MARKTGRAITZ/MICHELAU

Weihnachten neu entdecken

Überall im Landkreis wurden in den Kindermetten am Heiligen Abend Krippenspiele aufgeführt – so wie hier in der Michelauer Johanneskirche. Foto: KLaus Gagel

Zum Heiligen Abend luden der katholische Dekan Lars Rebhan und die evangelische Dekanin Stefanie Ott-Frühwald dazu ein, Weihnachten neu für sich zu entdecken, seine Botschaft auf sich wirken zu lassen und neuen Sinn fürs eigene Leben darin zu finden.

Der katholische Dekan Lars Rebhan hat sich für seine Weihnachtspredigt inspirieren lassen von Charles Dickens' Jugendroman „Eine Weihnachtsgeschichte“. Die Erzählung schildert die Geschichte des elenden Geizhalses Ebenezer Scrooge, dem der Sinn des Weihnachtsfestes verloren gegangen ist. Dieser Tag ist wie jeder andere für ihn – ein harter Arbeitstag. Auch an Weihnachten öffnet er weder sein Herz noch seinen Geldbeutel.

Mit Charles Dickens widmete sich der Dekan der Frage nach dem Sinn des Weihnachtsfestes. Der britische Autor, so sagte er, stellt Hartherzigkeit und Verschlossenheit gegenüber dem Weihnachtsfest in den Raum, aufgehängt an einer Figur, die durch all das, was auf dieses Fest geladen worden ist, dessen Sinn für sich nicht mehr erkennt.

Lars Rebhan erzählte in seiner Predigt, wie es weitergeht mit Ebenezer Scrooge: Am Heiligen Abend erscheint ihm der Geist seines verstorbenen Geschäftspartners Jacob Marley, behängt mit Ketten aus Geldkassetten. Er will Scrooge warnen: Wenn er so weitermacht wie bisher, werde ihn das gleiche Schicksal ereilen wie Marley. Es gibt nur noch eine Chance für Scrooge. Ihm werden drei Geister erscheinen, die ihn auf den rechten Weg zurückbringen sollen.

„Wie wird mich das Wissen um das Geheimnis von Weihnachten, nämlich die Geburt Jesu, im Alltag begleiten?“
Lars Rebhan, katholischer Dekan, Marktgraitz

Es sind die Geister der vergangenen Weihnacht, der gegenwärtigen Weihnacht und der zukünftigen Weihnacht. Dieses Schauen der Vergangenheit, der Gegenwart und der möglichen Zukunft verändern Scrooge. Er lernt Weihnachten für sich neu kennen und schätzen und bereichert dadurch sein Leben und das seiner Umgebung. Aus dem habgierigen alten Ebenezer Scrooge wird ein wohltätiger, spendabler, liebenswürdiger alter Mann.

Der Dekan interpretierte die „Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens als Plädoyer für mehr Menschlichkeit und Nächstenliebe und als Appell an alle, die Bedeutung des Weihnachtsfestes für sich neu zu entdecken: „Selbst eingefleischte Christen, denen das Weihnachtsevangelium vom Evangelisten Lukas schon vertraut ist, sind eingeladen, es Jahr für Jahr neu zu entdecken, vielleicht entdecken wir uns selber in diesem Evangelium wieder.“

Rebhan forderte dazu auf, jedes Jahr neu zu feiern, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist, und sich auf das Wunderbare an dieser Geschichte einzulassen. Und den Blick in die Zukunft nicht vergessen: „Wie wird mich das Wissen um das Geheimnis von Weihnachten, nämlich die Geburt Jesu, im Alltag begleiten? Was konnte ich für mich und für meine Umgebung neu entdecken? Kann ich daraus Kraft schöpfen, so dass Weihnachten wirklich für mich ein Weihnachtsfest ist und bleibt? Bleiben wir nicht stehen bei dem, wo wir sind, sondern lassen es zu, dass wir wie der alte Scrooge verwandelt werden, damit Weihnachten für uns einen tiefen Sinn in sich birgt, der uns im kommenden Alltag trägt und hält.“

Von der Finsternis ins Licht

Auch die evangelische Dekanin Stefanie Ott-Frühwald regte dazu an, die vertraute Geschichte vom Kind in der Krippe neu zu hören. Sie legte ihrer Predigt zum Heiligen Abend die Bibelstelle Jesaja 9,1-6, zugrunde: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“

Jesaja erzählt, so die Dekanin, vom Elend des Volkes Israel. Er berichtet von Krieg und Gewalt, wie sie auch heute noch traurige Realität sind. Gottes Verheißung gelte allen, über denen Schatten liegen. Denen, die ums Überleben kämpfen, aber auch denen, die der Druck in Schule und Arbeit klein und krumm macht, die um ihre Lieben trauern, denen die Liebe in ihrem Leben abhanden gekommen ist, die sich sorgen, wie es weitergehen soll im nächsten Jahr.

Das Lied des Jesaja, so sagte die Dekanin, richtet auf. Es leugne das Dunkel nicht, doch es schenke Hoffnung: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.“ Ott-Frühwald nannte dieses Lied den großen Abgesang für jeden, der seine Macht mit Willkür und Gewalt und Unterdrückung durchsetzen will. Es stelle alle infrage, die auf militärische Stärke, die Zahl ihrer Soldaten und die Technik ihrer Waffen setzen. Diese Verheißung sei das Gegenprogramm zu denen, die mit großen Sprüchen und unverhohlenen Drohungen die Welt an den Rand des Abgrunds bringen. Weihnachten verändere alles: „Ich darf hoffen. Ich darf glauben: Gott ist keiner, der weit oben im Himmel sitzt. Gott hält sich nicht raus aus dem Dunkel der Welt. Ganz im Gegenteil: Gott kommt zu uns. Gott wird ein Kind.“ Die Dekanin: „Gott schenkt sich dir, damit du dich verschenken kannst. Wer in dieser Nacht an die Krippe kommt, spürt es: Das Herz wird weit, wenn ich das Kind anschaue – das Licht, das von ihm ausgeht. Was ich gebe, schenkt es mir zurück. Von diesem hilflosen und bedürftigen Wesen geht all das aus, was ich ersehne.“

„Ich darf hoffen. Ich darf glauben: Gott ist keiner, der weit oben im Himmel sitzt. Gott hält sich nicht raus aus dem Dunkel der Welt.“
Stefanie Ott-Frühwald, evangelische Dekanin, Michelau

Natürlich gebe es die Finsternis weiterhin. Doch darüber scheine seit dieser Nacht in Bethlehem Gottes Licht. „Es schickt sein Strahlen mitten hinein in die Dunkelheit der Welt. In dieses Licht will ich mich hinein stellen. Wir stellen uns heute gemeinsam hinein – und tragen Licht hinaus in die dunkle Welt“, schloss Stefanie Ott-Frühwald.

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