LICHTENFELS

IHK: Die Lichtenfelser Industrie schwächelt

Produktion bei Automobilzulieferer Bosch
Die Automobilzulieferer im Landkreis stehen unter Druck. Foto: SymbolBernd Weißbrod dpa/lsw

Innerhalb kurzer Zeit haben sich die Fundamentaldaten der Lichtenfelser Industrie gedreht. Lag der Umsatzzuwachs im ersten Quartal 2019 noch 3,6 Prozent über dem Vorjahresergebnis, verzeichnet die Industrie im zweiten Quartal ein Minus von 10,9 Prozent. Auch die Beschäftigtenzahl war im zweiten Quartal rückläufig, und zwar um 2,8 Prozent. „Der Nachfragerückgang im Automobilsektor und in der Polstermöbelindustrie hinterlassen ihre Spuren im Wirtschaftsraum Lichtenfels“, so Wilhelm Wasikowski, IHK-Vizepräsident und Vorsitzender des IHK-Gremiums Lichtenfels.

„Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 entwickelte sich die Lichtenfelser Industrie außerordentlich positiv. Die Zahl der Industriebeschäftigten stieg seitdem um gut 15 Prozent, der Umsatz sogar um 24 Prozent“, so Wasikowski. Vier Branchen sind oberfrankenweit vom aktuellen Umsatzrückgang in der Industrie besonders stark betroffen: Die Kfz-Zulieferer, die Polstermöbelhersteller – die größten Arbeitgeber im Landkreis – die Glas- und Keramikindustrie sowie die Textilindustrie.

Kfz-Zulieferer und Polstermöbelhersteller unter Druck

Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 gingen Beschäftigten- und Umsatzzahlen bei der Polstermöbelindus-trie spürbar nach oben. Seit Mitte 2016 trübt sich die Entwicklung in dieser Branche allerdings ein, Beschäftigung und Umsatz sind seitdem rückläufig. „Die ausländische Konkurrenz holt bei Qualität und Design spürbar auf“, so Wasikowski. „Hinzu kommen die immer noch deutlich niedrigeren Personalkosten etwa in Polen, was bei einer Branche mit viel Handarbeit ein elementarer Standortvorteil ist.“

„Wir brauchen keinen Donald Trump und keinen Boris Johnson, die mit ihren Entscheidungen der Wirtschaft schaden. Das schaffen wir in Deutschland auch ohne fremde Hilfe.“
Wilhelm Wasikowski, Vorsitzender des IHK-Gremiums Lichtenfels

Auch die Kfz-Zulieferer, sind in den vergangenen Monaten zusehends unter Druck geraten. So hatte etwa VW die Vorbereitung auf den neuen Abgastest WLTP regelrecht verschlafen, der Flughafen BER Berlin kam 2018 unerwartet zu einer Nutzung – als Parkplatz für mehrere 1000 Autos. Wasikowski: „Hinzu kommt nicht nur in China – längst einer der wichtigsten Absatzmärkte für deutsche Autos – ein spürbarer Nachfragerückgang. In Konsequenz wurden auch weniger Autos verkauft, was nicht ohne Auswirkungen auf unsere heimischen Zulieferer bleibt.“

IHK: Die Lichtenfelser Industrie schwächelt
Wilhelm Wasikowsky, Vorsitzender des IHK-Gremiums Lichtenfels. Foto: IHK/Peter Belina

Konkrete Zahlen zur Bedeutung der Kfz-Zulieferer im Landkreis Lichtenfels gibt es nicht, weil sich diese unter verschiedenen Branchen subsummieren. So sind etwa ein großer Teil der Hersteller von Kunststoffwaren Zulieferer der Kfz-Industrie, aber auch Unternehmen aus dem Maschinenbau, der Keramik- und Glasindustrie oder der Textilindustrie beliefern Automobilhersteller. Nach IHK-Schätzungen macht die Lichtenfelser Industrie fast die Hälfte ihres Umsatzes im Automobilsektor. Wasikowski: „Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass sich der schleppende Verkauf von Autos auch im Landkreis Lichtenfels bemerkbar macht.“

Hat die Politik ihre Hausaufgaben gemacht?

Man dürfe die Ursachen für den rückläufigen Umsatz aber nicht nur im Ausland sehen, auch der Blick auf Deutschland werde immer wichtiger. „Trump, die Auseinandersetzungen USA-China und der Brexit hinterlassen ihre Spuren – keine Frage“, so Wasikowski. „Deutlich wird aber auch, dass wir in Deutschland unsere Hausaufgaben nicht gemacht haben. Es gibt wohl kaum ein anderes Land, das seine Leistungsträger so schlecht behandelt wie Deutschland. Es fehlt einfach das Bewusstsein, dass wir in Deutschland unseren Wohlstand nicht zuletzt unserer starken Industrie verdanken.“

Wasikowski kritisiert die hohen Steuerbelastungen, eine unstrukturierte Energiewende, eine überbordende Bürokratie und einen Investitionsstau bei der Infrastruktur, vor allem bei der Digitalisierung. Wasikowski: „Wir brauchen keinen Donald Trump und keinen Boris Johnson, die mit ihren Entscheidungen der Wirtschaft schaden. Das schaffen wir in Deutschland auch ohne fremde Hilfe.“

