LICHTENFELS

Bund Naturschutz gegen Flächenfraß am Obermain

Bund Naturschutz gegen Flächenfraß am Obermain
Am Aschermittwoch versammelten sich Mitglieder des Bund Naturschutzes auf dem Marktplatz in Lichtenfels, um gegen den Flächenverbrauch im Landkreis zu protestieren. Foto: Lea Wagner

Die Forderung ist klar. Sie kommt pünktlich zu Beginn der Fastenzeit. Eine Diät muss her, damit der Flächenfraß an der Natur in Grenzen gewiesen wird. Der schreitet voran, auch im Landkreis Lichtenfels. „Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig“, steht auf einem der Banner, den die Mitglieder des Bund Naturschutzes am Aschermittwoch morgens auf dem Marktplatz in die Luft strecken. Bei ihrer Aktion geht es um den Schutz der freien Flächen. Laut Naturschützer stellt das eine der wichtigsten Klimaschutzmaßnahmen dar. Die Mitglieder haben vor dem Rathaus eine 100 Quadratmeter große weiße Plane ausgebreitet. Sie soll symbolisieren, wieviel Quadratmeter freie Naturfläche pro Stunde im Landkreis verloren geht. Gerade die Politik sei hier gefragt.

„Täglich sind in unserem Landkreis in den vergangenen Jahren 100 bis 2400

Quadratmeter Fläche der freien Natur entzogen worden.“

Anton Reinhardt, Kreisvorsitzender Bund Naturschutz

„Täglich sind in unserem Landkreis in den vergangenen Jahren 100 bis 2400 Quadratmeter Fläche der freien Natur entzogen worden. Anders ausgedrückt heißt es, dass in ein bis vier Stunden 100 Quadratmeter Fläche verbraucht wurden“, erklärt Anton Reinhardt, Kreisvorsitzender des Bund Naturschutzes.

Es sei wichtig, unsere Böden zu erhalten, denn sie würden Kohlendioxid und große Mengen Wasser speichern. Unbebaute Flächen würden vor allem für Wohn- und Gewerbegebiete sowie Einkaufszentren samt Parkplätzen zubetoniert. Dazu komme noch der Straßen- und Autobahnbau. Insgesamt stehe Bayern beim Flächenverbrauch sogar an der Spitze in der Bundesrepublik.

„Noch können wir mit unseren Bilderbuch-Landschaften werben. Unsere Region ist schön. Wegkreuze, Bildstöcke, Streuobstbestände, Wälder, Äcker, Wiesen, Hecken und Kulturdenkmäler. Hier haben wir noch landwirtschaftlich nutzbare Böden und Wälder, die Kohlendioxid speichern“, schwärmt Anton Reinhardt. „Aber Franken ist in Gefahr. Unsere fränkische Landschaft hat Besseres verdient, als immer mehr gleichförmige Betonklötze am Ortseingang und gesichtslose Siedlungen am Ortsrand“, mahnt er.

Flächenfraß direkt vor der Haustür

„Der ungezügelte Flächenfraß findet nicht nur in den Urwäldern am Amazonas statt, sondern schleichend auch vor unserer Haustüre“, sagt der Kreisvorsitzende des Bund Naturschutzes. „Wir stehen heute deshalb hier, um für unsere Kinder, Enkel, und Urenkel ein lebenswertes Umfeld in unserer fränkischen Heimat zu bewahren“, appelliert Anton Reinhardt.

„Ein Blick vom Staffelberg oder Kordigast veranschaulicht dem aufmerksamen Betrachter den ständigen Verlust von freier Landschaft allein in den vergangenen 20 Jahren“, sagt er. Es könne nicht so weiter gehen, dass immer neue Gewerbeflächen für Einkaufsmärkte auf der grünen Wiese genehmigt würden, während gleichzeitig die Innenstädte und Dörfer ihrer Einkaufsmöglichkeiten und damit einem Teil ihres pulsierenden Lebens beraubt würden.

„Bei Neuausweisungen von Gewerbe- und Wohngebieten sowie Straßenprojekten soll deshalb erst der Bedarf geprüft werden“, meint der Aktivist.

