LICHTENFELS

Als die „Amis“ am 11. April 1945 nach Lichtenfels kamen

Familienfotos: Oma Margarete Kraus und Bruder Erhard Heer (oben) sowie unten Mutter Antonie Heer und Eva Görtler (re.) Foto: Red

Der erste Vorbote war ein Jeep: Am 11. April 1945 marschierten in Lichtenfels die Amerikaner ein. Eva Görtler war damals sieben Jahre alt. Gerade schreibt die heute 83-Jährige ihre Erinnerungen auf und hat OTverbindet dankenswerte Weise Auszüge daraus zur Verfügung gestellt. Sie schildert den Tag der Befreiung ganz aus ihrer Sicht:

Die Amerikaner kamen vom Banzer Berg nach Lichtenfels

„Am Nachmittag des 11. April 1945 spielten wir Kinder in der Alten Coburger Straße. Plötzlich ruft der Fredi Schüpferling: ,Die Amis kommen.‘ Damals hatte man von dort freien Blick nach Kloster Banz. Am Banzer Berg kamen, in eine riesigen Staubwolke gehüllt (die Straße war damals noch nicht asphaltiert), die Fahrzeugkolonne und Panzer der Amerikaner gefahren.

Wir rannten heim, um aus dem Fenster zu schauen. Das erste Auto war ein Jeep mit einer langen Funkantenne. Es hielt in der Köstner Straße bei dem roten Backsteinhaus von Schieferdecker Bär. Der Beifahrer stand auf und suchte mit dem Fernglas die Häuser ab.

Unsere Mutter holte meinen Bruder und mich vom Fenster weg und sprach danach mit der Nachbarin gegenüber von Fenster zu Fenster. Plötzlich flogen helle Striche neben der Nachbarin zwischen zwei Fenster ins Haus. Wir wussten nicht, was es war, und dass da scharf geschossen wurde, aber es gefiel uns.

Herr Nüßlein, der mit seiner Familie als Flüchtling bei uns einquartiert war, war nicht da. Er versuchte nochmals nach Görlitz heimzukommen und Wertsachen aus seiner Wohnung zu holen.

Die brachte den Rathausschlüssel zur Polizei

Unsere Oma war im Rathaus im Erdgeschoss für Sauberkeit zuständig und kam auf die verrückte Idee, ihren Schlüsselbund noch bei der Polizei abzugeben und ging auch fort. An dem Tag kam sie aber nicht mehr zurück und meine Mutter, mein Bruder und ich hatten Angst um sie. Wir drei sowie die drei Nüßleins verkrochen uns im Keller, der abgestützt sein musste.

Das Haus meiner Eltern in der Nikolaus-Schmidt-Straße war zirka 150 Meter von den Amerikanern entfernt. Wir waren auch unter Beschuss. Der Kleiderschrank unserer Oma war durch das offene Fenster durchlöchert worden. In der Nacht hörten wir, wie die Soldaten über den Zaun stiegen und versuchten, die verschlossene Kellertür zu öffnen. Danach war Ruhe.

In Felsenkellern in Alter Coburger Straße versteckt

Im Morgengrauen verließ meine Mutter das Haus, um zu sehen, was in der Nachbarschaft los war. Ein Teil der Nachbarn hatte im Keller der Familie Mahr, Alte Coburger Straße, Zuflucht gefunden. Die Mutter holte uns ab, und wir gingen die Alte Coburger Straße hoch zu den Felsenkellern. Mutter hatte ihre Rote-Kreuz-Tracht an.

Im Wittigs Keller kamen wir noch unter. Der Keller war an der Ecke zur Rofenhausstraße. Im Keller brannte nur eine Kerze. Neben mir saß dort Anni Rochholz mit ihrer jüngsten Tochter Hildegard im Arm, sie war noch ein Säugling. Wir wussten nicht, was draußen vor sich ging. Später hörten wir die Panzer fahren und spürten die Erde beben. Dann wurde plötzlich die Tür aufgemacht, und im grellen Sonnenlicht standen zwei Soldaten mit ihren Maschinengewehren unterm Arm. Einer ging in den Keller, um nach Soldaten zu suchen. Als er nichts Verdächtiges fand, ging er und wir durften auch den Keller verlassen. Oberhalb von uns standen Panzer, die Isling und auch die Stadt beschossen.

