Die finanzielle Situation zwingt zu Veränderungen

Vor rund einem Jahr wurde das zum Regiomed-Klinikverbund gehörende Green Hospital in Lichtenfels eröffnet. Nun drohte dem Verbund die Zahlungsunfähigkeit. Foto: ArchivRoger Martin

Die Hiobsbotschaften von den finanziellen Problemen des Regiomed-Klinikverbunds reißen nicht ab. So hat es kürzlich ein Treffen der Geschäftsführung mit Bankenvertretern und den kommunalen Gesellschaftern gegeben. Dabei wurden laut Medienberichten seitens der kommunalen Träger Kreditzusagen in Höhe von acht bis zehn Millionen Euro gegeben. Der Landkreis Lichtenfels, der mit 25 Prozent am Klinikverbund beteiligt ist, schießt demnach 3,6 Millionen Euro zu. Wir haben beim Geschäftsführer der bayerischen Regiomed-Einrichtungen, Robert Wieland, nach den Ursachen und Konsequenzen der Defizite gefragt.

OT: Herr Wieland, Sie und Hauptgeschäftsführer Alexander Schmidtke beziffern den Verlust des Regiomed-Klinikverbunds im Jahr 2018 auf 22 Millionen Euro, in diesem Jahr auf 15 Millionen Euro und für 2020 auf sieben Millionen Euro. Welche Ursachen gibt es dafür und warum konnten die Verantwortlichen im Aufsichtsrat davon überrascht werden?

Robert Wieland: Die Mitglieder des Aufsichtsrates wurden regelmäßig durch den ehemaligen Hauptgeschäftsführer und den Kaufmännischen Geschäftsführer informiert. Gleichzeitig erhielten sie Unterlagen von Seiten Regiomed wie auch von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Erste negative Prognosen haben sich aus Zahlen vom September 2018 ergeben, daraufhin wurden sofort – auch in enger Abstimmung mit dem damals noch designierten Hauptgeschäftsführer Alexander Schmidtke – Maßnahmen zum Gegensteuern ergriffen.

Eine Umstellung des Reporting auf ein System der integrierten Unternehmensplanung und Steuerung soll frühzeitigere Prognose ermöglichen und die Qualität der entscheidungsrelevanten Daten verbessern. Die Idee Regiomed war ein mutiger Schritt in die richtige Richtung. Die Umsetzung der Idee mit den inzwischen veralteten und komplizierten Strukturen aus 17 Gesellschaften, 40 Tarifwerken in 20 Einrichtungen ist sehr, sehr schwierig zu steuern. Die unzureichende Datenlage innerhalb der komplexen Unternehmensstruktur hat eine frühere und belastbare Prognose offensichtlich nicht zugelassen. Das werden wir ändern.

Wie beurteilen Sie die Arbeit des Aufsichtsrats im Zusammenhang mit den Millio-nen-Defiziten?

Wieland: Auf Betreiben der Gesellschafter wurde ein Strategie- und Kontrollgremium zur Aufklärung der Vorgänge initiiert, dass rechtliche Verstöße und Auftragsvergaben klären soll. Seit ich das beurteilen kann (Geschäftsführer seit 1. April 2019), haben sich die Gesellschafter stets vorbildlich bei der Aufklärung der Sachverhalte eingebracht, unterstützen die derzeitige Geschäftsführung bei der Konsolidierung und Modernisierung des Unternehmens und stehen mit ihrem Wort zum Verbund und den über 5000 Mitarbeitern.

Kürzlich hat es dem Vernehmen nach ein Treffen mit den Bankenvertretern gegeben. Diese wollten angeblich keine weiteren Kredite mehr an Regiomed vergeben. Entspricht dies der Wahrheit? Wenn ja: Wie konnte es so weit kommen?

