LICHTENFELS

Lichtenfels: Als der Main ein Stück kürzer wurde

Lichtenfels: Als der Main ein Stück kürzer wurde
Durch einen Maindurchstich wegen des Bahnbaus entstand der später so genannte Gaabsweiher. Plan für den Bahnbau, rot eingezeichnet die vorgesehene Trasse.Repro: Günter Dippold

Wer auf der B 173 zwischen Oberwallenstadt und Michelau fährt, der sieht zwischen Straße und Krappenberg ein Gewässer: den Gaabsweiher. Er ist durch eine Großbaumaßnahme entstanden und trägt den Namen nach einem Lichtenfelser Gastronomen.

Der obere Main war ein wilder Fluss, der stark mäandrierte. Nachdem er Michelau passiert hatte, strömte der Main nach Süden auf den Krappenberg zu, prallte ab und nahm seinen Weg weiter nach Nordwesten. Diese Flussschlinge wurde durchschnitten, als Mitte der 1840er Jahre die Eisenbahnlinie von Lichtenfels nach Kulmbach als Teil der Ludwig-Süd-Nord-Bahn (Lindau–Hof) gebaut wurde. Der Main wurde begradigt; der aufgeworfene Bahndamm trennte fortan den Fluss und seine abgeschnittene Schlinge. 1908/09 wurde südlich neben der Bahn eine Landstraße gebaut, während bis dahin die Fahrzeuge ihren Weg über den Krappenberg hatten nehmen müssen.

Weniger main, aber nicht weniger Fische

Das Fischrecht im Main zwischen Maineck und Ebensfeld war in Staatshand. Allerdings hatte der bayerische Staat es 1807 an die Lichtenfelser Fischerzunft verpachtet. 1848 beantragten ihre Mitglieder eine Minderung des Pachtzinses, da der Main aufgrund von Durchstichen spürbar verkürzt worden sei. So sei „bey dem Krappenberge das Flußbett an zwey Stellen durch einen Damm durchschnitten worden“. Die örtliche Finanzbehörde, das Rentamt Lichtenfels, hielt jedoch dagegen: „Bey dem Krappenberge seye zwar eine bedeutende Strecke des Mainflusses durch die Eisenbahn abgeschnitten, allein dieselbe werde von den Fischern zur Zeit noch benützt und eigne sich ganz vorzüglich zur Fortpflanzung der Fische.“

Noch 1876 wurde ein Pachtvertrag zwischen Staat und Fischern über das Fischrecht im Main – einschließlich der von ihm getrennten Flussschlinge zu Füßen des Krappenbergs – auf drei Jahre geschlossen.

Das Fischrecht im Main von Maineck bis Ebensfeld erworben

Bevor diese Frist vorüber war, trat im November 1878 ein Privatmann als Kaufinteressent auf: der Konditor Carl Gaab (1840–1925) aus Lichtenfels. Tatsächlich erwarb er im Juni 1879 vom Königreich Bayern das Fischrecht im Main von Maineck bis Ebensfeld und auch im „Alten Main“, wie der einstige Abschnitt des Flusses beim Krappenberg auf Karten hieß. Gaab, in Bamberg geboren, hatte 1863 seine Konditorei in Lichtenfels eröffnet, genauer: im Haus Laurenzistraße 1. Nach Jahrzehnten erweiterte er sie um einen Weinausschank und einen Spezereiwarenladen.

Wir wissen nicht, woher das Interesse Gaabs an fischereilichen Fragen rührte. Jedenfalls zählte er 1881 zu den Mitgründen des oberfränkischen Kreisfischereivereins und gehörte dem zehnköpfigen Ausschuss an – und zwar zeitweilig als der Einzige, der nicht in oder um Bayreuth wohnte. Im Auftrag des Kreisfischereivereins, an dessen Spitze der Regierungspräsident stand, setzte er 1884 Lachsbrut in den Main ein, einige Jahre später junge Aale.

Idealistische Motive für den Kauf

Für den Erwerb des Fischrechts zum stattlichen Preis von 8000 Mark nannte Gaab idealistische Motive: Das Fischwasser habe durch die Verpachtung an zuletzt 18 oder 19 Fischerfamilien „bedeutend gelitten und wird unter solchen Verhältnissen immer mehr entwerthet werden, indem diese Anzal von Familien wohl keine Hegung, sondern eine momentane Ausbeute [...] ohne Rücksicht auf die Zukunft im Auge haben [...]. Der vollständige Ruin kann aber jetzt schon nur dadurch abgewendet werden, wenn dem Wasser und der Fischzucht in erster Linie einige Jahre Ruhe gegönnt wird.“ Dafür wolle er sorgen.

Lichtenfels: Als der Main ein Stück kürzer wurde
Durch einen Maindurchstich wegen des Bahnbaus entstand der später so genannte Gaabsweiher. Plan für den Bahnbau, rot ein...

Drei Jahrzehnte lang blieb Gaab im Besitz des Fischrechts im Main und in seinen Altarmen. 1901 übergab er sein Haus samt Konditorei an einen Nachfolger, zumal seine beiden Kinder in München lebten. Sein Fischrecht im Altarm beim Krappenberg, der schon zu Lebzeiten volkstümlich nach ihm benannt wurde – mittlerweile ist auch auf amtlichen Karten längst vom „Gaabsweiher“ die Rede –, verkaufte Gaab 1908 an den Michelauer Berufsfischer Lorenz Nemmert (1882–1942). Zum Fischbestand bemerkte 1968 der Lichtenfelser Stadtarchivar Heinrich Meyer (1887–1970), er sei „zufriedenstellend und entspricht dem des Maines“.

Das Fischrecht im Main selbst veräußerte Gaab erst 1910 an den wenige Jahre zuvor gegründeten Bezirksfischereiverein Lichtenfels-Staffelstein (heute Mainfischereigemeinschaft). Gaab erwies sich dabei als entgegenkommend, so dass der Verein ihn sogleich zum Ehrenmitglied kürte. Einige Jahre später zog Carl Gaab in seine Heimatstadt Bamberg, wo er 1925 starb. In Lichtenfels aber erinnert noch der Gewässername an ihn.

Der Gaabsweiher wurde 1953 durch den Landkreis Lichtenfels unter Landschaftsschutz gestellt und 1987 zusammen mit seinen Uferbereichen und angrenzenden Feuchtgebieten durch die Regierung von Oberfranken als Naturschutzgebiet anerkannt. Seine Schutzwürdigkeit stand dabei wiederholt im Gegensatz zu Plänen, die unmittelbar neben ihm verlaufende, viel befahrene B 173 auszubauen.

Schlagworte