LICHTENFELS/MARKTZEULN

Lesepaten der Aktiven Bürger Lichtenfels

Lesepaten der Aktiven Bürger Lichtenfels
Gespannt lauschen die Kleinen den Worten von Irma Pülz. Foto: Corinna Tübel

„Hallo, Leseoma“, schallt es durch den Flur in den Turnraum. Schrittegetrappel und dann ein Meer aus begeisterten Kinderaugen. Alle drei Damen finden sich umringt von kleinen und großen Köpfen wieder, die begierig auf Geschichten sind. „Was wollen wir heute lesen“, fragt Irma Pülz. Die Worte sind kaum zu verstehen, doch es wird – wie so oft- das Märchen „Der Wolf und die sieben Geisslein“. Beinahe geordnet sucht sich jedes Kind einen Platz möglichst „nah an der Quelle“. „Kennt ihr denn ein Märchen?“, will die Leseoma vorher noch wissen. Anfangs sind alle schüchtern, dann rufen sie durcheinander: Froschkönig, Rotkäppchen und das mit dem Brunnen…

Sie sind längst zu einem festen Bestandteil im Kindergartenalltag geworden, feste Gäste bei Weihnachts- und Sommerfesten und diejenigen, die immer Zeit zum Lesen haben: die Lesepaten, oder wie sie in Marktzeuln genannt werden: die „Leseomas“. Einmal in der Woche nach dem Frühstück fragt die Leiterin des katholischen Kindergartens Sankt Michael, welche Kinder an diesem Tag denn Interesse an dem Angebot haben.

Oft finden sich auf diese Weise Gruppen von acht bis zehn Kindern zusammen. Sind es mehr, wird in mehreren Teams gelesen. Die Kinder nehmen freiwillig teil. Etliche verpassen keine Stunde, aber es finden sich auch immer wieder Neugierige. Und machen mit. Vorlesen bedeutet nämlich nicht nur „stillsitzen“ und „Mund zu“. Eine der „Leseomas“ Irma Pülz erklärt: „Sicher muss es ruhig sein und manchmal müssen wir auch ein bisschen schimpfen. Einige Kinder stecken andere mit ihrer Unruhe an, das geht ganz schnell. Aber wir möchten auch, dass die Kinder aktiv mitmachen: Das beginnt schon damit, dass sie ein Buch aussuchen.“ Die Taschen der Frauen sind immer gut gefüllt, das wissen die Kinder schon. Manchmal sind es themenbezogene Geschichten, etwa über Jahreszeiten oder Feste. Immer sind jedoch auch Märchenbücher dabei. „Die lieben die Kinder besonders.“

„Man lebt eine Geschichte auch mit den Kindern.“
Kathy Wendler, Leiterin des Kindergartens Marktzeuln

Für die nächsten 30 bis 45 Minuten lauschen die Kinder nun den Stimmen der Leseomas, die mit dem klassischen „Es war einmal…“ beginnen. „Ich finde es schön, dass extern jemand kommt und sich die Zeit dafür nimmt, einfach vorzulesen und zuzuhören“, verrät die Leiterin der Einrichtung Kathy Wendler. Der Kindergartenalltag sei ohnehin schon sehr prall gefüllt, da nehme sie dieses Angebot gerne an – vor allem, weil Bücher an sich einen großen Stellenwert in der Kindergartenphilosophie haben. Die Vorschulkinder etwa erleben traditionell eine Lesenacht, in der sie im Kindergarten basteln, übernachten und ein Buch von zu Hause mitbringen können.

Lesepaten der Aktiven Bürger Lichtenfels
Die Lesepaten werden im katholischen Kindergarten St. Michael Markzeuln „Leseomas“ genannt. Foto: Corinna Tübel

Und dann wird natürlich gelesen! Die Vorschulkinder seien es auch, bei denen man durch regelmäßiges Vorlesen besonders Erfolge sieht, was eine längere Aufmerksamkeitsspanne oder größere Empathie betreffe. Die „literacy“ trete in den Vordergrund: „Man lebt eine Geschichte auch mit den Kindern.“ Dabei merke man an der Konzentration, dem Aufpassen und dem eine Zeit lang ruhig sitzen bleiben oftmals, welche Kinder zu Hause oft vorgelesen bekommen und welche nicht. „Lesen ist wichtig fürs Leben, für die Schule und überhaupt alles“, findet Kathy Wendler. „Wer gut liest, kann sich sprachlich auch gut ausdrücken. Das ist gerade heute in unserer schnelllebigen Zeit sehr wichtig.“

Aus Lesepaten werden „Leseomas“

Schon lange sind sie ein festes Team, die drei „Leseomas“ für den Kindergarten Marktzeuln: Sabine Sünkel aus Lettenreuth wollte vor zwei Jahren, als die eigenen Kinder aus dem Haus waren, etwas Neues ausprobieren und sich gleichzeitig ehrenamtlich engagieren. Sie lese selbst sehr viel und kann sich ein Leben ohne Bücher gar nicht vorstellen. „Jeder sollte einen Zugang zur Welt der Bücher bekommen. Oft steckt vielleicht viel mehr in einem Menschen drin, das aber nicht raus kann, weil er gar nicht oder nicht gut genug lesen kann.“ Helga Friedrich und Irma Pülz, beide aus Marktzeuln, sind seit Beginn des Projekts 2011 aktiv dabei.

