LICHTENFELS

Wort zur Besinnung: Gedenken für Gegenwart und Zukunft

Wort zur Besinnung
Dekanin Stefanie Ott-Frühwald. Foto: red

Wort zur Besinnung

Der erste von vielen 75-jährigen Jahrestagen 2020 steht am Montag in meinem Kalender: Holocaust-Gedenktag. Ein fremdes Wort ist das: Holocaust. Aus dem Griechischen übersetzt heißt es „ganz beziehungsweise vollständig verbrannt“. So wird die systematische Ermordung bestimmter Bevölkerungsgruppen durch die Nationalsozialisten bezeichnet. Zum Ziel hatte sie die vollständige Vernichtung der in Europa lebenden Juden, Roma und Sinti.

Der 27. Januar steht dafür symbolisch: An diesem Tag hatten im Jahr 1945 am Ende des Zweiten Weltkriegs russische Soldaten die letzten Überlebenden im Konzentrationslager Auschwitz befreit. 7000 Menschen waren dort zu diesem Zeitpunkt noch gefangen. Mindestens 1,1 Millionen waren zuvor dort ermordet worden.

Für mich als Deutsche und als Christin ist die Erinnerung daran eine innere Verpflichtung: Ich will und ich darf nicht vergessen, wohin die Einteilung von Menschen in unterschiedliche Rassen geführt hat. Es ist wichtig für unsere Gegenwart und auch für unsere Zukunft: Nur wenn wir aus der Vergangenheit lernen, werden wir sie nicht wiederholen.

Das aber scheint augenblicklich der Fall zu sein: Weltweit nehmen völkisches Denken und übersteigerter Nationalismus zu. Hier heißt die Parole „Ausländer raus“, dort „America first“. Immer sollen sie Lösung sein für jedes nur denkbare Problem. Alte Verschwörungstheorien kursieren wieder, die „die Juden“ als Grund allen Übels ansehen.

Mich erschüttert das: Seit meiner Jugend berührt mich, dass zu unserer deutschen Vergangenheit auch der Holocaust gehört. Berührt hat mich auch das Projekt „13 Führerscheine - Dreizehn jüdische Schicksale“: Schüler*innen des Meranier-Gymnasiums haben dafür in der Lichtenfelser Geschichte geforscht: Was ist hier bei uns damals zur Zeit des Nationalsozialismus geschehen? Und welche Folgen hatte das?

Fünf der 13 Menschen, denen Ende des Jahres 1938 in Lichtenfels aufgrund ihrer jüdischen Abstammung der Führerschein entzogen wurden, wurden Opfer des Holocaust: Sie wurden ermordet, weil sie Juden waren.

Andere konnten sich ins Ausland retten. Ein Teil ihrer Angehörigen und Nachkommen haben sich vor gut einem Jahr zur Präsentation des Projektes nach Lichtenfels einladen lassen. Sie haben hier in Deutschland die Geschichte ihrer Vorfahren neu gehört und auch aus ihrer Perspektive erzählt. Sie waren bei der Verlegung der ersten Stolpersteine in Lichtenfels dabei - sichtbare Erinnerung und Mahnung für alle, denen sie auf ihrem Weg durch die Stadt „in den Weg kommen“.

Es ging bei all dem nicht allein um geschichtliche Ereignisse. Durch das Projekt sind sich Menschen begegnet: Zeitzeugen und Nachkommen von Überlebenden des Holocaust und Nachkommen derer, die damals auch in Lichtenfels oder anderswo in Deutschland gelebt haben. Es sind Beziehungen gewachsen. Junge und alte Menschen haben miteinander geweint und gelacht, haben sich Anteil gegeben an ihrem Leben heute. Sie haben ihre Hoffnung geteilt, dass sich die Gräuel der Vergangenheit nie mehr wiederholen.

Mich erinnern diese Begegnungen an das Bibelwort, das uns in der kommenden Woche begleitet: „Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes“ (Lukas 13,29). Welch eine Verheißung ist das: In der Wirklichkeit Gottes haben alle einen Platz. Seine Liebe kennt keine Grenzen. Davon erzählt dieser Wochenspruch. Das bezeugen Apostel und Propheten.

Ich hoffe und bete nicht nur am Holocaust-Gedenktag dafür, dass auch in unseren Herzen und Köpfen die Grenzen fallen und wir erkennen, dass wir alle „nur“ Menschen sind - welche Hautfarbe, welche Herkunft, welchen Glauben wir auch immer haben mögen.

Ihre Stefanie Ott-Frühwald,

Dekanin in Michelau

Schlagworte