LICHTENFELS

Als im Kleinziegenfelder Tal Wassernot herrschte

Wer im 19. Jahrhundert rund um das Kleinziegenfelder Tal lebte, hatte nicht selten ein Wasserproblem. Foto: Drossel

Die prunkvolle Basilika minor auf dem Heiligen Berg oberhalb von Grundfeld und Wolfsdorf kennt im „Gottesgarten am Obermain“ jedes Kind. Doch kennen Sie „Klein-Vierzehnheiligen“, den außergewöhnlichen Ort im Landkreis Forchheim mit seinem barocken Kleinod? Oder wissen Sie, wie die „Gebirgler“ der Juradörfer, beispielsweise oberhalb des Kleinziegenfelder Tals, früher an das lebensnotwendige Wasser kamen? Wie ein „Widder“ helfen konnte? In der 29. Ausgabe von „Vom Main zum Jura“, der Heimatgeschichtlichen Zeitschrift für den Landkreis Lichtenfels, entdeckt der Leser einmal mehr viel Interessantes und Spannendes.

Dr. Josef Urban auf Spurensuche rund um „Klein-Vierzehnheiligen“

Bei „Klein-Vierzehnheiligen“ handelt es sich um die Kirche in Schirnaidel, die vor genau drei Jahrhunderte konsekriert und die neben Johannes dem Täufer auch den am Obermain verehrten Nothelfern geweiht wurde. Zwei Kilometer von Eggolsheim entfernt, gibt es viele Parallelen zum „großen Bruder“ im Landkreis Lichtenfels. Archivdirektor i. R. Josef Urban, der Herausgeber der Heimatgeschichtlichen Zeitschrift, hat sich auf Spurensuche begeben. Er beleuchtet im Hauptbeitrag des Hefts die Verehrung der Vierzehnheiligen, die übrigens auch auf dem Gügel bei Scheßlitz stattfindet, geht ausführlich auf Dorf- und Baugeschichte ein und informiert über Stifter Johann Georg Pfister und Baumeister Andreas Reinthaler, der auch die Veitskapelle auf dem Ansberg bei Ebensfeld errichtete, inmitten des größten geschlossenen Lindenkranzes Europas.

Aussagekräfte Fotografien, unter anderem zur reichen Innenausstattung der Schirnaidler Kirche, machen Lust auf einen Besuch. Selbstverständlich kommen auch Johannes der Täufer sowie Blasius, Dionysius von Paris, Erasmus, Pantaleon und all die anderen der 14 Heiligen in Wort und Bild nicht zu kurz. Mehrfach war die Kapelle übrigens in ihrer 300-jährigen Geschichte baufällig und einsturzgefährdet, mehr als nur einmal war die Liste der zu findenden Schäden lang. So mussten unermüdlich Schäden beseitig werden, um das kleine, aber feine Gotteshaus für die Nachwelt zu erhalten. Insgesamt sind es übrigens 127 Seiten – mehr als die Hälfte der neuesten Heimatgeschichtlichen Zeitschrift für den Landkreis Lichtenfels – die Dr. Urban dem Themenkomplex „Klein Venedig“ gewidmet hat. Eine historische Faltkarte in der Heftmitte inklusive.

Ein Zeugenberg wie der „Koches“ und auch der Staffelberg

Auch der gebürtige Bamberger Studiendirektor Wolfram Degen aus dem Hirschaider Gemeindeteil Seigendorf blickt in den Landkreis Forchheim. Er widmet sich in archäologischen und historischen Notizen den menschlichen Spuren auf dem und am Schießberg bei Unterstürmig. Wie auch im Landkreis Lichtenfels, gibt es auf diesem Zeugenberg Nachweise keltischer Besiedelung, die durchaus auch Bezüge zu den Machtzentren auf dem Walberla und auf dem Staffelberg haben dürften. Ferner gab es, wie auch auf dem Kulch bei Altenbanz, hier einst einen Herrensitz aus frühester fränkischer Zeit. In der Neuzeit gab es dann, nicht unwichtig für Leser in Bierfranken, Bierkeller am Schießberg, deren Spuren noch heute bei einem Spaziergang gesehen werden können. Im weiteren Verlauf des Hefts fügt auch Studienrat Otto Degen, in Seubelsdorf geboren, ein Kapitel zum Schießberg an. „Er gehört zu einer Familie von Bergen, die wie ein Kranz vor der Jurastufe liegen“, schreibt der Gymnasiallehrer für Chemie, Biologie und Geografie. So wie der „Korches“ bei Altenkunstadt beziehungsweise Weismain, der Ansberg, der Hausberg der Ebensfelder, oder auch das „Walberla“ (Ehrenbürg). Der Gipfel de Schießbergs besteht übrigen aus Dogger beta, aus Eisenbandstein – aus diesem Gestein wurden einst Vierzehnheiligen oder auch Kloster Banz erbaut.

