LICHTENFELS

Fränkische Sagen: Die Querkela und ihre Klöße

Auch im 21. Jahrhundert werden die Querkela-Geschichten auf dem Staffelberg erzählt. Foto: Andreas Motschmann

„Es is scho orch lang heä, doa hom amol Quergela im Schdaffelberch gelebbd.“ So beginnt in Mundart die bekannteste Sage am Obermain. Der Staffelberg ist in unserer Region nicht nur der beliebteste Ort zum Wandern, sondern auch der bekannteste Sagenort. Allein im Buch „Sagen und Legenden des Lichtenfelser Landes“ von E. und K. Radunz finden wir rund um dem Staffelberg 14 Sagen. Viele Menschen kennen wohl die Geschichte von den Querkela, denn jeder kann sich die Querkeleshöhle vor Ort ansehen und vorstellen, wo die kleinen Wesen wohnten.

Geheimnisvolle Wesen

Heute möchte ich nicht nur die Geschichte, sondern vor allem die geheimnisvollen kleinen Wesen etwas näher vorstellen. Doch zunächst die Sage in einer aktuellen Erzählfassung: Vor langer, langer Zeit lebten in einer Höhle auf dem Staffelberg die Querkela. Sie waren kleine Wesen, wohnten tagsüber in ihrer Höhle und stiegen am Abend vom Berg hinunter, um den Menschen zu helfen. In den Dörfern rund um den Staffelberg waren die Querkela gern gesehene Gäste. Sie unterstützten vor allem die armen Menschen bei ihrer vielen Arbeit im Haus, im Hof und im Stall.

Außerdem wussten sie Bescheid, wie man bei Krankheiten wieder gesund werden konnte. Denn sie kannten viele wohltuende Kräuter und heilsame Pflanzen. Am liebsten kamen die Querkela an den Tagen, an denen die Frauen Klöße kochten. Die „Klößtage“ waren am Dienstag, Donnerstag und natürlich am Sonntag.

Klöße waren das Leibgericht der kleinen Wichte. Weil sie gar nicht genug davon bekommen konnten, packten sie manchmal auch den einen oder anderen Kloß ein und schleppten ihn mit auf den Staffelberg. Die Menschen waren deswegen nicht böse, ja sie freuten sich, wenn die Klöße den kleinen Wesen so richtig schmeckten.

Undankbare Menschen

Schließlich waren die Querkela sehr fleißig und hatten in der Nacht viele wichtige Arbeiten verrichtet.

Leider lebten in einem Haus zu Füßen des Staffelbergs auch geizige Menschen. Sie hatten zwar nichts dagegen, wenn die Querkela ihnen halfen. Aber den gerechten Lohn, nämlich die Klöße, wollten diese hartherzigen Menschen ihren Helfern nicht geben. Darüber waren die Querkela so enttäuscht, dass sie beschlossen, den Staffelberg zu verlassen. Unter großem Wehklagen zogen sie in einer Nacht vom Berg herunter und überquerten das Maintal.

Bei Hausen ließen sie sich vom Fährmann in einem Boot über den Main fahren und verschwanden danach im Banzer Wald. Keiner weiß, wohin sie gezogen sind und bis heute hat sie niemand mehr gesehen.

Was in den Sagen-Sammlungen des 19. und 20. Jahrhunderts festgehalten wurde, war als Motiv teilweise schon mehrere Jahrhunderte vorher in mündlicher Überlieferung vorhanden. Die Querkela (vom althochdeutschen „Getwerg“ für Zwerg) tauchen in etlichen Regionen Deutschlands auf. Auch wenn sie mancherorts als Heinzelmännchen, Wichtel, Kabouter oder Zwerge bezeichnet werden.

Ursachen für derartige Sagen können in geologischen Besonderheiten liegen. So wird aus einer vorhandenen Höhle das „Querkelesloch“. Auch Bergbau, bei dem kleine Menschen benötigt wurden, mag zur Entstehung der Sagen rund um die kleinen Wesen beigetragen haben. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurde in der Nähe des Staffelbergs Bergbau betrieben. Die Kapelle auf dem Staffelberg ist einer Heiligen geweiht, nämlich der heiligen Äbtissin Adelgundis. Vielleicht wurde in vorchristlicher Zeit an dieser Stelle eine Göttin verehrt. Hilfsgeister der Göttinnen sind in der Mythologie die Zwerge.

Zwerge und der Bergbau

Am Veitenstein bei Lußberg (Landkreis Haßberge) tauchen die Querkela wieder auf. In einer Sage aus dem Jahr 1912 von Karl Spiegel, Lehrer und Volkskundler, sind die kleinen Wichtel nach ihrer Flucht vom Staffelberg mainabwärts gezogen und haben sich in einer Höhle am Veitenstein neu eingerichtet. Im 17. und 18. Jahrhundert sollen im Bergbau rund um Lußberg italienische Bergleute gearbeitet haben, die im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung wesentlich kleiner waren, möglicherweise der Grund für das dortige Querkela-Motiv.

Auf Spuren der Querkela

Im Sonneberger Unterland an der thüringisch-fränkischen Grenze werden aus den Querkela die „Schlaazla“, „Büebl“ oder „graua Mennla“. Auch dort waren sie als hilfreiche Hausgeister gerne gesehen, trieben sich aber auch manchmal in den Mühlen herum. In Neukenroth (Landkreis Kronach) bewacht ein Zwerg den Schatz im Eilaberg. Erschreckt wurden einst die Holz- und Pilzsammler rund um Helmbrechts (Landkreis Hof), wenn die dortigen Querkel ihr „Quarkluch“ verlassen und mit den Ahnungslosen im Wald allerlei Schabernack getrieben hatten.

Im Helmbrechtser Ortsteil Haide beginnt der „Querkela-Weg“, ein zwölf Kilometer langer Rundwanderweg. So können wir heute noch auf den Spuren der kleinen Wesen wandern.

Zu den Dörfern unterhalb des Staffelberges mussten die Zwerge gehen, um ihre Klöße zu holen. Foto: Andreas Motschmann

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