LICHTENFELS

Warum Milchbauern im Landkreis Lichtenfels in der Kostenfalle stecken

Milchbauern im Landkreis Lichtenfels in der Kostenfalle
„Unsere Tiere sollen es gut haben“, betonten Mathias und Franz Kraus im Gespräch mit stellvertretendem Kreisobmann Lothar Teuchgräber. Foto: Gerd Herrmann

Einträchtig stehen die Kühe im Freilaufstall von Franz und Matthias Kraus in Roth und kauen ihr Futter. Gelegentlich trottet eines der Tiere zur Melkanlage oder zu den Massagebürsten. Das Melken wie das Striegeln übernimmt die Technik. Eine Entlastung für die Landwirte. Es duftet nach Heu in dem hellen Stall am Ortsrand von Roth, eine sanfte Brise weht durch die offenen Seitenwände. Rund eine Million Euro hat der Familienbetrieb vor fünf Jahren für den Bau des neuen Stalls investiert. Sorgen bereiten den Landwirten jedoch steigende gesetzlich Auflagen und sinkende Erzeugerpreise, wie sie bei einem Stallgespräch sagen.

Milchbauern im Landkreis Lichtenfels in der Kostenfalle
Vollautomatisch funktioniert das Melken im Laufstall der Familie Kraus in Roth. Foto: Gerd Herrmann

Dank der modernen Anlage war es möglich, den Tierbestand von 45 auf 85 Milchkühe zu erweitern. Eine Größe, die den beiden Familien ein einkömmliches Wirtschaften sichern sollte. „Heute würden wir für den gleichen Stall 300 000 Euro mehr zahlen“, sagt Matthias Kraus. Das könnte der Betrieb nicht erwirtschaften. Verursacht werde diese Kostenexplosion durch steigende Auflagen.

„Jetzt darf man nicht mal mehr ein Rohr selbst verlegen“, sagt der 30-Jährige achselzuckend. Und die Spezialfarbe für ein Futtersilo koste mehrere 10 000 Euro. Dabei werden dort natürliche Produkte gelagert und keine Chemikalien, wundert sich Kreisbäuerin Marion Warmuth.

Muss der offene Kuhstall in Roth wegen des Klimaschutzes geschlossen werden?

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Viel Platz, frische Luft und Sauberkeit bestimmen das Bild im Laufstall der Familie Kraus in Roth. Foto: Gerd Herrmann

Sorgen bereitet den Landwirten die Klima-Debatte. Entsprach der offene Kuhstall vor fünf Jahren dem neuesten Stand der Erkenntnis, so gibt es jetzt Überlegungen, die Ställe zu schließen, damit das von den Kühen erzeugte Methangas nicht in die Atmosphäre entweichen kann.

„Landwirtschaftliche Anlagen, die beim Bau den Vorschriften entsprechen, benötigen Bestandsschutz für die gesamte Abschreibungszeit“, fordert daher Hans-Jürgen Rebelein, Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbands (BBV). Wegen der zunehmenden Vorschriften sei in den Landkreisen Lichtenfels und Coburg in den vergangenen fünf Jahren kein neuer Stall mehr gebaut worden.

„Wir machen uns Sorgen, wie es mit der Landwirtschaft weitergehen soll, wenn niemand mehr investiert“, sagt Rebelein. Schließlich habe sich die Zahl der Nutztiere in der Landwirtschaft im Landkreis seit 1990 um die Hälfte verringert – von 9360 Milchkühen (1990) auf 4986 (2018). Dennoch habe sich die Menge der erzeugten Milch kaum geändert, weil der Trend zu größeren Betrieben gehe (1990 waren es noch 925 Betriebe, die Kühe hielten, 2018 nur noch 160).

Milchpreis müsste bei 40 Cent liegen, um davon leben zu können

Wie schwierig die Situation der Landwirte ist, zeigen die Schwankungen des Milchpreises. „Ein Jahr nach dem Bau des neuen Stalls ist der Milchpreis auf 21 Cent pro Liter gefallen“, berichtet Matthias Kraus. Zurzeit liege er wieder oberhalb der 30-Cent-Marke, aber um gut davon leben und in den Betrieb investieren zu können, bräuchten die Landwirte mindestens 40 Cent.

Milchbauern im Landkreis Lichtenfels in der Kostenfalle
Der Beruf des Landwirts ist eine Frage der Leidenschaft, sind sich (v. li.) stellvertretender Kreisobmann Lothar Teuchgr... Foto: Gerd Herrmann

Nicht besser sieht es bei den Rindfleischpreisen aus, die auf 2,90 Euro pro Kilo gesunken sind. „Wir bräuchten mindestens 3,20 Euro“, erklärt Matthias Kraus.

Hinzu kommen steigende Kosten für die Ernährung der Tiere. So musste der Familienbetrieb im vergangenen Jahr für 20 000 Euro Futter zukaufen, weil die eigene Ernte aufgrund der Trockenheit schlecht ausfiel. Der staatliche Zuschuss betrug allerdings nur 7000 Euro.

