LICHTENFELS

Andreas Thamm: Vom Schreiben und der Freiheit

Andreas Thamm, ehemaliger Praktikant beim Obermain Tagblatt, hat den Kunstförderpreis in der Sparte „Literatur“ des Freistaates Bayern gewonnen. Foto: Sarah Guber

Der ehemalige OT-Praktikant Andreas Thamm hat einen Kunstförderpreis in der Sparte „Literatur“ des Freistaates Bayern gewonnen. Warum er Genres, Zielpublikum und Arbeitsstätte gerne variiert und (noch) nicht von der Selbstständigkeit leben möchte.

„Er ist ein junger, kaltblutiger Serienkiller. (aus: „Unter Schluchten“ Serie945756)

„Andi und Ferdi sind ganz normale Jungs, keine Helden, nix Besonderes.“ (aus: Magellan Verlag zu „Heldenhaft“)

„Die jungen Menschen, von denen dieses Buch erzählt, haben endlose thailändische Nächte erlebt, schwedische Floßfahrten überstanden und verschollene Indio-Dörfer in Guatemala besucht.“ (aus: Zusammenfassung buecher.de zu „Fernweh ist 'ne Scheißidee“)

Wer solch verschiedene Menschen erfolgreich in seinen Romanen zeichnen kann, muss in einem abwechslungsreichen Leben viel beobachten und immer wieder neue Menschen kennenlernen. Das hat Andreas Thamm getan und vor kurzem die Auszeichnung durch den Kunstförderpreis in der Sparte „Literatur“ des Freistaates Bayern erhalten: Der gebürtige Bamberger, der 2009 ein halbes Jahr ein Praktikum beim Obermain Tagblatt absolvierte, lebt heute in Nürnberg und ist ein erfolgreicher Autor – aber auch Journalist und Suppenkoch.

Als er vor kurzem den Brief mit der versprochenen Auszeichnung erhalten habe, sei er zunächst überrascht und ungläubig gewesen. „Ich habe die Reichweite meiner Romane bis zu dem Zeitpunkt für überschaubar gehalten. Auch ,Heldenhaft' hat sich meines Wissens gut, aber nicht spektakulär verkauft“, erzählt er.

Wer hat ihn für den Preis vorgeschlagen?

„Gedanklich war ich schon bei meinem neuen Buch.“ Die bislang ungeklärte Frage, wer ihn für diesen Preis vorgeschlagen habe, trage nicht zur Entwirrung seiner Gedanken bei. Der Verlag und der Schriftstellerkreis sei es nicht gewesen. Seine Freude ist groß. Der mit 6000 Euro dotierte Preis soll vier Nachwuchsautorinnen und Nachwuchsautoren, die sich durch eine außergewöhnliche Begabung auszeichnen, in ihrem Weg bestärken.

Neben seinem Dasein als Autor und Journalist betreibt Andreas Thamm noch die „SuppKultur“: Moderne Konzepte für Kulturve... Foto: Laura Kröner

Dennoch oder gerade deswegen möchte Andreas Thamm jedoch an seiner Lebensweise derzeit nichts ändern. „Ich hoffe, dass sich der Preis auf die Aufmerksamkeit für mein nächstes Buch auswirkt, aber ob ich ganz selbstständig werden möchte? Ich weiß nicht, ob das bei mir auf lange Sicht gut gehen würde. Es tut mir gut, wenn der Wecker klingelt, früh aufstehen zu müssen und Struktur zu haben. Ich mag gerne in einem Team arbeiten und Vieles mehr.“

Woher kommt diese Selbstreflexion und Vielseitigkeit? 1990 in der Domstadt geboren hat er nach dem Abitur in Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studiert. Seine Lehrzeit dort habe viel Zeit und Raum für eigene Projekte zugelassen. Die Dozenten ermutigten zu Schreibaufträgen verschiedener Genres, verlangten aber auch Selbstständigkeit und Weitblick.

So mussten die Studierenden etwa auch Kurzgeschichten vor ihren Mitstudierenden im Rahmen von Schreibwerkstätten vortragen oder im Rahmen eines Messestands ein Buch präsentieren. „Uns wurde ein Horizont eröffnet, welche Möglichkeiten man heute hat, um mit dem Schreiben Geld zu verdienen“, blickt Andreas Thamm zurück.