Erstere ist damals in Rente gegangen und habe ihren eigenen Kindern schon immer gerne vorgelesen. Das führt sie mit Begeisterung und Herzblut weiter. Ebendas treibt auch die dritte im Bunde an: „Es ist eine Bereicherung für mich, wenn die Kinder mich anschauen, fragen und lernen. Man bleibt jung und up-to-date. Vieles würde ich zu Hause von meinem Sofa aus gar nicht bekommen“, lacht Irma Pülz. Beide lesen an anderen Wochentagen auch in der benachbarten Grundschule oder vielmehr: lassen sich vorlesen.

Auch traurige Erfahrungen

Lesepaten der Aktiven Bürger Lichtenfels
Lesepatin Irma Pülz (Mitte) liest abwechselnd mit ihren Kolleginnen Sabine Sünkel (re.) und Helga Friedrich (li.). Foto: Corinna Tübel

Und tauchen in so manche Kinderwelt ein. Bewusst verknüpfen sie eigene Bilder oder Erfahrungen mit der aktuellen Geschichte, fragen, was sie schon alles kennen. Was sie empfinden. Wie anders manches bei ihnen ist. „Da erfährt man leider auch traurige Sachen“, erinnert sich Helga Friedrich. „In einer Geschichte ging es einmal um einen Papa. Ein Kind erzählte, dass sie sich auch immer freut, wenn ihr Papa kurz vor dem Zubett-Gehen heimkommt. Ein anderes hat leise geflüstert, es habe nur eine Mama…“. Bei jedem Märchen möchten die „Leseomas“ zudem ein aktuelles Fazit ziehen. Die Frage „Was lernst du denn aus der Geschichte?“ sei daher ein wichtiger Bestandteil der Lesezeit. Vom „Rotkäppchen“ könne man beispielsweise ableiten, auf dem Schulweg zu bleiben und nicht vom Weg abzukommen. Heute hatten sich alle zwischen Turnmatten und Bällen zusammengefunden, da wir zur Vorstellung alle Lesepaten eingeladen haben. Normalerweise sind die Räume kleiner mit weniger Ablenkungsquellen.

Viel zu schnell ist die Zeit vorbei, doch die „Leseomas“ schwatzen noch lange mit dem ein oder anderem Kind im Gang, bis der Kindergartenalltag wieder ruft. Bis zum nächsten Mal.

Wer gerne Lesepate werden möchte

Das Projekt der „Lesepatenschaften in Kindergärten“ war eines der ersten Projekte der „Aktiven Bürger“, der Bürgerstiftung für Jugend & Familie im Landkreis Lichtenfels. Edith Güthlein koordiniert die derzeit rund 60 Lesepaten an Kindergärten und 40 Leselernhelfer an Schulen im Landkreis Lichtenfels. „Die Lesepatenschaften werden überall positiv und dankbar aufgenommen“, resümiert sie. Eigentlich wollte sie vor vielen Jahren selbst Lesepatin werden, habe sich dann aber zur Organisation und Planung der vielen Projekte der Aktiven Bürger entschieden. „Weil sie das so gut kann“, lacht Josef Breunlein, ebenfalls Mitglied im Organisationsteam der Stiftung, die mittlerweile rund 400 Aktive im Landkreis vereint, welche wiederum ca. 20.000 Stunden ehrenamtlichen Einsatz leisten.

Wer gerne Lesepate werden möchte, wendet sich an die Bürgerstiftung für Jugend und Familie im Landkreis Lichtenfels, Aktive Bürger Lichtenfels, Judengasse 14, 96215 Lichtenfels.

Mail: info@aktive-buerger-lichtenfels.de

Internet: www.buergerstiftung-lichtenfels.de oder www.aktive-buerger-lichtenfels.de

Telefon: 09571 1699330

Telefax: 09571 169935931

Dort gibt es auch eine Übersicht über alle Einsatzbereiche im Ehrenamt, von der Lichtenfelser Tafel bis hin zur Mittagsbetreuung an Schulen.

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