Neben der Kellertür in Ohnmacht gefallen

Es waren auch Bewohner vom Anger im Keller, zum Beispiel von der Familie Söllner und auch von der Familie Lippmann, deren Häuser brannten. Als Marie Lippmann sah, dass ihr Haus in Flammen stand, fiel sie neben der Kellertür in Ohnmacht. Sofort war ein amerikanischer Sanitäter da, der sich um sie bemühte. Als sie wieder aufwachte und sah dass da ein Schwarzer war, der ihr half, wurde sie gleich wieder ohnmächtig. Die ersten Amerikaner, die kamen, waren in der Mehrheit Schwarze, und keiner hatte schon mal solche gesehen.

Gegenüber im Haus Thierauf gab es eine Kuh. Ein Soldat veranlasste, dass sie gemolken wurde und die kleinen Kinder die Milch zum Trinken bekamen. Meine Mutter und der Raabs Sepp (der Vater von Hans Raab, dem späterem Caféhausbesitzer) war Müller in der Welschen Mühle und auch Sanitäter. Sie gingen in Rotkreuzuniform den Wittigsberg hinunter, um den amerikanischen Kommandanten zu suchen, was dann auch mit Hilfe eines Dolmetschers gelang. Dieser erlaubte, dass wir wieder in unsere Wohnungen konnten. Bei uns war eine Glasscheibe eingeschlagen, um die Tür von innen öffnen zu können. In der Wohnung sah man die Abdrücke von den genagelten Schuhsohlen. Aber beschädigt war nichts.

Die Familie Adam Rost, Alte Coburger Straße 3, durfte allerdings nicht in ihr Haus, denn in einer der Wohnungen hing noch ein Hitler-Bild über dem Klavier. So kamen auch noch die fünf Personen der Familie Rost für kurze Zeit zu uns. Jetzt waren wir 13 Personen im Haus meiner Eltern, und ich weiß nicht mehr, wo wir damals alle geschlafen haben.

Die ,Musch‘ (Mathilde Rost, spätere Frau Caspari) erzählte vor Kurzem ihre Erinnerungen an die Nacht als die Amerikaner kamen. Sie besaßen damals einen etwas größeren Handwagen, in diesen betteten sie ihre kranke Mutter und fuhren in den Morgenstunden bis zur Fickenscher-Villa, wo sie im Hauskeller bleiben konnten. Als sie am Vormittag zurück wollten, war der Handwagen verschwunden. Was jetzt? Da fiel ihnen ein, dass bei meiner Mutter eine Krankentrage im Vorhäuschen stand. Mit dieser haben Nachbarn dann die Kranke heruntergetragen und auch zu uns gebracht. Der Handwagen wurde später in der Nähe wieder gefunden.

Der Vater der ,Musch‘ war Eisenbahner und an einem 23. Februar geboren. Seinen Kindern hatte er versprochen, an seinem Geburtstag zum Mittagessen heimzukommen, und das ließ er sich auch von seinen Kollegen nicht ausreden. Zum Glück, denn er hätte sonst den Bombenangriff nicht überlebt.

Irgendwann war auch unsere Oma wieder heil da. Sie hatte die Nacht bei der Polizei verbracht. Auf dem Geißendorfer Acker saßen Soldaten und brieten Hühner eines Nachbarn über einem Stock.

In der Coburger Straße war eine junge Flüchtlingsfrau angeschossen worden, als sie andere vor den Soldaten warnen wollte. Als sie starb, wurde sie in ihrem Brautkleid beerdigt. Später wurde auch erzählt, dass man auf den Obstbäumen an der Straße vor Buch flüchtende Soldaten erhängt hätte.

In den Todesanzeigen der Gefallenen stand häufig: In stolzer Trauer.“

Die kleine Eva Görtler beim Spielen als Kind. Foto: red
„Mein Elternhaus in der Nikolaus-Schmidt-Straße mit der Rotkreuztafel am Fensterladen“, schreibt Eva Görtler. Foto: red

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