angebot gilt bis zum Ende der Ausgangsbeschränkungen

„Wenn eine Anfrage kommt, melden sich immer gleich mehrere Helfer“, beschreibt Gäbelein, wie das in der WhatsApp-Gruppe läuft. „Es herrscht eine richtige Euphorie im Verein. Die Hilfsbereitschaft ist echt groß.“ Er erklärt sich das auch damit, dass viele jetzt zuhause sind – und sich dann auch freuen, wenn sie mal rauskommen.

Jannik Spielmann hat in der Auwaldsiedlung in Bad Staffelstein seine Hilfe angeboten. Foto: Sandra Kiesewetter

Das hört sich aber auch nach nicht wenig Arbeit für die Organisatoren an. Arndt wischt die Frage weg. „Man muss Solidarität zeigen in dieser Situation.“ Das Angebot gelte auf jeden Fall bis zum Ende der Ausgangsbeschränkungen.

Von Redwitz bis Ebensfeld, von Michelau bis Weismain: Wer Hilfe braucht, der findet sie. Überall im Landkreis gibt es Vereine, Gruppierungen, aber auch Einzelpersonen, die nicht einfach nur warten wollen, bis diese Krise überwunden ist. Sie wollen ihren Beitrag leisten, indem sie sich um die kümmern, die besonders gefährdet sind und deshalb die Wohnung besser nicht verlassen sollten.

In Baiersdorf gehen die Fußballer nicht trainieren, sondern einkaufen, holen nichtverschreibungspflichtige Medikamente oder bringen Briefe zur Post. „Tatsächlich ist es recht unterschiedlich, was die Leute brauchen. Einmal hat eine Frau vergessen, dass ihre Enkelin am Sonntag Geburtstag hat. Da haben wir noch schnell Spielzeug gekauft. So lange so was nicht ständig vorkommt, geht das schon mal“, sagt Fabian Krauß, der zusammen mit Silvan Göhl als Ansprechpartner fungiert. „Überlaufen“ sind die Sportler nicht: „Wir haben so fünf, sechs Bestellungen pro Woche.“

Andere Fußballvereine als Ideengeber und Vorbild

Vorbild waren andere Fußballvereine, etwa der SV Fischbach aus dem Kronacher Landkreis, der in derselben Klasse Fußball spielt. Am 22. März haben die Baiersdorfer Flyer ausgetragen, seit 23. März läuft die Aktion. Mit acht Helfern ging's los, nachträglich haben sich weitere aus dem Team gemeldet. „Bei Bedarf könnten wir auf zehn zusätzlich zurückgreifen“, fasst Krauß zusammen. Das könnte erforderlich werden, wenn eine weitere, noch nicht ganz spruchreife Idee Realität werden sollte. Die Fußballer stehen mit der Gemeinde Altenkunstadt in Kontakt wegen der zurzeit geschlossenen Tafel in Burgkunstadt: Auf Initiative des Supermarkt-Besitzers Michael Kolb haben sie angeboten, Lebensmittel zu Bedürftigen zu bringen.

Auch Pfarrerin Anne Salzbrenner verzeichnet keinen Riesenandrang bei der Hilfsaktion, die die evangelische Kirchengemeinde Lichtenfels zusammen mit der katholischen Pfarrei und der Stadt Lichtenfels auf die Beine gestellt hat. Sie interpretiert das positiv: Das zeige, dass die Nachbarschaftshilfe funktioniert. Diejenigen, die die Hilfe in Anspruch nehmen, seien heilfroh, dass es sie gibt. Und es seien tatsächlich viele, die sich einbringen wollen. Die Pfarrerin erlebt eine große Hilfsbereitschaft – eine tolle Erfahrung in dieser Krise. Denn es meldeten sich längst nicht nur die „üblichen Verdächtigen“. Auch Berufstätige, die in Kurzarbeit oder wegen der Kinder zuhause sind, seien dabei. „Es ist toll, dass sie in der eigenen Situation, die jetzt vielleicht auch schwieriger ist als normal, sehen, dass es anderen noch schlechter geht“, lobt Anne Salzbrenner.

„Es ist toll, dass sie in der eigenen Situation, die jetzt vielleicht auch schwieriger ist als normal, sehen, dass es anderen noch schlechter geht.“
Anne Salzbrenner, evangelische Pfarrerin Lichtenfels

Auch Jannik Spielmann aus Bad Staffelstein hätte gern geholfen – in der Auwaldsiedlung, in der er mit seiner Familie lebt. Der 16-jährige angehende Industriemechaniker war die vergangenen Wochen zuhause. Als sein Vater anregte, er könne doch seine freie Zeit auf diese Weise nutzen, fand er das eine gute Idee.

