LICHTENFELS

Amtsgericht Lichtenfels: Beleidigungen und ein Kopfstoss

Ausraster mit zwei Promille

„Solche Verfahren habe ich nicht oft gehabt, wo so schlecht ermittelt worden ist“, erklärte Strafverteidiger Norbert Schreck kurz nach Prozessbeginn. Was er der polizeilichen Ermittlungsarbeit vorwarf, war, dass sie es bei nur einem Zeugen für den Körperverletzungsvorfall vom 22. Mai des vergangenen Jahres beließ. Diese Parteien begegneten einander im Saal 14 des Amtsgerichts und entgegengesetzter hätten ihre Aussagen nicht sein können.

Worum ging es? Am 22. Mai lernten ein Lastwagenfahrer (35) und ein Staplerfahrer (45) einander auf einem Lichtenfelser Firmengrundstück kennen. Beruflich. Der eine wollte anliefern und abladen, der andere sollte ihm dazu eine Auskunft erteilen. Doch plötzlich, so die Anklage, die von Staatsanwalt Fabian Berger vertreten wurde, habe der Staplerfahrer sich einen Schwall niederträchtigster Beleidigungen gefallen lassen müssen. Mehr noch: einen Kopfstoß ins Gesicht.

War die Sache doch ganz anders

Vorsätzliche Körperverletzung in Tateinheit mit Beleidigung also. Bis dahin entsprach das Geschehen der gerichtlichen Üblichkeit, wonach die Rollen zwischen Täter und Opfer klar verteilt sind. Doch jetzt konfrontierte Schreck Berger und Richterin Daniela Jensch mit der Einlassung, wonach sein Mandant derjenige gewesen sei, der beleidigt und geschlagen worden ist. Aber seine Aussage dazu sei nicht gebührend gewürdigt worden, weil der 45-Jährige einen Zeugen bei der Hand gehabt habe, der glauben machte, die Sache habe sich eben so wie in der Anklage formuliert abgespielt.

Nun wurde der Angeklagte gebeten, aus seiner Sicht das damalige Geschehen Revue passieren zu lassen. In ruhigem Ton erklärte er, er habe damals nur seinen Lastwagen richtig stellen wollen und plötzlich von dem Staplerfahrer zu hören bekommen, dass er „den ganzen Hof blockiert“. So habe er dazu eine Aussprache gesucht. Blick in Blick stand man sich gegenüber und dann sei er von seinem Gegenüber an der Schulter gehalten worden und habe die Kopfnuss bekommen. „Alles was ich jetzt gesagt habe, war die pure Wahrheit“, bekräftigte der Mann und erklärte sich zum Verhalten des Zeugen, jenes Kollegen des Staplerfahrers also, als besonders enttäuscht.

Der Mann vom Mond

Gänzlich anders hörte sich die Geschichte aus dem Mund des Staplerfahrers an. Der sagte, er habe den Lastwagenfahrer darauf hingewiesen, dass die hauseigenen Lastwagen beim Abladen Vorrang hätten. „Er hat mich angesehen, als ob ich vom Mond komme“, gab der Mann noch gegenüber Richterin Jensch an. Dann hätten auch schon die Beleidigungen gegen ihn begonnen, denen letztlich die Kopfnuss folgte. „Ich bin dann ins Büro gegangen und habe 15 Minuten auf die Polizei gewartet“.

Im Amtsgericht in der Kronacher Straße in Lichtenfels wird Recht gesprochen. Foto: Markus Drossel

Beide Männer verfügten über ein glaubwürdiges Auftreten, zeigten sich ruhig und sachlich. Also kam es darauf an, was der Zeuge und Kollege des Staplerfahrers zu berichten wusste. Es war wenig. Der Lastwgenfahrer, so der 37-Jährige, hätte mit den Händen vor dem Gesicht seines Kollegen „rumgefuchtelt“ und mehr habe er nicht wahrgenommen. Zu seinem Hinzukommen hatte er auch eine Erklärung: „Ich wollte eigentlich nur deeskalierend wirken, damit die sich nicht die Köppe einhauen.“

Nach und nach zeigte sich, dass auch das Gericht nicht wusste, was es von der Tatschilderung halten sollte. „Das wird dünn“, äußerte Richterin Jensch mit Blick auf Staatsanwalt Berger, ihm gleichsam mitteilend, dass es für eine Verurteilung nicht reichen wird. So wurde der Einstellung des Verfahrens allseitig zugestimmt, wenngleich Berger hierzu noch einen Vorgesetzten verständigen musste.

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