GRUNDFELD/LICHTENFELS

Anton Reinhardt fordert: Nachhaltigkeit statt Flächenfraß

Mit einer 100 Quadratmeter großen, gebrauchten Siloplane setzte der Bund Naturschutz den stündlichen Flächenverbrauch im Landkreis in Szene. BN-Kreisvorsitzender Anton Reinhardt (li.) mahnte mit seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern zu einem achtsamen und sparsamen Umgang mit ... Foto: RED

Als Umweltschützer, das hat Anton Reinhardt gelernt, muss man Niederlagen einstecken können. Eine davon schneist sich nahe an Grundfeld, dem Wohnort des Bund Naturschutz-Kreisvorsitzenden, durch das Main-Tal: die A73. Die andere ist gerade im Bau: eine vierspurige Umgehung von Hochstadt. Aber die Liste ist viel länger: Ein gewaltiger Einschleifpunkt bei Michelau im Rahmen des B 173 neu-Ausbaus steht darauf. 156 Meter lang soll dort ein Brückenbauwerk sein, 400 Meter ein weiteres zwischen Hochstadt und Horb.

Gerade die Inbetriebnahme der Autobahn A 73 mitten im Maintal zwischen dem sogenannten „Dreigestirn“ Vierzehnheiligen-Kloster-Banz-Staffelberg, nahe Grundfeld, schmerzt den Bund-Naturschutz-Kreisvorsitzenden bis heute. Die landschafts-, flächen- und kostensparende Alternative, den maßvollen Ausbau der bereits vorhandenen Bundesstraße B 4 auf 2+1 Fahrspuren mit wechselnder Überholmöglichkeit, habe man verworfen, klagt er.

Eine „fatale“ Ähnlichkeit zeige sich bei der gerade im Bau befindlichen B 173 neu: Eine vierspurige autobahnähnlichen Umgehung von Trieb und Hochstadt. Die Acker, Wiesenflächen und Kosten sparende „Variante Mitte in 2+1-Ausführung“, auf die sich alle betroffenen Bürgermeister, der damalige Landrat Reinhard Leutner, das Staatliche Bauamt und der Bund Naturschutz im Jahre 1999 geeinigt hatten, sei von Dr. Werner Schnappauf, damals Staatsminister für Umwelt, strikt abgelehnt worden.

Für Naturfreunde schmerzlich sichtbar

Das Foto zeigt die Ausmaße der im Bau befindlichen B 173neu-Anschlussstelle Michelau. Foto: Strassenbauamt Bamberg

BN-Kreisvorsitzender Reinhardt mahnt: „Die Folgen einer autobahnähnlichen, vierspurigen Trasse und der Umgang mit der nicht vermehrbaren Ressource Boden unserer gemeinsamen Mutter Erde werden mittlerweile für jeden Naturfreund schmerzlich sichtbar: Im Rahmen des vierspurigen B 173-Neubaus sind gewaltige Einschleifungsbauwerke bei der Ausfahrt Michelau notwendig.“

Gestalten mit Beton, Anton Reinhardt bringt das zum Verzweifeln. „Beton, Stahl und Asphalt, dass sind alles mit hohem Energieaufwand hergestellte Baustoffe“, erinnert er. Der „Gottesgarten am Obermain“ entwickle sich immer weiter zum Paradies für Straßenbauer. „Bei der Straßenfläche liegt unser Landkreis bereits um 18 Prozent über dem Landesdurchschnitt. Und da sind viele Projekte noch gar nicht eingerechnet“, sagt der 73-Jährige.

„Der ungezügelte Flächenfraß findet nicht nur in den Urwäldern am Amazonas statt, sondern schleichend – von den meisten Bürgern unbemerkt – auch vor unserer eigenen Haustüre“, erklärt er. Bei einer Aktion hatte er zusammen mit heimischen BN-Mitgliedern sowie Naturfreunden im Februar 2020 eine 100 Quadratmeter große Plastikplane auf dem Lichtenfelser Marktplatz ausgebreitet: Die Fläche, die stündlich im Landkreis Lichtenfels versiegelt werde.