Jannik hat also einen kurzen Text aufgesetzt, und der Nachbar, der den Aushangkasten in der Siedlung betreut, hat den Ausdruck aufgehängt. Gemeldet hat sich niemand, obwohl der Jugendliche selbst gesehen hat, dass der Aushang gelesen wurde. Am Telefon klingt er ein bisschen frustriert. Nein, enttäuscht sei er nicht. Aber doof finde er es schon. Schließlich werde immer auf seine Generation geschimpft. Er hätte jetzt gern etwas an die Älteren zurückgegeben. Aber die Gelegenheit dazu ist vorbei. Ab Dienstag geht er wieder zur Arbeit.

Trotzdem wünscht sich Jannik eines: Dass sich mehr Jüngere engagieren. Sie sollen sich nicht entmutigen lassen und ihre Hilfe anbieten: „Es gehört sich, dass man was macht.“

Hilfsangebote im Landkreis – ohne Anspruch auf Vollständigkeit

• „Altenkuschter für Altenkuschter“ des FC Altenkunstadt: Einkaufshilfe und Postgänge, Tel. 0151-20793114 (Johannes Oppel).

• Evangelische Kirchengemeinde Bad Staffelstein: Hilfe beim Einkaufen, Tel. (09573) 340132 (Beate Klamm), Tel. (09573) 235615 (Beate Schramm), Hilfe beim Hunde-Ausführen bieten Amelie Hagen und Laura Handke, Tel. (09573) 232 (Pfarramt).

• Helferkreis rund um Sandra Nossek, unterstützt von der Stadt Bad Staffelstein, Tel. (09573) 331727 (montags, mittwochs und freitags von 8.30 bis 10.30 Uhr).

• Isabell Mauermann, Bad Staffelstein: Nachbarschaftshilfe beim Einkaufen oder Medikamente abholen für ältere Menschen, Tel. (09573) 8070891.

• „Der FC Baiersdorf kauft für dich ein“ im Rahmen der Aktion „Helfen statt trainieren“: Einkaufshilfe und Postgänge vor allem für Menschen, die Risikogruppen angehören, Tel. 0157-39621316 (Fabian Krauß), Tel. 0152-33966847 (Silvan Göhl).

• Evangelische Kirchengemeinde Burgkunstadt: Einkäufe und sonstige Erledigungen, Tel. (09572) 1579 (Pfarramt), Tel. 0171-3435617 (Angelika Geyer).

• „Der Markt Ebensfeld hält zusammen – Hilfe für Mitmenschen im Markt Ebensfeld“: Hilfsangebote für ältere und hilfsbedürftige Menschen, Tel. (09573) 960812 (Gemeinde Ebensfeld).

• Nachbarschaftshilfe Itzgrund: Koordinierungsstelle im Kindergarten Lahm, Tel. (09533) 8650 (Montag bis Donnerstag, 7 bis 16.30 Uhr).

• Katholische und evangelische Kirchengemeinde zusammen mit der Stadt Lichtenfels: Einkäufe für Personen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht dazu in der Lage sind und keine Angehörigen haben, Tel. (09571) 2077 (evangelisches Pfarramt Lichtenfels), Tel. (09571) 8585 (evangelisches Pfarramt Schney), Tel. (09571) 2239 (katholisches Pfarramt Unsere liebe Frau).

• Dorfladen-Arbeitskreis Marktzeuln: Einkäufe und Apothekengänge für besonders schutzwürdige Personen unter dem Motto „Marktzeuln hilft“, Tel. (09574) 6500000 (montags, mittwochs und freitags von 9.30 bis 11.30 Uhr).

• Peter Seubold für Michelauer: Einkaufshilfe bis 20. April, Tel. (09574) 8797 (montags, mittwochs und freitags von 9.30 bis 10.30 Uhr).

• Bürgerverein Redwitz: Einkäufe und Botengänge, Tel. (09574) 249056 (Stephan Arndt, dienstags und donnerstags von 8 bis 12 Uhr).

• Fußballdamen Roth: Einkaufsservice, Ansprechpartnerinnen: Anna Pösch, Christina Pösch, Lara Schmölzing (Montag bis Donnerstag, 9 bis 15 Uhr).

• Ingrid Funk für Schwürbitzer: Einkaufsservice bis 17. April, Tel. (09574) 800956 (montags und donnerstags von 10 bis 11.30 Uhr).

• Katholisches Pfarrbüro Trieb: Einkaufshilfe für Trieb, Krappenroth und Degendorf, Tel. (09574) 9129.

• „TTC Tüschnitz für Küpser Bürger“: Einkäufe für den täglichen Bedarf, Tel. 0176-23520305 (Wolfgang Franz), Tel. 0160-7134714 (Karl-Heinz Sladek).

• Stadt Weismain: vermittelt Helfer für Einkaufsdienste, Tel. (09575) 922032, manuela.gast-scholl@weismain.de (Manuela Gast-Scholl).

• „Weismainer helfen Weismainern im Stadtgebiet und auf dem Jura“: Hilfsangebot der GUB bei täglichen Besorgungen, Tel. (09575) 1489 oder 0160-97607380 (Gabi Huber, 8 bis 11 Uhr).

Jannik Spielmann hat in der Auwaldsiedlung in Bad Staffelstein seine Hilfe angeboten. Foto: Sandra Kiesewetter

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