Regiomed: Schwarze Null in Sichtweite

Seit vergangenem Jahr sind die finanziellen Probleme des Regiomed-Klinikverbunds (im Bild das neue Lichtenfelser Klinikum) bekannt. Derzeit gibt es viele Anstrengungen, bald wieder eine schwarze Null zu schreiben.Archiv: Harald Koch

Im vergangenen Jahr rutschte der Regiomed-Klinikverbund tief in die roten Zahlen. Seitdem steht dort vieles auf dem Prüfstand, um bald wieder schwarze Zahlen zu schreiben. Damit einher gehen aber auch immer wieder Mutmaßungen über Personalabbau, geschlossene Abteilungen und frustrierte Mitarbeiter. Wir haben bei Hauptgeschäftsführer Alexander Schmidtke und dem Geschäftsführer der Bayerischen Regiomed-Einrichtungen, Roland Wieland nachgefragt, welche Fortschritte es bei dem Konsolidierungskurs gibt und inwiefern dieser die Mitarbeiter betrifft.

OT: Ist mittlerweile geklärt, aus welchen Gründen genau sich die Defizite bei Regiomed anhäuften und warum die Kontrollgremien davon überrascht wurden?

Alexander Schmidtke: Das bilanzielle Defizit im Jahr 2018 wurde von einer eigens dafür eingerichtet Kontroll- und Strategiekommission näher erörtert. Zudem wurde jüngst eine Arbeitsgruppe aus Gesellschaftervertretern und dem Betriebsratsvorsitzenden eingesetzt, die die Strukturen bei Regiomed auf den Prüfstand stellt. Die Jahresergebnisse waren bereits seit 2016 rückläufig. Die Wirtschaftsprüfer haben Regiomed uneingeschränkte Bestätigungsvermerke erteilt.

Allerdings darf man auch nicht die derzeitigen Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen außer Acht lassen. Über 50 Prozent der Kliniken in Deutschland machen inzwischen Verluste, und die Insolvenzen steigen rapide an. Eine Verschärfung der Situation wird auch durch die ständigen gesetzlichen Änderungen forciert, wie beispielsweise der Vorgabe von Personaluntergrenzen für bestimmte Bereiche. Um künftig auch unterjährig verlässliche Zahlen zu kennen, werden seit dem Jahr 2019 unterjährig Vorberechnungen für den Jahresabschluss erstellt, um frühzeitig ergebniswirksame Effekte zu erkennen und konsequent gegensteuern zu können. Die Situation hat sich Ende 2018 dadurch verschärft, dass verschiedene Positionen (Überstunden- und Urlaubsrückstellungen, Steuernachzahlungen, Wertberichtigungen), in den Hochrechnungen noch nicht eingeplant waren und dann am Jahresende zu einer massiven Belastung führten. Das Defizit im Jahr 2018 war auch kein reines operatives, sondern hier waren auch viele Einmaleffekte wie die Abschreibung von nicht zu realisierenden Projekten bilanziell berücksichtigt, die in Summe zu diesen 25 Millionen führten. Wir sind gerade dabei, das Berichtswesen und die Steuerungsinstrumente so zu optimieren, dass in Zukunft auch unterjährig stets belastbare Zahlen zur Verfügung stehen werden. Zwar werden wir auch künftig nicht alle Risiken unterjährig erfassen können, aber durch ein engmaschiges Monitoring wollen wir die Steuerungsmöglichkeiten erhöhen und gegebenenfalls Puffer in die Prognose kalkulieren.

OT: Inwiefern fruchten die Maßnahmen des eingeleiteten Konsolidierungskurses?

Schmidtke: Die Sofortmaßnahmen im Rahmen des Sanierungsplans haben bei Regiomed zwischenzeitlich zu einer Halbierung des Verlustes im Vergleich zu 2018 geführt. Dafür war eine enorme Kraftanstrengung und Flexibilität unserer Mitarbeiter notwendig, und wir sind dankbar, dass die Beschäftigten diesen nicht immer leichten Weg mit uns gehen. Wir gehen davon aus, dass wir in zwei bis drei Jahren wieder eine „schwarze Null“ erreichen. Gut ein Viertel der im Sanierungsgutachten gesteckten Ziele ist bereits verwirklicht. Einige Maßnahmen benötigen mehr Zeit für Vorbereitung und Umsetzung. Diese Potenziale werden wir in den Jahren 2020 und spätestens 2021 heben.