Wieland: In der Tat hat der Hauptgeschäftsführer Alexander Schmidtke in der letzten Woche einige Termine bei Banken absolviert. Durch die Berichterstattung und die Ergebnislage sind die Verantwortlichen der Kreditinstitute verunsichert, ob die getätigten Zusagen von Regiomed durch das Defizit gefährdet sind. Außerdem werden wir durch die Banken in andere Risikoklassifizierungen geratet.

Bei mehreren Informationsterminen hat der Hauptgeschäftsführer den Banken das Konzept der Restrukturierung vorgestellt und konnte die Banken überzeugen, dass Regiomed auch langfristig fähig sein wird, seinen Verpflichtungen nachzukommen. Zusätzlich erwarten die Banken die Ergebnisse des in Auftrag gegebenen Sanierungsgutachtens.

Dem Vernehmen nach ging es dabei auch um aktuelle Rechnungen für den Bau der Zentralküche in Lichtenfels, ein Baustopp drohte. Heißt das, dass bei Regiomed derzeit sogar das Geld für laufende Bauvorhaben fehlt?

Wieland: Es gibt derzeit keinen Baustopp bei der Großküche; die Arbeiten sind schon sehr weit fortgeschritten. Aktuell ist die Liquidität des Unternehmens aufgrund der Finanzierung von laufenden Großprojekten stark strapaziert. Wir treffen hier alle Vorkehrungen, um dies kurzfristig zu regeln. Regiomed setzt hier eigene Mittel durch einen konzerninternen Liquiditätsausgleich (Cash-Pooling) ein und bemüht sich, flankierend von den Gesellschaftern Mittel zu erhalten. Die Grundlagen hier-für werden durch die Beschlüsse der Gesellschafter geschaffen.

Wie und bis wann sollen die Verluste bei Regiomed abgebaut werden, und welche Maßnahmen sind dafür notwendig?

Wieland: Wir haben bereits mit der Umsetzung umfangreicher Sanierungsmaßnahmen, die in Abstimmung mit den Verantwortlichen vor Ort erarbeitet wurden, begonnen, und die ersten Er-gebnisse sind durchweg positiv, dennoch muss der Verbund eine strukturelle Veränderung durchlaufen. Dabei setzen wir auf einen nachhaltigen Restrukturierungs- und Konsoldierungskurs. Hierfür haben wir ein stringentes Entwicklungsprogramm aufgestellt. Die Maßnahmen beinhalten sowohl Themen zur Optimierung der Ressourcen und Prozesse, als auch zur Verbesserung des Leistungsangebots sowie zur zunehmenden sektorübergreifenden Vernetzung. Im Zent-rum der Überlegungen steht eine optimierte Patientenversorgung unter Berücksichtigung einer nachhaltigen Wirtschaftlichkeit.

Die wirtschaftliche Lage soll kontinuierlich, im Rahmen eines Fünfjahresplans, verträglich, aber nachhaltig verbessert werden. Momentan führen wir im Unternehmen daher viele Gespräche mit den Gesellschaftern und der Kommunalpolitik, aber auch mit Mitarbeitern, Führungskräften und Betriebsräten. Auch in der Öffentlichkeit müssen wir für die notwendigen Veränderungen werben, um eine Akzeptanz beziehungsweise ein Verständnis für den neuen Kurs zu bekommen. Mit den angedachten Maßnahmen werden wir schätzungsweise 2023 wieder in die schwarzen Zahlen kommen

Wird der Klinikverbund nach dieser Konsolidierungsphase künftig ohne weitere Unterstützung der öffentlichen Hand bestehen können, oder ist eine Privatisierung zumindest mittelfristig unumgänglich?

Wieland: Die Gesundheitsversorgung in kommunaler Hand zu halten ist inzwischen ein Alleinstellungsmerkmal vieler Kommunen. Beste Medizin für den Bedarf der Menschen darf nicht hinter gewinnwirtschaftlichen Überlegungen manch großer Konzerne anstehen. Inzwischen gibt es zahlreiche Landkreise, die es bereuen, ihr Krankenhaus an einen privaten Anbieter verkauft zu haben – da muss man auch gar nicht so weit schauen.