Flexibel, selbstbewusst und mutig bei der Stellensuche

So fand er nach Studiumsende bald eine Anstellung als Drehbuchautor in München. Einige Manuskripte der beliebten TV-Serie „Im Namen der Gerechtigkeit“ stammen etwa aus seiner „Feder“. Zurück in Bamberg hatte er zunächst kleinere PR- und journalistische Aufträge sowie einen 450€-Job inne, ehe er in einer Werbeagentur als Texter Fuß fasste. 2019, nach drei Jahren, zog es ihn abermals weiter – diesmal nach Nürnberg und zum Curt, dem Stadtmagazin für Nürnberg, Fürth und Erlangen. Mutige und teils unkonventionelle Initiativbewerbungen aus seiner Hand prägen diese Jahre der veschiedenen Genres und Produktgruppen.

„Ich müsste auf Vieles

verzichten, um gerade den bestmöglichen Roman zu schreiben, aber dazu bin ich noch nicht bereit.“

Andreas Thamm, Autor

Dort ist Andreas Thamm bis heute in Teilzeit tätig um für weitere journalistische Aufträge u.a. für die taz oder Zeit online, vor allem aber für seine Romane Zeit zu haben.

Sein Erstlingswerk, der Roman „Unter Schluchten“, ist 2019 erschienen und erzählt von einem kaltblütigen Serienkiller. Unterwegs stößt er auf ebenso verschrobene und vielschichtige Menschen und lässt damit eine Coming of Age-Sequenz entstehen, die beim Leser lange nachwirkt – denn am Ende gibt es keinen Appell, keine Rüge und keine Konsequenzen.

Der Jugendroman „Heldenhaft“ richtet seinen Blick dagegen auf zwei scheinbar ganz normale Jugendliche, einen lange abwesenden Freund, der mit voller Wucht wieder in das Leben der beiden einbricht und letztlich die geplante, aber zu scheitern drohende Flucht.

Neuer Roman im Frühjahr

Derzeit arbeitet er an seinem zweiten Jugendbuch, das sich gerade in der ersten Lektoratsphase befinde. Im Frühjahr soll es erscheinen.

Doch Andreas Thamm wäre nicht Andreas Thamm, wenn ihm das „genügen“ würde. Zusammen mit seinem Freund und Jazz-Künstler Stephan Goldbach betreibt er mit der „SuppKultur“ einen Veranstaltungsservice, der Kulturveranstaltungen ein neues und individuelles Konzept schenken möchte. Autoren, Musiker und weitere Künstler verschiedener Stilrichtungen treffen hier an diesen Abenden aufeinander und präsentieren gemeinsam ihre Werke.

Dazu gibt es – ebenfalls dem Stil des Abends entsprechend – qualitativ hochwertige Suppen, die Andreas Thamm und Stephan Goldbach selbst kochen. Mittlerweile finden solche SuppKultur-Abende an verschiedenen Orten in Nürnberg und Umgebung statt und erfreuen sich großer Beliebtheit.

Die Freiheit gut nutzen

Wie schafft man es, all diese Tätigkeiten unter einen Hut zu bringen? „Ich muss mich damit selbst arrangieren. Wenn ich eine Abgabefrist für ein Buch habe, geht die vor. Aber ich möchte auch die Freiheit ausnutzen, eine Reportage über ein Detail zu schreiben, das ich gerade irgendwo gelesen habe, oder einen Künstler einzuladen, der mich gerade beschäftigt“, überlegt Andreas Thamm. „Ich müsste auf Vieles verzichten, um gerade den bestmöglichen Roman zu schreiben, aber dazu bin ich noch nicht bereit.“ Derzeit gehe er meist am Nachmittag in seinem Arbeitszimmer, lese die letzten Seiten des am Vortag Geschriebenen und knüpfe dort an. Ein Notizbuch für spontane Ideen habe er dagegen selten unterwegs dabei.

„Unterwegs“ ist er übrigens auf der ganzen Welt. Andreas Thamm hat schon viel gesehen: ob bei seinen Reisen quer durch Deutschland, die USA und Vieles mehr. Was er aus seiner Zeit beim Obermain Tagblatt vor über zehn Jahren gelernt habe? „Aus jedem Thema, auch wenn man es sich, als Praktikant, nicht selbst ausgesucht hat, den bestmöglichen Text zu machen.“

 

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