OT: Für welche Maßnahmen wurden die Gelder aus den Betrauungsakten genutzt?

Schmidtke: Die Betrauungsakte, die von den Gesellschaftern beschlossen wurden, legen nur den europarechtlichen Rahmen fest, dass die Gesellschafter Regiomed finanziell unterstützen dürfen. In einem zweiten Schritt haben die Gesellschafter beschlossen, Regiomed in Summe mit 30 Millionen Euro in Form von Darlehen zu unterstützen. Die Darlehen stellen für Regiomed eine Möglichkeit zur Sicherung der Liquidität dar. Regiomed wird dieses Geld also nicht verbrauchen, es erlaubt dem Unternehmen lediglich auftretende Liquiditätsschwankungen auszugleichen.

OT: Nach wie vor ist aus Mitarbeiterkreisen teils von großem Frust zu hören. Dies betrifft vor allem die Arbeitsbelastung und -verdichtung, aber auch das Arbeitsklima. Dadurch habe sich nicht nur der Krankenstand erhöht, inzwischen scheinen sich auch viele Mitarbeiter nach anderen Arbeitgebern umzusehen. Ist dies korrekt, und wie wollen Sie dem entgegenwirken?

Schmidtke: Klar ist, dass die derzeitige Sanierungssituation und die damit zusammenhängende Unsicherheit für die Mitarbeiter emotional sehr belastend sind. Vieles verändert sich im Arbeitsalltag und Veränderungen machen immer Angst – das ist menschlich und völlig normal. In vielen Leistungsbereichen – in der direkten Patientenversorgung oder Bewohnerbetreuung, aber auch den administrativen Bereichen – existiert darüber hinaus eine hohe Arbeitsbelastung. Deshalb ist es jetzt wichtig, vor allem die Abläufe und Prozesse ganz genau anzuschauen, um so perspektivisch eine Entlastung für die Mitarbeiter zu erreichen.

Einen erhöhten Krankenstand haben wir nur in einigen wenigen ausgewählten Bereichen. Wir schätzen hier den Einsatz und das große Engagement unserer Mitarbeiter sehr – wir wissen, dass so etwas gerade in der aktuellen Situation keinesfalls als Selbstverständlichkeit betrachtet werden darf. Durch das Pflegestärkungsgesetz kam es vor allem in diesem Jahr zu einer Sogwirkung am Arbeitsmarkt. Viele Krankenhäuser bieten heute sogenannte „Kopfgeldprämien“ an und es findet ein aggressiver Wettbewerb am Arbeitsmarkt statt.

Robert Wieland: Uns ist es sehr wichtig, zu allen Maßnahmen vor Ort einen offenen und intensiven Dialog mit den Mitarbeitern und den Betriebsräten zu führen und die Ziele sowie Zukunftsperspektiven zu vermitteln. Nur so können wir das Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit des Verbundes wiederherstellen und stärken. Wir zeigen Perspektiven und Wege auf und werben mit Klarheit und Offenheit für Verständnis zu den Entwicklungen. Ich bin für den Standort in Lichtenfels verantwortlich und habe dort zahlreiche Gespräche mit Mitarbeitern aller Ebenen und Bereiche zu anstehenden Veränderungen geführt. Dabei sind viele Ideen entwickelt worden, und wir haben wichtige Signale für gute Zukunftslösungen erhalten. Unser Eindruck ist, dass viele Mitarbeiter mitgestalten wollen und sich auch einbringen möchten. Vielfach ist der Wille zur Veränderung greifbar, und diese Chance müssen wir gemeinsam nutzen.

Alexander Schmidtke, Hauptgeschäftsführer der Regiomed-Kliniken GmbH.

OT: Ist es richtig, dass die Station 4 am Lichtenfelser Klinikum wegen Personalmangels geschlossen ist? Was sind die genauen Gründe dafür?