Als aktuelles Beispiel nennt er den Referentenentwurf zur „Rückführung des Solidaritätszuschlags“. Im Ergebnis würden mittelgroße Personenunternehmen sowie sämtliche Kapitalgesellschaften (GmbH, AG) den Soli weiterhin zahlen. Für mehrere hunderttausend Mittelständler in Deutschland sind die Einkommensteuer und der darauf erhobene Soli die entscheidende Unternehmenssteuer. Hinzu kommt der Soli, den sie auf die Körperschaftsteuer entrichten müssen. Gibt es beim Soli für die besonders betroffenen Unternehmen keine Entlastung, fehlen diese Mittel für Investitionen. Wasikowski: „Aus meiner Sicht ist es nicht nachvollziehbar, dass eine Vielzahl von Unternehmen weiterhin mit dieser Zusatzabgabe in einen wirtschaftlichen Abschwung gehen sollen.“

Nicht betroffen von der nachgebenden Konjunktur in der Industrie sind der Handel, die Dienstleistungen, der Tourismus und das Baugewerbe, wie Wasikowski betont: „Dort verläuft die Entwicklung weiterhin stabil.“ (red)

Rückblick

  1. Baur-Gruppe verdoppelt das Umsatzwachstum
  2. Baur-Gruppe mit Umsatzplus von zwei Prozent
  3. Zukunftstag der Firma Raab: Mitarbeiter sind Impulsgeber
  4. Milder Winter: Arbeitslosenquote in Lichtenfels steigt nur leicht
  5. 25 Jahren Gründerberatung am Landratsamt Lichtenfels
  6. Eva Gill wechselt ans Bezirksklinikum Obermain
  7. Bundeswirtschaftssenat beruft Thorsten Gareis aus Lichtenfels
  8. 25 Entlassungen bei Robert Hofmann GmbH in Schney
  9. Lichtenfelser Buchladen „H. O. Schulze“ schließt
  10. Baustelle „Hofmann – Impulsgeber“ ist dem Zeitplan voraus
  11. Lichtenfels: Unternehmen wollen Energie sparen
  12. Marktzeulner Firma DKS GmbH nimmt am Umweltpakt Bayern teil
  13. IHK: Die Geschäftslage am Obermain bleibt solide
  14. Herbstaufschwung am Arbeitsmarkt in Lichtenfels
  15. "Schienenkonferenz Oberfranken" in Lichtenfels
  16. Konjunktureintrübung trifft nun auch Oberfranken
  17. In Schney: Werk II von „Hofmann – Ihr Impulsgeber“ wächst
  18. Robert Hofmann GmbH: Millionen für mehr Möglichkeiten
  19. Brose baut 2000 Stellen ab
  20. Die Zeit für den Lichtenfelser Lehrbauhof läuft ab
  21. Landrat Meißner besucht „Herz“ von „bullfrog“ in Michelau
  22. Wirtschaftsmedaille für Ebensfelder Wolfgang Schubert-Raab
  23. Prämiensparen: Sparkasse Coburg-Lichtenfels kündigt Sparverträge
  24. Mistelfeld: Vom Kaffeegenuss mit gutem Wissen
  25. Regiomed erweitert Geschäftsführung
  26. 1400 Frauen und Männer im Landkreis Lichtenfels ohne Job
  27. 25,1 Millionen Euro Defizit bei Regiomed bestätigt
  28. Thomas-Cook-Pleite zieht Kreise bis an den Obermain
  29. Concept Laser: Der „GE Additive Campus“ ist eröffnet
  30. Fortschritte bei der Sanierung von Regiomed
  31. Lichtenfelser stehen Schlange bei Eröffnung von Möbel Boss
  32. 1405 Menschen am Obermain ohne Job
  33. Der Wirtschaft ein Schaufenster geben
  34. "Keine Häufung bei den Kündigungen"
  35. Der Friseursalon Wendler in Lichtenfels schließt
  36. 3D-Metalldruck an Hochschule Coburg jetzt möglich
  37. Die finanzielle Situation zwingt zu Veränderungen
  38. Ein Rundgang durch die Lichtenfelser Kirschbaummühle
  39. Die Arbeitslosigkeit im Landkreis Lichtenfels steigt
  40. FADZ Lichtenfels: Gemeinsam 3D-Druck erforschen und lehren
  41. Gesellschafter retten Regiomed vor Insolvenz
  42. Regiomed-Klinikverbund: Transparent den Spagat meistern
  43. Gute Adressen für Berufseinsteiger im Landkreis Lichtenfels
  44. Frank Herzog/Concept Laser: „Godfather of Laserdruck“ geht
  45. Neues Leben im Lichtenfelser Kaufland-Gebäude
  46. Klinikum Lichtenfels weiter in den roten Zahlen
  47. Lifocolor investiert 20 Millionen am Standort Lichtenfels
  48. Lichtenfelser Thorsten Gareis ein Top-Consultant
  49. OT-Gespräch mit IHK-Vertretern: Brexit macht unsicher
  50. Concept Laser: Einzug in den Campus hat begonnen

Schlagworte