„Der ungezügelte Flächenfraß findet nicht nur in den

Urwäldern am Amazonas statt, sondern schleichend auch vor unserer Haustüre.“

Anton Reinhardt, Kreisvorsitzender Bund Naturschutz

„Es muss alles getan werden, um regionale Kreisläufe zu stärken“, sagt Anton Reinhardt. Dazu müsse das Angebot des Öffentlichen Personennahverkehrs wesentlich besser werden. Der Beitritt des Landkreises zum VGN sei ein lobenswerter Schritt in die richtige Richtung gewesen, denn viele Einzelfahrten mit dem Auto seien vermeidbar. Schon jetzt habe der Landkreis Lichtenfels, mit knapp 70 000 Einwohnern der kleinste Bayerns, eine Straßendichte, die 15 Prozent über dem Landesdurchschnitt liege. Dennoch wolle die Mehrheit der maßgeblichen politischen Mandatsträger unverhältnismäßig viele Straßenneubauten realisieren.

„Man denke nur an den autobahnähnlichen Weiterbau der B173 nach Kronach oder die Vollumfahrung der B289 bei Mainroth“, sagt er.

Kein Bedarf für weitere Wohngebiete

Bund Naturschutz gegen Flächenfraß am Obermain
Die weiße Plane soll die Fläche darstellen, die pro Stunde im Landkreis verbraucht wird. Foto: Lea Wagner

Reinhardt informiert: „Im Landkreis Lichtenfels stehen laut Industrie- und Handelskammer 75 Hektar Gewerbegebiete leer, in ganz Oberfranken sind es über 1200 Hektar.“ Er folgerte, dass es also überhaupt keinen Bedarf für weitere Wohn- und Gewerbegebiete im Landkreis Lichtenfels gebe. Jede Neuausweisung müsse mit Infrastruktur versorgt werden, wie etwas neue Straßen, Beleuchtung, Wasserleitungen, Kanäle, Glasfaserkabel. Und diese müssten unterhalten werden. „Das sind Kosten, die wir den kommenden Generationen aufbürden“, meint der Aktivist. Er mahnt deshalb mit sorgsamen Umgang mit den noch freien Flächen: „Ohne gesunden Boden haben wir auch keine Artenvielfalt, die letztendlich unser Überleben sichert. Die Anzahl der Feldlerchen, Kiebitzn, allseits geschätzte Frühlingsboten, früher eine der häufigsten Feldvögel, nimmt ab.“

„Die Versiegelung der Böden führt zu einer Verringerung der Grundwasserneubildung.“

Dr. Susann Freiburg,

Bündnis 90/Die Grünen

Der zunehmende Flächenverbrauch gehe in Bayern eigenartigerweise nicht immer mit einem Bevölkerungszuwachs einher, wie etwa in der Metropolregion München. Die aktuelle Bevölkerungsprognose zeige auf, dass im Landkreis Lichtenfels die Einwohnerzahl leicht sinke, der Flächenverbrauch jedoch weiter steige. Als Beispiel hierfür nennt der BN-Kreisvorsitzende die geplanten Logistikhallen, die am Fuß des Vierzehnheiligener Berg gebaut werden sollen: „Solche riesigen Baukörper sind ein enormer Eingriff in das Landschaftsbild, von der Versiegelung des Bodens ganz zu schweigen. Es wäre eine völlige technische Überprägung der Landschaft. Das hat mit landschaftsangepasstem Bauen nichts zu tun. Hier sollten Eingriffe, die das Landschaftsbild beeinträchtigen, vermieden werden. Noch ist es nicht zu spät!“, meint Anton Reinhardt.

Weniger Lebensraum für Wildtiere

Michael Ament, Kreisvorsitzender des Bayerischen Jagdverbands, beklagte den Rückgang der freien Natur: „Die Wildtiere haben immer weniger Lebensraum. Wir brauchen uns nicht wundern, wenn die Verbissschäden durch Rehwild und die Schäden durch Wildschweine zunehmen“, sagt er.

Dr. Susann Freiburg, Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen für den Stadtrat, wies auf eine weitere Auswirkung des ungebremsten Flächenfraßes hin: „Die Versiegelung der Böden führt zu einer Verringerung der Grundwasserneubildung. Ausreichendes und sauberes Grundwasser sind die Voraussetzungen für unser Lebensmittel Nummer eins, dem Trinkwasser.“

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