LICHTENFELS

Mit Mondschaukel und Designerbank

Kreative Ideen und modernes Design: Einfallsreich zeigte sich die Abschlussklasse der Fachschule für Flechtwerkgestaltun...

Knapp ein Jahr ist Janosch gerade einmal alt, doch er kommt schon ganz groß raus. Er inspirierte seine Mama zur „Mondschaukel“: Julia Gründel schuf die mitwachsende Wiege für Kinder von null bis sechs Jahren als Gesellenstück zum Abschluss ihrer Ausbildung an der Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung. Brillante Ideen hatten auch ihre sechs Mitschüler, und Fachlehrer Günter Mix zeigt sich sehr angetan von den „ganz speziellen Stücken“ von der Muschel über die Handtasche bis zur Designerbank, die sie daraus entwickelten.

Zu sehen sind diese sowie weitere ausgewählte Stücke, die während der dreijährigen Lehrzeit entstanden sind, von Freitag bis Montag, 11. bis 14. Juli, im Rahmen einer Ausstellung in der „Klangwerkstatt“ in der Oberen Königstraße in Bamberg. Die Vernissage ist am heutigen Freitag um 19 Uhr.

„Vielseitig und interessant“

Aus Franzosenweide – „weil sie sich so schön anfühlt“ – hat Julia Gründel ihr Kinderbett geflochten. Es hat die Form eines Halbmondes und kann wahlweise aufgehängt oder auf Kufen gestellt werden. Die kreative Arbeit ist es, die die junge Mutter aus Rheinland-Pfalz besonders an ihrem Beruf mag. Die Ausbildung beschreibt sie als „sehr vielseitig und interessant“. In der Zukunft möchte sie sich selbstständig machen und Design studieren.

Abitur und ein Design-Studium strebt Patrick Bayer nach der Fachschule an. Zum Flechten kam er durch Zufall, da er eine kreative Ausbildung absolvieren wollte. Auf schickes und klares Design legte er bei seinem Gesellenstück besonderen Wert, die „Bank 2.0“, deren Entstehung er in einem Katalog dokumentiert. Als Material wählte der Bamberger Rattan, mit dem er wegen seiner Vielseitigkeit besonders gerne arbeitet und dem er eine moderne Erscheinung verleihen wollte. Das gelang ihm durch die klare Form, der die spitz zulaufende geflochtene Sitzfläche und die Rundbögen als Füße eine besondere Dynamik verleihen.

Aus Rheinland-Pfalz zog es Nelli Heinrich an den Obermain. Die Flechtwaren, die sie immer auf der Kirmes in ihrem Heimatort sah, inspirierten sie dazu, das Flechten an der Fachschule zu lernen. Als Abschlussstücke kreierte sie drei Muscheln – eine Trapezbandschnecke, eine Einhornmuschel und eine große Herzmuschel. So verschieden wie die Muscheln selbst, sind auch die Techniken, die die Abschlussschülerin wählte. Als Material nahm sie farbiges Peddigrohr in Kombination mit blauer Kunststoffschnur. Sie will das Flechten künftig jedoch eher privat machen und eine weitere Ausbildung als Erzieherin absolvieren.

Yin-und-Yang-Schalen

Im Rahmen ihrer Arbeit als Ergotherapeutin kam Kristina Rauch mit dem Flechten in Kontakt, und da sie gerne noch etwas Handwerkliches machen wollte, entschied sie sich für eine zusätzliche Ausbildung als Flechterin. Für die Gesellenprüfung entwickelte sie zwei elegant geschwungene Yin-und-Yang-Schalen aus geschälter und ungeschälter Franzosenweide mit Böden aus Holz. Die Burgkunstadterin wird ab September ihren alten und neuen Beruf miteinander verbinden und in einer Werkstätte für behinderte Menschen in Freiburg tätig sein.

