LICHTENFELS

Sie predigt Liebe und erntet Hass

Die Tür zum evangelischen Pfarrhaus öffnet Pfarrerin Anne Salzbrenner gerne für alle Bürger. Seit sie Anfeindungen wegen... Foto: Gerhard Herrmann

Für ihr Engagement in der Flüchtlingshilfe und gegen rechtsextreme Rattenfänger ist die evangelische Pfarrerin Anne Salzbrenner bekannt. Ob mit dem monatlichen Begegnungscafé im evangelischen Gemeindehaus oder als Sprecherin des Bündnisses „Lichtenfels ist bunt“ – die Pfarrerin spricht Klartext und legt den Finger in die Wunde. Dafür wird sie immer öfter auch angefeindet und bedroht. Einschüchtern lassen will sie sich nicht, aber die Tür des evangelischen Pfarrhauses hat sie mit einer Videokamera sichern lassen.

Waren Pfarrer früher unantastbare Autoritäten, so häufen sich die Anfeindungen, wenn sie sich sozial engagieren – etwa gegen den Bamberger Erzbischof Ludwig Schick. Das musste auch die Lichtenfelser Pfarrerin und stellvertretende Dekanin erfahren. Doch statt sich wegzuducken und klein beizugeben, macht sie die Angriffe öffentlich, hat ihre traurigen Erlebnisse zusammen mit zehn anderen Pfarrern im Magazin der Süddeutschen Zeitung kundgetan und jüngst auch in einem gemeinsamen Interview mit drei anderen Pfarrern in der Wochenzeitung Die Zeit. Für das Interview war ihr auch der Weg nach Hamburg am Samstag vor dem zweiten Advent nicht zu weit, obwohl die Seelsorgerin in der Vorweihnachtszeit einen vollen Terminkalender hatte.

Drohbriefe und anonyme Anrufe

Drohbriefe und Zettel mit Beleidigungen haben Unbekannte der Pfarrerin in den Briefkasten geworfen. Sie wurde auch am Telefon beschimpft. Rund zwei Dutzend Briefe werden es wohl gewesen sein, sie hat sie nicht gezählt, sondern bald weggeworfen. „Das wollte ich nicht im Haus haben“, betont sie. Die Angriffe reichten von „Hau ab“ bis „Fick Dich“ oder „Pass auf, wenn wir Dir nachts begegnen“. Offenkundig sei der Bezug zu ihrer Arbeit in der Flüchtlingshilfe. Auf Nachfrage habe ihr die Polizei wenig Hoffnung gemacht, die Verfasser der Drohbriefe zu ermitteln: Das wäre nur anhand von Fingerabdrücken möglich.

Angst machen lasse sie sich von solchen anonymen Angriffen nicht, aber bei dem Gedanken, dass die Täter vor ihrer Tür standen, als sie die Briefe eingeworfen haben, beschleiche sie auch Sorge. Schließlich lebe sie allein und das Pfarrhaus liege an einer nachts wenig belebten Straße.

„Wenn man den Mund

aufmacht und Stellung bezieht gegen Rechtsextreme,

bekommt man auch Drohungen.“

Anne Salzbrenner, Pfarrerin

„Wenn man den Mund aufmacht und Stellung bezieht gegen Rechtsextreme, bekommt man auch Drohungen“, weiß die Pfarrerin. Von Furcht will sie sich aber nicht regieren lassen, schließlich mache Furcht auch aufmerksam für Gefahren. Sie werde weiterhin darauf hinweisen, dass die Abschiebung von abgelehnten Asylbewerbern in das vom Bürgerkrieg verwüstete Afghanistan falsch sei. Oder darauf, dass die Zustände in den türkischen Flüchtlingslagern ein „Schandfleck seien, den wir verantworten müssen“. Dass sie mit ihrer Kritik an dieser Politik nicht allein stehe, zeigten ihr nicht nur der Zuspruch beim monatlichen Begegnungscafé, sondern auch bei Angeboten wie den Friedensgebeten. Und inzwischen fragten sogar Geschäftsführer von Unternehmen aus dem Landkreis bei ihr an, was sie unternehmen könnten, um Flüchtlinge, die sie beschäftigen, vor der drohenden Abschiebung zu bewahren.

