COCHABAMBA

Andreas Motschmann in Bolivien: Übernachten am Impfzentrum

Das Impfteam, vor allem aus Krankenschwestern bestehend, wird gleich zur Tat schreiten. Foto: Andreas Motschmann

Omikron hat die Entwicklung in der Corona-Krise verändert. Inzwischen sind weltweit fast alle Länder von der neuen Virusmutation betroffen. Andreas Motschmann berichtet von den ersten Tagen im neuen Jahr aus dem Andenland Bolivien:

Der Impfausweis von Andreas Motschmann wird beim Bankeingang vom Sicherheitsdienst überprüft. Foto: Red

„Warum übernachten Sie vor dem Impfzentrum? Das frage ich bei meinem nächtlichen Spaziergang in unserem Stadtteil einen Mann. ,Weil ich seit Montag nicht mehr zu meiner Arbeit gehen kann.' Eine Frau auf einem Klappstuhl daneben antwortet: ,Ich muss dringend zur Bank und werde ohne Impfausweis nicht hineingelassen'.

Neue Einschränkungen von einem Tag auf den anderen

Seit Montag, 3. Januar, gibt es chaotische Zustände in Bolivien. An Silvester gab die Regierung plötzlich bekannt, dass man für viele Einrichtungen den Impfausweis brauche, so zum Beispiel in Banken und am Flughafen. In der Regierungshauptstadt La Paz sogar in Bussen. Dies betraf fast die ganze und vor allem arme Bevölkerung, denn sie ist auf die Nutzung des Minibusses angewiesen. Viele Arbeitgeber verweigerten ebenso ihren Beschäftigen den Eintritt in den Betrieb ohne Impfausweis.

Warteschlangen vor einem Impfzentrum in Cochabamba; einige warten auf mitgebrachten Stühlen. Foto: Andreas Motschmann

Die Folge: Von einem Tag auf den Anderen gab es chaotische Zustände vor den Impfzentren. Nicht enden wollende Warteschlangen; große Proteste der frustrierten Menschen. Oft standen sie stundenlang im Regen; jetzt im Sommer ist die Regenzeit. Im Radio und Fernsehen wurde ausführlich berichtet. Das Nachbarland Peru hatte zeitgleich zu solch extremen Maßnahmen gegriffen.

Um das Ausmaß der fehlenden Impfungen in Bolivien zu verdeutlichen, reicht ein Blick auf die Impfzahlen im Dezember. Die 4. Welle stieg seit November langsam an. Die 7-Tage-Inzidenz lag Mitte Dezember bei vergleichsweise niedrigen 63 Punkten. Das Hauptproblem war die nach wie vor äußerst geringe Impfquote: Die Zahl der Erstgeimpften lag bei 44 Prozent, die der Zweitgeimpften bei 36 Prozent. So war klar, dass die Impfquote gegen die Omikron-Welle hier auf keinen Fall ausreicht.

Impfquote bis Dezember, Erstimpfung nur 44 Prozent

Die Nachrichtensprecher und Nachrichtensprecherinnen tragen seit Monaten durchsichtige Schutz-Visiere im Fernsehstudio. Foto: Andreas Motschmann

Die Gründe für die sehr geringe Impfquote sind verschieden. Immer wieder fehlte im letzten Jahr der Impfstoff, die Impfwilligen wurden von einer auf die andere Woche vertröstet. Meine Frau und ich waren davon ebenso betroffen. Es kam zu Warteschlangen; viele gingen deshalb nicht zur Impfung. Vor allem auf dem Land war die Motivation, sich impfen zu lassen, nicht groß. Nach dem Motto: „Bei den wenigen Kontakten wird mir schon nichts passieren“, schoben viele den Impftermin vor sich her. Andere hatten Angst vor Nebenwirkungen, dass sie somit einige Tage nicht arbeiten könnten. Bei dem geringen Einkommen ist jeder fehlende Tag ein großer Verlust. Im Fernsehen versuchte man zum vermehrten Tragen von Mundschutz und Visiere zu ermutigen. So tragen seit Monaten die Nachrichtensprecher und -sprecherinnen durchsichtige Schutz-Visiere im Fernsehstudio.

Omikron-Variante brachte radikale Maßnahmen

Das „Fass zum Überlaufen“ brachte die Omikron-Variante. In wenigen Tagen steigerten sich die Zahlen rasant. Am Heiligen Abend lag die 7-Tage-Inzidenz bei 104, an Silvester bei 177 und am 3. Januar stiegen die Zahlen auf 377 hoch.

Die Registrierung vor der Impfung ist unkompliziert, nur der Personalausweis ist nötig. Foto: Andreas Motschmann

Die radikale Maßnahme des Vorzeigens des Impfausweises wurde wegen der chaotischen Verhältnisse an den Impfzentren nach wenigen Tagen ausgesetzt. Nun haben die Menschen bis zum 26. Januar eine Frist, sich impfen zu lassen, ohne den Impfausweis vorzeigen zu müssen. Dadurch dürfte der Schwarzhandel mit falschen Impfpässen, der sofort aufblühte, wieder etwas abnehmen. Die geringe Impfquote konnte in wenigen Tagen gesteigert werden: Die Zahl der Erstgeimpften lag am 7. Januar bei 51 Prozent, die der Zweitgeimpften bei 40 Prozent.

Impfpflicht besteht schon ab fünf Jahren

Auch die Schulkinder ab 5 Jahren müssen bis Ende Januar geimpft sein, denn im Februar beginnt nach den Sommerferien das neue Schuljahr. So steht in den kommenden Tagen eine gigantische Aufgabe im Gesundheitswesen an. Ob der Impfstoff ausreicht, wird sich zeigen. Als ich am Dreikönigstag bei meinem Impfzentrum vorbei schaute, wurde ein Teil der Wartenden wieder auf den nächsten Tag vertröstet und nach Hause geschickt. Im Impfzentrum wurden um 11 Uhr noch viele geimpft. Die Registrierung vor der Impfung ist unkompliziert; kein Negativtest ist nötig, der Personalausweis reicht. Eine kurze Information durch das Team, und schon wird geimpft. Das Impfteam besteht vor allem aus Krankenschwestern.

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