LICHTENFELS/REDWITZ

Was ist ein begründeter Sachbezug?

Der Pressekodex enthält 16 Ziffern, die Maßstäbe hinsichtlich der Berichterstattung und des journalistischen Verhaltens ... Foto: Markus Drossel

Unser Beitrag „Firmenchef überfallen und ausgeraubt“ auf der Seite 1 am Donnerstag hat bei Lesern dieser Zeitung, aber auch bei Nutzern unseres Online-Portals obermain.de sowie in den sozialen Netzwerken zu kontroversen Diskussionen geführt. Zwei junge Männer hatten in Redwitz einen 67-Jährigen überfallen, gefesselt, dessen Safe geknackt und mehrere tausend Euro gestohlen. Die Tatverdächtigen konnte festgenommen werden. Sie haben die Tat bereits zugegeben. Gegen sie wurde Haftbefehl erlassen. Tags drauf schaltete sich der Staatsanwalt in Bamberg ein, da der Anfangsverdacht einer Terrorismus-Finanzierung besteht. Das Geld sollte Rebellen gegen Staatschef Assad in Syrien zur Verfügung gestellt werden. Soweit der Sachverhalt.

Einige Leser, wie Helmut Hoffmann und Jan Riedel, haben der Redaktion daraufhin vorgeworfen, wir hätten nicht, wie andere Medien, „Ross und Reiter genannt“. „Aha, die Täter sind aus Syrien – und wohnen lediglich in Redwitz und Lichtenfels. Sie wollten eventuell Geld für die Rebellen nach Syrien schicken? Für wie dumm halten Sie eigentlich Ihre Leser ?“ Jan Riedel schreibt uns: „Zu den Tätern berichten Sie, dass die Täter aus Redwitz und Lichtenfels kommen. Ich halte nichts vom Begriff 'Lügenpresse'. Absolut nichts. Aber Sie müssen bedenken, dass solche verschwiegenen Details viel Wasser auf die Mühlen der Personen und Gruppierungen sind, die solche Worte für sich ausnutzen.“

„Ethisch korrekt im Sinne unserer Leitlinien ist es, gemäß Pressekodex zu verfahren, die Minderheiten vor Vorurteilen schützen soll.“
Michael Reinhard, Chefredakteur Main-Post

Warum hat diese Redaktion im Bericht über den Überfall am Donnerstag auf Seite 1 darauf verzichtet, die Nationalität der Männer zu nennen? Weil wir zu jenem Zeitpunkt davon überzeugt waren, dass deren Herkunft nichts Wesentliches zur Sache tut.

Zugegeben: Die Verunsicherung ist in der jüngsten Zeit in Redaktionen, auch in unserer, noch ein Stück gewachsen. Denn die Medien stecken in einem Dilemma, wenn es darum geht, ob sie die Nationalität oder Religionszugehörigkeit eines mutmaßlichen Straftäters nennen sollen oder nicht. Tun wir es aus guten Gründen nicht, wirft man uns vor, wichtige Sachverhalte zu verschweigen und dadurch einmal mehr den Verdacht der „Lügenpresse“ zu nähren.

Nennen wir andererseits Nationalität oder Religionszugehörigkeit ohne überzeugende Begründung, widerspricht dies nicht nur unserem ethischen Selbstverständnis. Wir liefern damit zugleich jenen Lesern Wasser auf die Mühlen, die darin eine Diskriminierung sehen und sich an den Deutschen Presserat wenden. Dieser ist eine freiwillige, unabhängige Einrichtung der deutschen Presse. Zu deren Aufgaben gehört es, Missstände im Pressewesen festzustellen und auf deren Beseitigung hinzuwirken sowie Beschwerden über einzelne Zeitungen, Zeitschriften oder Pressedienste zu prüfen und in begründeten Fällen Missbilligungen und Rügen auszusprechen.

Der vom Presserat erarbeitete Pressekodex sowie unsere Journalistischen Leitlinien sind Fundament für unsere tägliche Arbeit. Jeder kann sie im Internet nachlesen. Wir bemühen uns, sämtliche Tatsachen zu berücksichtigen, die für das Verständnis eines Sachverhaltes relevant sind. Ganz wichtig: Wir verbreiten nur Informationen aus zuverlässigen Quellen und nennen diese auch. Gleichzeitig lehnen wir jede Form von Manipulation oder Verzerrung der Wirklichkeit ab. Unsere Informationen beschaffen wir auf rechtlich zulässige und ethisch korrekte Art und Weise. Ethisch korrekt im Sinne unserer Leitlinien ist es, gemäß Richtlinie 12.1 Pressekodex zu verfahren, die Minderheiten vor Vorurteilen schützen soll. Dort heißt es, dass ein „begründeter Sachbezug“ zur Straftat bestehen muss, wenn wir in unserer Berichterstattung erwähnen, dass der Täter oder Verdächtige einer religiösen, ethnischen oder anderen Minderheit angehört.

„Begründeter Sachbezug“ muss sein

Die Richtlinie 12.1. ist weder Gesetz noch Gängelung und schon gar kein Maulkorb. Der Kodex gibt lediglich Handlungsorientierungen. Diese lassen den Redaktionen ausreichend Spielraum, um in jedem einzelnen Fall zu einem eigenen Urteil und zu einer eigenen Entscheidung zu kommen.

Im Fall Redwitz war der Raubüberfall an sich zunächst eine Tat, die leider häufig verübt wird. Die Nationalität der beiden Täter spielte zu diesem Zeitpunkt für uns keine Rolle. Im Lichte der neuen Erkenntnisse durch die Staatsanwaltschaft Bamberg änderte sich dies: Nun war der Bezug zwischen den syrischen Asylbewerbern und deren Raubüberfall hergestellt. Die Nennung der Nationalität war ab dann auch gerechtfertigt.

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