Heuer sieht es nicht besser aus: Die Wiesen konnten nur zweimal, statt der üblichen drei Mal gemäht werden, und beim Futtermais liegt der Ertrag ein Drittel unter dem Durchschnitt. Auch der Umstieg auf Bio-Produkte wäre kein Ausweg, da die Milchwerke Oberfranken nicht mehr Bio-Milch abnehmen. Und der höhere Preis für Bio-Milch decke kaum die Kosten für die Zertifizierung.

Tierwohl-Label: Drastische Folgen für kleine Betriebe

Milchbauern im Landkreis Lichtenfels in der Kostenfalle
Wellness für Kühe: An automatischen Bürsten können sich die Tiere striegeln lassen. Foto: Gerd Herrmann

Das gleiche gelte für eine Zertifizierung nach dem Tierwohl-Label. Zumal die Gefahr bestehe, dass eine solche Zertifizierung zwar mit der Aussicht auf einen Zuschuss eingeführt, nach einiger Zeit aber als Standard angesehen werde, ohne den der Landwirt seine Produkte nicht mehr abgenommen bekomme.

„Wenn das Label eingeführt wird, sind die kleinen Betriebe bis zu 20 Kühe tot“, warnt der BBV-Geschäftsführer. „Mehr Tierwohl als in unserem Stall geht eigentlich kaum“, meint Matthias Kraus. Umso bedauerlicher findet er es, dass Landwirte ständig als Sündenböcke herhalten müssten, wenn in Ausnahmefällen wie im Allgäu ein Tierskandal bekannt werde.

„Wenn ich für Lebensmittel kein Geld habe, was ist mein Leben dann wert?“
Lothar Teuchgräber, stellvertretender BBV-Kreisobmann
Milchbauern im Landkreis Lichtenfels in der Kostenfalle
Der Laufstall der Familie Kraus am Ortsrand von Roth bietet Platz für 85 Milchkühe. Foto: Gerd Herrmann

„Wenn ich für Lebensmittel kein Geld habe, was ist mein Leben dann wert?“, fragt der stellvertretende Kreisobmann Lothar Teuchgräber. Die Landwirtschaftspolitik sei nicht auf Nachhaltigkeit ausgelegt.

So habe die Bundesregierung vor Jahren den Anbau von Mais zur Erzeugung von Biogas propagiert, und jetzt werde über die „Vermaisung“ der Landschaft geklagt. Dabei liege der Maisanbau im Landkreis mit 2446 Hektar nur leicht über dem Stand von 1990 (2056 Hektar).

Und die Gülleverordnung mit ihren strengen Fristen führe dazu, dass Landwirte ihre Jauche bis zu einem Jahr lagern und dann größere Mengen ausbringen müssten, ergänzt Kreisobmann Michael Bienlein. „Der Umwelt hilft das nicht gerade“, warnt er. 

Milchbauern im Landkreis Lichtenfels in der Kostenfalle
Einen Beitrag zum Umweltschutz leistet die Gülle-Gemeinschaft Main-Rodach mit einem Gülle-Truck, der die Jauche direkt i... Foto: Gerd Herrmann

Dabei investierten die Landwirte in moderne die Umwelt schonende Technik wie den großen Gülle-Truck, den die Güllegemeinschaft Main-Rodach für rund 380 000 Euro angeschafft habe, um die Jauche beim Ausbringen gleich in die Erde einzupflügen. Solche Leistungen sollten anerkannt und den Betrieben mehr Wertschätzung entgegengebracht werden – sowohl von Politikern als auch von Kunden, wünscht er sich.

Die Nutztierhaltung im Landkreis Lichtenfels

Von den 852 landwirtschaftlichen Betrieben im Landkreis Lichtenfels halten 160 Kühe (1990 waren es noch 925), 150 Mastschweine (1990: 939) und zwölf Muttersauen (1990: 257).

Die Zahl der Nutztiere in der Landwirtschaft hat sich seit 1990 um die Hälfte verringert. Bei den Milchkühen sank sie von 9360 (1990) auf 4986 (2018). Dennoch habe sich die Menge der erzeugten Milch kaum geändert, weil der Trend zu größeren Betrieben gehe, so der Bayerische Bauernverband. Der Großteil mit 58 Betrieben hält bis zu neun Kühe, 32 Betriebe 50 bis 100 Tiere und acht Betriebe mehr als 100 Kühe, so dass von Massentierhaltung laut BBV keine Rede sein kann. Der Großteil der Milchkühe werde von familieneigenen Arbeitskräften versorgt, mit selbst angebautem Grundfutter versorgt und diene somit neben der Milchproduktion auch der Erhaltung der Kulturlandschaft.

Auch bei den Schweinehaltern überwiegen die 111 Kleinbetriebe mit bis zu 19 Tieren, fünf mit 100 bis 199 Tieren, drei mit 2200 bis 399 Tieren und vier mit über 400 Tieren.

Die Zahl der Rinder im Landkreis betrug im vergangenen Jahr 13 911 (1990: 25 0829, der Schweine 14 386 (16 160), der Pferde 479 (255) und der Schafe 3049 (3046).

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