EBENSFELD

Mit 15 Euro Leben retten

Mit „Weltwärts“ in ein Entwicklungsland: Physiotherapeutin Corinna Haßler arbeitete ein Jahr in einem Projekt für Mensch...

Was kostet eine Malaria-Behandlung in Tansania? Corinna Haßler zählt auf: die Registrierung im Krankenhaus – etwa vier Euro, das Arztgespräch – etwa drei Euro, Medikation für einen einfachen Malaria-Fall – neun Euro. 16 Euro: für deutsche Verhältnisse ein Klacks. Bei schweren Fällen aber können die Kosten auf bis zu 100 Euro steigen.

Das wäre immer noch machbar für die meisten Deutschen, müssten sie sie denn selbst zahlen. Das ist aber nicht der Fall. In Deutschland springt die Krankenkasse ein. In Tansania aber gibt es kein ausreichendes öffentliches Gesundheitssystem. Betroffene Familien müssen die Behandlung selbst finanzieren, was sie oft nicht können. Das bedeutet, dass Erkrankte zu spät oder gar nicht behandelt werden. Körperliche und geistige Behinderungen können die Folge sein.

Corinna Haßler hat das erlebt. Die 26-jährige Physiotherapeutin aus Ebensfeld war 2013/14 für ein Jahr in Rulenge. Für „Weltwärts“, den Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, arbeitete sie dort in einem Projekt für Menschen mit Behinderung. Sie hat erlebt, was Hunger, Krankheit, Tod bedeuten. Wie sterbenskranke Menschen wieder nach Hause geschickt werden, weil sie die Behandlung nicht bezahlen können. Wie es ist, Patienten nicht helfen zu können. „Man baut Beziehungen auf“, sagt sie. „Es ist schlimm, wenn ein zehn Monate altes Baby stirbt.“

Zurück in Deutschland, tauscht sie sich mit Kathrin Blank aus. Die Sozialpädagogin aus Bad Windsheim war das Jahr zuvor in Rulenge; die beiden hatten sich vor Corinnas Abreise ein paar Mal getroffen und den Kontakt auch während ihrer Zeit in Tansania gehalten. Sie sprechen über ihre Erlebnisse: Wie ein Freund an einer Lungenentzündung stirbt, wie der Sohn einer befreundeten Familie zum Sterben heimgeschickt wird. Ihm können sie die Behandlung finanzieren – heute studiert er. Das zeigt: „Man kann mit für uns vergleichbar wenig so viel erreichen.“ Deshalb hat Corinna Haßler zusammen mit Kathrin Blank und vier weiteren „Weltwärts“-Freiwilligen aus der Erzdiözese Bamberg im Mai den Verein „Kivuko“ gegründet, der mittlerweile auch als gemeinnützig anerkannt ist. „Kivuko“ ist Kiswahili und heißt Brücke. Eine Brücke zu den bedürftigen Menschen in Tansania wollen die Vereinsmitglieder sein: Über einen Gesundheitsfonds wollen sie notwendige medizinische Behandlungen finanzieren. Im September haben sie diesen eingerichtet. Bis Ende November wurden mit seiner Hilfe schon sieben Kinder behandelt, die an Malaria und Blutarmut litten, an Unterernährung und Sichelzellanämie, oder die mit HIV infiziert sind.

„Man kann mit für uns vergleichbar wenig so viel erreichen.“
Corinna Haßler, 1. Vorsitzende von Kivuko

Medikamente helfen, aber auch Aufklärung: Mangelernährung ist oft die Folge von zu einseitiger Kost, erklärt Corinna Haßler. Sie macht die Menschen anfälliger. Wurmerkrankungen, Malaria und Blutarmut können dann wiederum die Folge sein.

Der Gesundheitsfonds speist sich aus dem Mitgliedsbeitrag von 15 Euro pro Jahr. Wer mehr zahlen will, kann dies natürlich auch – wer Fördermitglied wird, kann selbst festlegen, wie hoch seine regelmäßige Zuwendung an den Verein ausfallen soll. Dazu kommen Spenden. Der Ebensfelder Musikverein etwa veranstaltete seine „Fränkische Weihnacht“ mit den „Kemmärä Kuckuck“ heuer zugunsten von Kivuko.