Natürlich wird Regiomed auch in Zukunft positive Ergebnisse schreiben müssen, um Investitionen tätigen zu können und zukunftsfähig zu bleiben. Das wird aber auch in einer kommunalen Struktur gelingen. Das, was andere – Private – als Rendite erwirtschaften müssen, können wir in die Gesundheitsversorgung unserer Bürger reinvestieren. Ich bin daher sehr froh, dass unsere Gesellschafter zu uns stehen und die kommunale Trägerschaft nicht in Frage stellen.

Viele Mitarbeiter bei Regiomed klagen seit Jahren über eine unzumutbare Arbeitsbelastung und -verdichtung. Teilweise stünden wegen des chronischen Personalmangels sogar OP-Säle still. Im Gegensatz werde versucht, diese Missstände mittels teurer Honorarkräfte beziehungsweise günstiger Zeitarbeitskräfte aufzufangen. Nun befürchten viele Mitarbeiter, dass der Klinikverbund in die Insolvenz getrieben werden könnte, um sie anschließend mit neuen Arbeitsverträgen „abspeisen" zu können. Welche Zusagen können Sie den Mitarbeitern machen?

Wieland: Solche Überlegungen gibt es nicht. Ich kann verstehen, dass viele Mitarbeiter verunsichert sind und Fragen haben. Hierzu haben wir aktuell eine Information an alle Mitarbeiter her-ausgegeben. Weiter werden wir in den nächsten Wochen und Monaten regelmäßig und umfassend die Mitarbeiter über die neuen Entwicklungen im Medizinkonzept oder der Reorganisation der Zentralverwaltung und so weiter informieren.

Robert Wieland ist seit April 2019 Geschäftsführer der bayerischen Regiomed-Einrichtungen. Foto: Regiomed

Die Mitarbeiter müssen keine Angst haben, wenn sie sich auf die Veränderungen einlassen. Die Situation zwingt uns zu Veränderungen – das muss jedem bewusst sein. Wir haben – das ist das Positive - viele Potenziale und Möglichkeiten, Optimierungen in den Strukturen, Prozessen und eingesetzten Ressourcen zu realisieren. Das wird am Ende auch Stabilität, Sicherheit und Erleichterung bringen. Dies können wir aber nur mit enormer Anstrengung beispielsweise durch Kostenreduzierungen durch verstärkte Einkaufsbündelung und Standardisierung sowie schnellere Abrechnungen mit digitaler Unterstützung erreichen.

Manche heimischen Ärzte raten ihren Patienten derzeit davon ab, sich im Lichtenfelser Klinikum beziehungsweise beim Regiomed-Klinikverbund behandeln zu lassen; Patienten berichten von eklatanten Behandlungsfehlern. Wie wollen Sie dieses Vertrauen wieder zurückgewinnen?

Wieland: Die Patientenzufriedenheit und eine verstärkte Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten und Kooperationspartnern ist uns im Rahmen der Neuorganisation ein sehr wichtiges Anliegen. Ich bin überzeugt, dass die aktuellen Meldungen zur angespannten wirtschaftlichen Lage leider die hohe medizinische Qualität in den Schatten stellt.

Alle Mitarbeiter, die am Behandlungsprozess der Patienten beteiligt sind, arbeiten mit höchster Professionalität und größtem Engagement. Demnach nehmen wir am Regiomed Klinikum Lichtenfels Patientenbeschwerden sehr ernst und gehen jedem gemeldeten Fall sehr intensiv nach und sprechen mit Mitarbeitern und Patienten. Darüber hinaus möchten wir insbesondere die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten intensivieren. Momentan suchen unsere Chefärzte und Klinikmitarbeiter verstärkt das Gespräch mit den Kollegen vor Ort, um die Zusammenarbeit im Sinne der bestmöglichen Patientenversorgung zu organisieren und zu verbessern. Hier wollen wir mehr spezifischen Service und Dialog bieten.

 

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