Deborah Roth war bereits Heilerziehungspflegerin, bevor sie ihre Ausbildung in Lichtenfels begann, und möchte künftig sowohl in diesem Beruf als auch als Flechterin arbeiten. Sie hat ein Faible für Handtaschen und liebt die Ajourtechnik. So lag es nahe, dass sie bei ihren Abschlussstücken ihre Faszination mit dem Nützlichen verband: Sie flocht zwei Handtaschenkörbe. Den einen hat die Baden-Württembergerin aus gesottener Weide hergestellt und mit aus orangefarbener Kunststoffschnur geflochtenen Trägern versehen, den anderen aus weißer geschälter Weide mit runden Griffen aus Leder.

Sohlen aus Fahrradschläuchen

Eine Frau kann nie genug Schuhe haben. Das war wohl auch einer der Gründe, weswegen die Bambergerin Alina Gerische als Gesellenstücke gleich eine Kollektion aus drei Paar Beresta-Clogs schuf. Angeregt durch den Cradle-to-Cradle-Workshop wollte sie gleichzeitig umweltfreundliche Fußmode, möglichst aus veganen Materialien, konzipieren. So entschied sie sich für Birkenrinde (russisch: Beresta) und Holz und gestaltete die Schuhe in verschiedenen Flechttechniken.

Ganz speziell sind auch die Sohlen, für die sie Gummi aus alten Fahrradschläuchen verwendete und als Markenzeichen eine Blume anbrachte. Die junge Frau, die durch einen „glücklichen“ Zufall zum Flechten kam, will in den nächsten Monaten auf Weltreise gehen, um noch andere Flechtkulturen und Techniken in verschiedensten Ländern zu erkunden und sich später irgendwann mit ihrem gewonnen Wissen und Können selbstständig machen.

„Wir wollen das

Flecht-Handwerk weiter

nach außen bringen und

bekannter machen.“

Patrick Bayer, Abschlussschüler

Noch mehr Erfahrungen sammeln – das will auch Nepomuk Neyer, der nach seiner Ausbildung an der Fachschule nun auf die Walz gehen und noch mehr übers Flechten lernen will. Der Österreicher fand über ein Praktikum in Hamburg den Weg nach Lichtenfels an die Fachschule. Faszinierend findet er am Flechten, dass sich dieses uralte Handwerk mit modernen Möglichkeiten immer wieder neu erfinden lässt. Das bringt er auch mit seinen Gesellenstücken zum Ausdruck: hohen Sitzbänken aus Edelstahl, deren Sitzfläche aus Handeichenspänen besteht, die wiederum nach unten hin herzförmig in Schiffsbugform zusammen gebunden sind.

Dass die Abschlussschüler ihre Stücke nicht in Lichtenfels, sondern in Bamberg ausstellen, hat einen besonderen Grund: „Wir wollen das Flecht-Handwerk weiter nach außen bringen und bekannter machen“, so Patrick Bayer. Ihnen ist aufgefallen, dass in vielen nahegelegenen Städten vielen Bürgern gar nicht bewusst ist, dass Lichtenfels die Deutsche Korbstadt ist und dass man hier ein uraltes Handwerk neu erlernen kann. Dem wollen sie mit einer „modernen Darstellung von Geflecht“ entgegenwirken und ein wenig die Werbetrommel rühren.

Öffnungszeiten der Ausstellung in der Klangwerkstatt, Obere Königsstraße 15, 96052 Bamberg: Samstag, 12. Juli, 10 bis 22 Uhr, Sonntag und Montag, 13. und 14. Juli, jeweils von 10 bis 18 Uhr.

Die Mondschaukel: Julia Gründel hat als Gesellenstück ein „mitwachsendes“ Kinderbett entwickelt. Foto: Heidi Bauer
Schuhkollektion: Eine Frau kann nie genug davon haben, dachte sich auch Alina Gerische und kreierte als Abschlussarbeit ... Foto: Heidi Bauer

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