Corinna Haßler versichert, dass das Geld zu 100 Prozent den Menschen vor Ort zugute kommt. Bis Januar 2016 wurde ein monatliches Budget von 75 Euro festgelegt, das drei Kontaktpersonen vor Ort für Kivuko verwalten: Dr. Martine Mwampamba und die beiden Schwestern Laurentia Kanyange und Evodia Desderius. „Es kann keiner mit dem Geld durchbrennen“, betont die Ebensfelderin. Sie kennt die drei aus ihrer Zeit in Rulenge und ist ständig in Kontakt mit ihnen. Der Arzt und die beiden Schwestern entscheiden nach den Arbeitsrichtlinien von Kivuko, für wessen Behandlung sie das Geld ausgeben. „Martine kennt seine Leute und weiß, wer es sich leisten kann und wer nicht.“

Der Schwerpunkt liege auf Senioren und auf Kindern unter fünf Jahren – den Bevölkerungsgruppen, die in der Gesellschaft meist vergessen werden, wie Corinna Haßler erlebt hat. Rulenge liegt zwei Tagesreisen von den Urlaubsregionen des vor allem bei Rucksacktouristen beliebten Tansania entfernt. „In denen gibt's 24 Stunden am Tag Strom, fließend Wasser und gescheite Straßen“, erzählt die Physiotherapeutin. In Deutschland ist das selbstverständlich, in ihrem Einsatzgebiet nicht. Für die junge Frau aber war es trotzdem schwieriger, sich nach ihrer Rückkehr wieder an hiesige Verhältnisse zu gewöhnen. „Weil man dann ein schlechtes Gewissen hat“, erklärt sie. „Es ist einem viel mehr bewusst, wie gut es einem hier geht.“ Kathrin Blank und sie halten ja den Kontakt zu den Menschen in Rulenge. „Das macht uns immer wieder bewusst, was wirkliche Probleme sind.“

Corinna Haßler war die einzige Physiotherapeutin im ganzen Distrikt, der aus 76 Dörfern besteht. Sie hat Halbseitenlähmungen behandelt, Probleme am Zentralen Nervensystem, Lymphanstauungen infolge von Wurmerkrankungen. „Oft ist schon bei Schwangerschaft und Geburt einiges schief gelaufen.“

„Wir waren 16 Tage unten. In der Zeit sind im Waisenhaus fünf Kinder gestorben.“
Luitgard Haßler über ihren Besuch in Tansania

Das Community Based Rehabilitation Program (CBR), für das sie arbeitete, ist das einzige Projekt in der ganzen Diözese, das sich um Menschen mit Behinderung kümmert. Corinna Haßlers Entsendeorganisation, der Bund der deutschen katholischen Jugend (BDKJ), verlangt von Freiwilligen, die dort tätig sein wollen, eine abgeschlossene Ausbildung. Als Sozialpädagogin, Ergotherapeut, Arzthelferin oder eben als Physiotherapeutin. Einfach ist das nicht. „Nach drei Jahren Ausbildung geht doch nicht jeder für ein Jahr fort und riskiert seine Stelle“, verdeutlicht Luitgard Haßler, Corinnas Mutter. Ihre Tochter hatte Glück: Ihr Arbeitgeber hat sie freigestellt und nach ihrer Rückkehr wieder eingestellt.

So konnte sie ihren Traum verwirklichen: einmal in einem Entwicklungsland arbeiten. Ihre Eltern haben sie dabei immer unterstützt, sie auch vor Ort besucht und selbst drastische Eindrücke mit nach Hause gebracht: „Wir waren 16 Tage unten. In der Zeit sind im Waisenhaus fünf Kinder gestorben.“ Luitgard Haßler engagiert sich jetzt im neu gegründeten Verein als Kassenprüferin. Für sie ganz klar: „Wer das gesehen hat, der unterstützt das.“

Informationen über Kivuko e. V. gibt's auf der Homepage des Vereins, „www.kivuko.de“, und auf Facebook unter „www.facebook.com/Kivuko-eV“. Spendenkonto: Kivuko e.V., Iban De 09 7835 0000 0040 6418 39, Kontonummer 4064 1839, Sparkasse Coburg – Lichtenfels.

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