Otto Degen widmet sich zudem in einem weiteren Kapitel einer äußerst seltenen Naturerscheinung, die er am 29. Dezember vergangenen Jahres im Steingraben bei Eichig machte. Bei einer Wanderung durch dieses Seitental des Kötteler Grund entdeckte er etwas, was er erst als verschimmeltes Totholz deutete, was aber etwas ganz anderes war: Haar-Eis.

Faszinierender Zufallsfund während eines Spaziergangs

„Das Aussehen erinnerte an das weiße, silberglänzende, gewellte Haar einer älteren Dame“, umschreibt er den Fund, den er natürlich auch im Bild festhielt. Er recherchierte, wann und warum sich dieses Naturphänomen bildet.

Sein Fazit: „Noch durchschaut die Wissenschaft das komplexe Zusammenspiel zwischen Biologie, Chemie und Physik nicht vollständig, aber das kann unser Staunen über das Erfindungsreichtum der Natur nicht beeinträchtigen.“ Jedenfalls biete der Steingraben ideale Bedingungen für die Entstehung des so seltenen Haar-Eises.

Wie funktionierte früher die Wasserversorgung auf der Jurahochfläche? Es ist erneut Otto Degen, der sich dieses Themas annimmt. Damals, vor 1900, als das Kleinziegenfelder Tal noch versumpft war, oft Hochwasser führte, von Auenwäldern geprägt war und an vielen Stellen kaum mehr Platz bot für als eine Mühle. Wohl dem, der in den Siedlungen auf den Höhen in mit Verwitterungslehm abgedichteten Mulden – in Hüllen – Regenwasser auffangen konnte. Die Ortsnamen Mährenhüll oder Eichenhüll künden heute noch davon.

„Auf dem Rücken aus dem Thale“ geschleppt

Wer das nicht konnte, musste Wasser über kilometerweite Strecken schleppen, „auf dem Rücken aus dem Thale“. Wie auch für den Bau der einstigen Wallfahrtskirche „Sankt Clemens“ in Neudorf, wie das Lichtenfelser Tagblatt in den Jahren 1888 und 1890 schrieb. Quellen und Brunnen gab und gibt es vereinzelt auch: In Eichig beispielsweise, wo man 1877 50 Meter tief für den Sankt-Josefs-Brunnen graben musste. Eine Seilwinde half bei der Förderung des kostbaren Nasses.

Weitere Themen in der neuesten Ausgabe der Heimatgeschichtlichen Zeitschrift sind der hydraulische Widder, eine ausgeklügelte Technik zum Pumpen auf Berghänge und damit zur Wasserversorgung auf dem Jura in vergangenen Zeiten (so auch in Krassach oder Niesten, wo es heute noch die Widderstube gibt), sowie Zeitungsberichte von Anno Dazumal. „Beim neuen Heft handelt es sich um das umfangreichste und ein gestalterisch einmaliges Heft aus den vergangenen 36 Jahren der Herausgabe der Heimatgeschichtlichen Zeitschrift“, freut sich Herausgeber Dr. Josef Urban.

Recherchen in Corona-Zeiten eine riesengroße Herausforderung

Und doch war die Koordinierung und Herausgabe der 29. Ausgabe für Dr. Urban und sein Team eine noch nie dagewesene Herausforderung. Aufgrund der Covid-19-Pandemie mussten Besuche in Archiven und Bibliotheken unterbleiben, da auch diese forschungsrelevanten Einrichtungen zeitweise ihre Tore schließen mussten. „Glücklicherweise konnten dann später Digitalaufnahmen von Archivalien gemacht werden, die dann in einer Art von Home Office durchgearbeitet wurden“, beschreibt es Dr. Urban. Das alles kostete Zeit – und Nerven.

Über das Buch

Das Heft 29 der Heimatgeschichtlichen Zeitschrift für den Landkreis Lichtenfels (ISSN: 01787-1558) hat 206 Seiten mit Beiträgen aus Natur, Kunst und Architektur, 208 Abbildungen und eine Faltkarte, kostet 18 Euro und ist (nach dem Lockdown oder via Online-Order) in den Buchhandlungen in Staffelstein, Weismain und Bamberg zu haben. Wer so lange nicht warten möchte, kann das Buch auch über den Herausgeber beziehen: Dr. Josef Urban, Schillerstraße 15, 91330 Eggolsheim, E-Mail: josef.urban@yahoo.de.
Haar-Eis ist ein seltenes Naturschauspiel, fotografiert von Otto Degen.
Die eiserne Trommel des Eichiger Brunnens. Foto: Drossel
Vom Main zum Jura. Foto: Drossel
Der Hydraulische Hammer am Großen Waldstein. Solche Apparate waren auch im Landkreis Lichtenfels im Einsatz. Foto: Repro: Drossel
"Klein-Vierzehnheiligen" wird die Kapelle in Schirnaidel genannt, hier in einer Aufnahme von Dr. Josef Urban. Foto: Drossel
Der Sankt-Josefs-Brunnen in Eichig. Foto: Drossel

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