BERLIN/LICHTENFELS

Gefahrensituationen beim Radeln besser erkennen

Miteinander Gleichgewicht halten, hieß die Aufgabe, die die jugendlichen Radfahrer bestens bewältigten. Foto: Markus Häggberg

Es ging über Umwege und über 400 Kilometer. Also von einem Berliner Ministerium über die Universität Bamberg zum Meranier Gymnasium und an die Herzog-Otto-Mittelschule in Lichtenfels. Wie kürzlich bekannt wurde, fand ein Forschungsprojekt zur Verkehrssicherheit Ende Januar dieses Jahres mit interessanten Ergebnissen seinen Abschluss. Geht es nach dem Lichtenfelser Professor Stefan Voll, sollten sich daraus Chancen in Richtung Umsicht ergeben.

Es begann mit einer Feststellung seitens des Bundesverkehrsministeriums: Die Zahl der Fahrradunfälle, gerade bei Jugendlichen und Kindern, erfuhr in den vergangenen Jahren bundesweit einen Anstieg. Und das auch noch überproportional.

So vermeldete auch das Statistische Bundesamt für das Jahr 2018 insgesamt 10 225 Kinder, die in einen Unfall verwickelt waren. Dies ist ein Plus von vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Diese Kinder waren sehr häufig auch mit dem Fahrrad unterwegs und an dieser Stelle fallen die ersten Schlagwörter: abnehmende koordinative Fähigkeiten, defizitäre exekutive kognitive Funktionen, Rückgang der Straßenspielkultur. Oder anders ausgedrückt: veränderte Zeiten, veränderte Unfallursachen.

So wurde ein mit 40 000 Euro veranschlagtes wissenschaftliches Forschungs- und Interventionsprojekt aus der Taufe gehoben, mit dem Ziel, auf wissenschaftlicher Basis Schulungsmaßnahmen zu entwickeln und zu testen, die zur Erhöhung der Verkehrssicherheit von elf-16-jährigen Fahrradfahrern beitragen.

Verkehrssicherheit von elf- bis 16-jährigen Fahrradfahrern erhöhen

Die Ausschreibung an Universitäten erfolgte dazu bundesweit. Den Zuschlag erhielt die Forschungsstelle für Angewandte Sportwissenschaften (FfAS) der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Einen Namen hatte das, woran geforscht werden sollte, auch: „Radeln mit Kopf“.

Der Lichtenfelser Sportwissenschaftler Professor Dr. Stefan Voll. Foto: red

An dieser Stelle kam Stefan Voll ins Spiel. Er ist der leitende akademische Direktor des Universitätssportzentrums sowie der FfAS an der Uni Bamberg. Er sollte projektverantwortlich werden. Das Projekt wurde durch die Sparkassenstiftung und die Koinor Horst-Müller-Stiftung finanziell unterstützt. Vor Ort halfen Studiendirektor Hubert Gehrlich, stellvertretender Leiter des Meranier-Gymnasiums, der Rektor der Herzog-Otto-Mittelschule Lichtenfels, Bernd Schick, sowie Polizeihauptkommissar Thomas Heublein bei der Umsetzung mit. Letzterer ist in der Verkehrserziehung von Kindern erfahren.

Das Engagagement der Schüler kann Leben retten

Bernd Schick von der Mittelschule erinnert sich gut an die Offenheit seiner Schüler: „Wir sind als Schulleitung in die Klassen und haben die Schüler darüber informiert, dass ihr Mittun Leben retten könnte.“ Das Verständnis und die Bereitschaft waren groß, erklärt Schick. Uund so fanden sich die Experimentalgruppen, eine aus einer 6. Ganztagsklasse und eine Kontrollgruppe aus einer 7. Ganztagsklasse. Gerade solche Kontrollgruppen seien wichtig, stellten sie doch ein festes Kriterium für die Validität von Forschungsergebnissen dar. Analog dazu wurden die Experimental- und Kontrollgruppen am Meranier-Gymnasium generiert.

Über sechs Wochen verbrachten die Schüler allwöchentlich vier Stunden lang mit Geschicklichkeitsübungen und sollten dabei schulen, was die „exekutive kognitiven Funktionen“ ausmacht. „Die exekutiven Funktionen entsprechen weitgehend dem Arbeitsgedächtnis, und hier hatten wir vorzugsweise die im Straßenverkehr wichtigen Funktionen der schnellen Wahrnehmungsfähigkeit, der Konzentration und der Entscheidungsfähigkeit im Fokus“, erklärt Stefan Voll.

Zum Organisationsteam gehörten neben Voll die federführende Projektkoordinatorin Larissa Moritzer, Robert Hörg für Literaturrecherchen sowie Tobias Pill und Tobias Daut als Spezialisten im Bereich der wissenschaftlichen Test- und Analyseverfahren.

Die Ergebnisse geben Anlass zur Hoffnung

Immerhin stimmten die Ergebnisse optimistisch. „Am Ende konnte in verschiedenen Testreihen nachgewiesen werden, dass die beteiligten Schüler Gefahrensituationen im Straßenverkehr schneller erkennen und umsichtiger fahren“, erklärt Stefan Voll. Befragt nach einer ihn esonders beeindruckenden Erkenntnis, gab Voll zurück: „Bemerkenswert war, dass gerade die im Fahrradfahren eher unbedarften Jugendlichen deutliche Steigerungsraten aufzuweisen hatten.“

Inzwischen sind die detaillierten Forschungsergebnisse nach Berlin übersandt worden. Inwieweit sie Eingang in die Radfahr-Verkehrserziehung finden, werden die politischen Entscheidungsträger befinden. Geht es nach Bernd Schick, wäre an bayerischen Schulen Platz für so etwas. Denn: „Wir als Schule möchten Schule zum Lebensraum machen.“

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