Wieland: In Lichtenfels haben wir Bereiche, die weniger stark ausgelastet sind, und auf der anderen Seite Abteilungen wie die Intensivmedizin, die sehr stark nachgefragt sind. Aus Kapazitätsgründen gab es hier in der Vergangenheit leider häufige Ab- und Vollmeldungen. Viele Bürger haben sich beklagt, dass sie zum Beispiel in Notfallsituationen nicht in Lichtenfels aufgenommen werden konnten. Dies hat zu einem nachhaltigen Vertrauensverlust bei den Bürgern, den niedergelassenen Ärzten und dem Rettungsdienst in Bezug auf die Gesundheitsversorgung vor Ort in unserem Haus geführt. Dem mussten wir unbedingt entgegensteuern. Daher ist die Station 4 am Klinikum Lichtenfels auch nicht geschlossen.

Wir haben unmittelbar vor Weihnachten und danach eine neue Belegungssteuerung der Betten vorgenommen. So haben wir die Station 4 in der Belegung zunächst teilweise entlastet und konnten dadurch Personalkapazitäten gewinnen. Durch die Bündelung der personellen Kapazitäten und eine Reorganisation der Stationsverteilung können wir hier jetzt viel flexibler reagieren. Wir bedanken uns hier ausdrücklich bei den Chefärzten und den Mitarbeitern, die diesen Weg mitgehen. Alle Maßnahmen finden in engem Dialog mit unseren Betriebsräten statt. Mit den Mitarbeitern werden ausführliche persönliche Gespräche geführt.

Gerade für die sensible Intensivmedizin ist das ein ganz wichtiger Schritt: Patienten, Einweiser und Rettungsdienste müssen zukünftig wieder auf das Klinikum Lichtenfels zählen können. Dies wird von uns mit Recht erwartet!

Robert Wieland, Geschäftsführer der bayerischen Einrichtungen bei Regiomed.Fotos: Regiomed

OT: Dem Vernehmen nach sollen in der Verwaltung bis zu 200 Stellen gestrichen werden. Wenn dem so ist, wie konnte ein derartiger Personalüberhang entstehen beziehungsweise aus welchen Gründen kann nun soviel Personal abgebaut werden?

Schmidtke: In den letzten Jahren ist an allen Standorten ein gewisser Personalüberhang im Bereich der nicht-medizinischen Aufgaben entstanden. Dies hat vielfältige Ursachen: zum Beispiel die Zusammenführung von Abteilungen ohne Prüfung der realen Bedarfe oder die Komplexität der bisherigen Unternehmensstrukturen. Wir arbeiten daran, die Strukturen und Prozesse rund um den Patienten und seinen Aufenthalt anzupassen und werden in diesem Zug eben auch die nicht-medizinischen Bereiche analysieren und sukzessive an den tatsächlichen Bedarf anpassen. In jedem Fall werden wir jede Veränderung bei Strukturen und Prozessen eng mit den jeweiligen Bereichen sowie dem Betriebsrat abstimmen. Gerade im administrativen Bereich gibt es heute schon viele digitale Lösungen, um Mitarbeiter zu entlasten.

OT: Inwiefern beteiligt sich die Führungsebene am Sparkurs bei Regiomed?

Wieland: Wir müssen auch bestehende Ungleichheiten oder einseitige Bevorzugungen auf der Führungsebene abbauen und prüfen alle Verträge. Als Sofortmaßnahme haben wir die Dienstwagenregelung verschärft und drastisch gekürzt. Ein gutes Beispiel für Einsparungen in der Führungsebene ist, dass ich als Geschäftsführer der Bayerischen Einrichtungen bei Regiomed jetzt auch in Personalunion die Leitung der Krankenhausdirektion in Lichtenfels, sowie die Führung der MVZs und weitere zentrale Aufgaben in der Verwaltung übernehme. Großen nachhaltige Hebel für die Verbesserung der finanziellen Lage bei Regiomed liegen insbesondere bei der grundsätzlichen Neuausrichtung und Konsolidierungen der Leitungsstrukturen. Besonders im Bereich der Parallelstrukturen werden wir in vielen Bereichen noch nachbessern müssen.

In der nächsten OT-Ausgabe lesen sie, wie Landrat Christian Meißner die aktuelle Situation bei Regiomed, besonders aber im Klinikum Lichtenfels, einschätzt.

Alexander Schmidtke, Hauptgeschäftsführer der Regiomed-Kliniken GmbH.
Robert Wieland, Geschäftsführer der bayerischen Einrichtungen bei Regiomed.Fotos: Regiomed

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