„Bei der Straßenfläche liegt unser Landkreis bereits um 18 Prozent über dem Landesdurchschnitt. Und da sind viele Projekte noch gar nicht eingerechnet.“
Anton Reinhardt, BN-Kreisvorsitzender

Zwölf Hektar Fläche sind es täglich im Freistaat Bayern – das entspricht etwa 17 Fußballplätzen. „Insgesamt steht Bayern beim Flächenverbrauch an der Spitze im Bundesgebiet. Und in Bayern ist der Landkreis Lichtenfels ganz vorne dabei.“ Dabei geht es Reinhardt nicht darum, Umgehungen zu verteufeln. „Aber der Ausbau von Straßen zieht eben auch neuen Verkehr an. Das muss den Menschen in den Dörfern klar sein. Der Ziel- und Quellverkehr, also die Zahl der Ein- und Ausfahrten zum Beispiel von einheimischen Pendlern und Lieferanten, wird nicht abnehmen“, erklärt Reinhardt.

Roten Teppich für Verkehrszunahme ausgelegt

Modschiedel ist für ihn da ein Beispiel. „Die Umgehung ist völlig überflüssig und zieht weiteren Verkehr an, der dann westlich nahe am Ort vorbeirauscht“, meint er. Insgesamt sieht er die Umfahrung des Kleinziegenfelder Tals als einen Fehler. „Da wird ein roter Teppich ausgelegt für einen Verkehr, der von der A 70 ins Maintal führt. Und den es davor kaum gegeben hat.“

Gleiches gelte für die Anbindung des Kellbachgrunds an die A 73. Unterhalb des Bezirksklinikums soll eine Straße vorbeiführen. Ein weiteres Puzzlestück, das Scheßlitz, sprich die A 70, mit der A 73 auf ausgebauten Landstraßen besser verbindet.

„Auch das wird mehr Verkehr bedeuten. Aber bedeutet das wirklich ein mehr an Wohn- und Lebensqualität für die Menschen längs der Strecke?“

Beim Bundestraßenausbau auf Maximallösungen zu setzen, das sei die Politik der alten Bundesregierung gewesen. „Wir brauchen eine andere, intelligentere Verkehrspolitik. Der Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs auch bei uns auf dem Land, das ist wichtig. Der Anschluss an den VGN war ein riesiger Schritt. Es ist im Landkreis einiges positiv in Bewegung geraten“, erklärt Reinhardt. Aber leere ÖPNV-Busse durch den Landkreis rollen zu lassen, das sei ineffizient. Kleinere Rufbusse oder -taxis, leicht durch eine App oder telefonisch buchbar, das gebe es bereits ansatzweise. Es werde aber noch viel zu wenig von den Bürgern praktiziert.

„Wenn jeder Einzelne auch für kurze Strecken weiter wie bisher nur das eigene Auto benutzt, anstatt den ÖPNV, das Fahrrad oder zumindest eine Fahrgemeinschaft zu nutzen, kommen wir nur sehr langsam zu nachhaltigen Lösungen“, bedauert der 73-Jährige.

Seit den 1980-er Jahren ist Reinhardt beim Bund Naturschutz aktiv. Flächenverbrauch, das war damals schon ein Thema. „Das aber über die Jahrzehnte immer erdrückender wurde“, sagt der Umweltschützer. Er erinnert an diesem Zusammenhang an die wachsende Zahl von Einkaufsmärkten auf grüner Wiese. „Oder die vielen neuen Gewerbe- und Wohngebiete, die am Ortsrand entstanden sind, während gleichzeitig innerorts Leerstände bestehen“, führt er weiter aus: „Im Landkreis Lichtenfels stehen laut Industrie- und Handelskammertag 75 Hektar Gewerbegebiete leer, in ganz Oberfranken sind es über 1000 Hektar.“

„Wir müssen umlenken. Denn unser Boden ist ein wichtiges Gut. Für die Erzeugung unserer Lebensmittel, für den Lebensraum Natur. Wir brauchen viel Grün, gerade in Zeiten eines voranschreitenden Klimawandels“, erklärt der Umweltschützer. Kommt es zu Überlegungen für den Neubau eines Einfamilienhauses, sollten die Bauherren vorausschauend planen.

Vorrausschauend das Eigenheim bauen

„Irgendwann sind die Kinder aus dem Haus. Dann ist die Wohnfläche überdimensioniert. Warum nicht gleich so planen, dass dann eine Einliegerwohnung geschaffen werden kann?“, so Reinhardt. Das schafft neuen Wohnraum, bringt Geld durch Mieteinnahmen und ältere Menschen müssten weniger Wohnraum in Schuss halten. „Letztlich müssen wir beim Flächenverbrauch eine Politik bevorzugen, die die Interessen unserer Enkel vertritt“, sagt Reinhardt.

 

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