Dankbar ist Anne Salzbrenner dafür, dass die Politiker im Landkreis – quer durch alle Parteien – von der Bundestagsabgeordneten Emmi Zeulner und Landrat Christian Meißner bis hin zu den Bürgermeistern – ihr Rückhalt geben. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn ein Politiker rechtspopulistische Ansichten vertreten würde: „Solche Aussagen sind für mich geistige Brandstiftung“.

Ebenso gefährlich wie die Forderungen nach einer Abschottung („Das Boot ist voll“) sei die Verharmlosung von Problemen bei der Integration von Flüchtlingen. „Wenn so viele Menschen zu uns kommen, dann sind da auch Haderlumpen und Verbrecher dabei“, räumt die Pfarrerin ein. Da sei der Rechtsstaat gefragt. Schwer vermittelbar sei es jedoch, wenn Behörden und Polizei nicht in der Lage seien, bekannte „Gefährder“ so zu kontrollieren, dass sie keine Straftaten begehen. Darüber dürfe allerdings nicht vergessen werden, dass die Mehrheit der Flüchtlinge nichts weiter als Schutz vor Verfolgung suche, den ihnen das Grundgesetz garantiert.

Seit der Jugend engagiert sich Anne Salzbrenner gegen rechte Hetzer. Sensibilisiert wurde sie durch die Familiengeschichte. Der Großvater bezog als Pfarrer in Schney und Mitglied der bekennenden Kirche klar Position gegen die Nazi-Diktatur, und der Vater litt unter schrecklichen Erlebnissen als Kriegsteilnehmer. So engagierte sich Anne Salzbrenner bereits während des Theologiestudiums in antifaschistischen Arbeitsgruppen und im Juso-Bezirksvorstand in der Arbeit gegen Rechts. Ein Schock war das Erlebnis, dass ein Studienfreund bei einer Demonstration gegen die NPD von Rechtsradikalen zusammengeschlagen wurde – nur weil er auf der falschen Straßenseite ging. Wichtig ist der Pfarrerin auch, dass die Umtriebe der Rechtsradikalen nicht totgeschwiegen werden, wie in den 1970er Jahren ein Maschinengewehr-Anschlag auf die Münchner Synagoge, die noch nicht einmal mit einer Zeitungsnotiz erwähnt worden sei.

Mut machen, statt einfacher Parolen

Gerade weil die Rechtsextremen auf die zunehmende Veränderung der Welt und die daraus resultierenden Probleme mit einfachen Parolen reagierten, sei es umso wichtiger, den Menschen zu erklären, dass es keine einfachen Wahrheiten gebe, betont die 52-Jährige. Das macht sie nicht nur in Predigten und Ansprachen, sondern auch bei Seminaren vor Schülern oder bei Gesprächen zu Geburtstagsbesuchen oder anderen Anlässen. Schließlich seien Hoffnung und Mut die wesentlichen Glaubensbotschaften. Dies vermittelten die kirchlichen Hochfeste, wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten, die „Feste der Veränderung“ seien und den Menschen Hoffnung auf die Zukunft machen sollten. Heißt es doch in der Weihnachtsgeschichte des Lukas-Evangeliums „Fürchtet euch nicht“.

Anne Salzbrenner

Seit 21 Jahren ist Anne Salzbrenner Pfarrerin in der evangelischen Kirchengemeinde Lichtenfels. Sie kam am 1. Juli 1995 als „Pfarrerin zur Anstellung“ auf die zweite Pfarrstelle nach Lichtenfels. Im September 1995 wurde sie ordiniert, im Februar 1999 als „ordentliche Pfarrerin“ verbeamtet. Seit 1. Februar 2000 ist sie erste Pfarrerin an der Martin-Luther Kirche.

Mit der Berufung nach Lichtenfels hat sich für die 52-Jährige auch ein familiärer Bogen geschlossen, war doch ihr Großvater Georg Seiß einst Pfarrer in Schney und die Eltern leben im Itzgrund.

Neben der Seelsorge engagiert sie sich als Sprecherin des Aktionsbündnisses „Lichtenfels ist bunt“ gegen Rechtsextremismus sowie mit dem monatlichen Begegnungscafé und Friedensgebeten für Integration und Toleranz.

Das Interview mit Anne Salzbrenner und drei weiteren Pfarrern, die wegen ihres Engagements bedroht wurden, ist in der Wochenzeitung „Die Zeit“ vom 22. Dezember nachzulesen.

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