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Anmeldung im Impfzentrum: Lehrstück digitaler Bürokratie

Unser Archiv-Bild zeigt Sabine Jaye (Mi.) mit Mutter Inge und Vater Kurt Scheller. Gemeinsam formen sie die Gebärden für Petition und Inklusion. Foto: Till Mayer

Sabine Jaye wollte jüngst ihre ebenfalls gehörlosen Eltern beim Bayerischen Impfzentrum anmelden. Was folgte, war ein Lehrstück der digitalen Bürokratie. Für so manch betagte Mitmenschen ohne fremde Hilfe nicht zu bewerkstelligen. Alles ist reichlich kompliziert, aber für eine Behinderung fehlt dann doch ein Vermerk auf der Page.

„Natürlich will ich, dass meinen betagten Eltern so schnell wie möglich gegen Covid19 geimpft werden. Beide sind über 80 Jahre alt. Also stand die Anmeldung im bayerischen Impfzentrum an. Hierzu musste ich die Homepage des Impfzentrums aufrufen, und dann ging es in das Registrierungssystem. Für die Registrierung gab ich zuerst die E-Mailadresse an, die meine Eltern gemeinsam benutzen. Ein Fehler, wie sich später herausstellte. Dann vergab ich ein Passwort, achtstellig, laut Vorgaben mit Sonderzeichen, Groß-/Kleinbuchstaben sowie Zahlen.

In 30 Minuten muss alles klappen

Anschließend musste ich ins E-Mail-Programm meiner Eltern gehen und die Registrierung innerhalb 30 Minuten bestätigen. Sonst war alles für die Katz. Nun musste ich mich mit den Zugangsdaten (E-Mail-Adresse und Passwort) noch mal auf der Webseite des bayerischen Impfzentrums/Impfregistrierung einloggen und Name, Adresse, Geschlecht, Geburtsdatum, Handynummer (+49.....) eingeben, Erkrankungen, berufliche Tätigkeiten ankreuzen. Dann absenden.

Die Eingabe der Handynummer in der Form von ,+49...' ist Pflicht! Es wird davon ausgegangen, dass alle Senioren so etwas besitzen! Das finde ich nicht in Ordnung.

Leider konnte mit der gemeinsam genutzten E-Mail-Adresse der Eltern nur meinen Vater, aber nicht meine Mutter anmelden, da jede Person für die Anmeldung eine eigene Email-Adresse benötigt. Ich hätte extra einen neuen Email-Account für die Mutter einrichten müssen, damit sie angemeldet werden kann.

So aber werde ich auf gut Glück meine Mutter einfach zum Termin meines Vaters mitnehmen und hoffen, dass das zuständige Impfzentrum in Lichtenfels kulant ist und meine Mutter mit impft.

„„Muss man es so kompliziert für die Senioren gestalten?“
Sabine Jaye, sorgende Tochter

Ich frage mich ernsthaft, was die Verantwortlichen in München sich dabei gedacht haben. Muss man es so kompliziert für die Senioren gestalten? Muss wirklich jede Person für die Anmeldung einen eigenen Mail-Account besitzen?

Ich habe dafür über eine Stunde gebraucht, weil ich zudem mehrmals aus dem Programm geworfen wurde. Überlastet?!

Zudem konnte ich nirgends bei der Anmeldung beziehungsweise Registrierung die Gehörlosigkeit meiner Eltern angeben, damit im Vorfeld genug Zeit für die Organisierung eines Dolmetschers für Gebärdensprache für die ärztliche Impfberatung bleibt. Das System dieser Registrierung bedeutet, dass betagte Ehepaare oder Lebenspartnerschaften keinen Termin erhalten, bei der sie gemeinsam zur gleichen Zeit geimpft werden können.

Laut Homepage des Impfzentrums Bayern sollte auf Nachfragen verzichtet werden, da dies die Kapazitäten der Impfzentren belastet und zu Verzögerungen im Ablauf der Terminvereinbarungen führt. Das heißt, man kann nicht mal im Nachhinein auf die besonderen Bedürfnisse meiner gehörlosen Eltern hinweisen.“

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