LICHTENFELS

Als das Lichtenfelser Tagblatt Geld statt Zeitungen druckt

Als das Lichtenfelser Tagblatt Geld statt Zeitungen druckt
Die wunderbare „Geldvermehrung“; aus „eintausend Mark“ wurde „eine Milliarde Mark“ indem man die Reichsbanknote des Jahres 1922 einfach nur „überdruckte“ Foto: Dieter Radziej

Lichtenfels Der Meisterdruck, die ehemalige Druckereiabteilung des Obermain-Tagblatts, produzierte nicht immer „nur“ Zeitungen. Anfang der 20. Jahrhunderts wurde beim Lichtenfelser Tagblatt, dem Vorläufer des OT, auch Geld gedruckt, sogenanntes Notgeld.

Schon während des Ersten Weltkriegs hatte in Deutschland die Geldentwertung eingesetzt. Bereits 1918 war aus einer positiven Zahlungsbilanz ein Defizit von 15 Milliarden geworden; der Wert der Mark war gegen Kriegsende auf etwa 55 Prozent ihres ursprünglichen Wertes gesunken.

Kleingeldersatzmarken statt Silbermünzen

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 hatte im damaligen Deutschen Reich, einer der stärksten Industrienationen auf dem europäischen Kontinent, zu einer Verknappung des Geldes geführt. Silbermünzen wurden wegen ihres Werts gehortet; zugleich führte der Metallbedarf der Industrie zu einem Rohstoffmangel. Deshalb wurden die Banken angewiesen, ihre Geldstücke einzuziehen.

Bald machten Kleingeldersatzmarken (Notmünzen) die Runde. Städte, Gemeinden, aber auch die Geschäftswelt entschieden sich zur Ausgabe von Notgeld in Form von Scheinen und Münzen, um den lokalen Zahlungsverkehr einigermaßen aufrecht zu erhalten. Es wurde sowohl in inländischer als auch in ausländischer Währung (Goldmark, US-Dollar usw.) ausgegeben.

Notgeld aus Leder, Seide, Pappe oder alten Spielkarten

Bald fanden auch Ersatzmaterialien für das übliche „Papiergeld“ Verwendung. Leder, Seide, Pappe, bedruckte Alu-Folie, Spielkarten, Schecks und dergleichen mehr wurden zu „Notgeld“ umfunktioniert. Als Geldscheinmotive dienten Städteansichten, Wappen, Tore und Porträts von prägenden Persönlichkeiten der jeweiligen Ausgabeorte. Es gab landschaftliche und christliche Motive oder gut gemeinte Ratschläge in Versform.

Die Schuhindustrie, was insbesondere für die Region am Obermain wichtig war, spielte dabei auch eine Rolle: Häufig druckten Lederlieferanten Notgeld auf helles Leder oder das etwas dickere Ziegenleder. Als Geldscheinmotive wählten sie Schaufenster von Schuhfachgeschäften ebenso wie Damen- und Herrenschuhe, Gerber- und Schusterwerkstätten.

Heinz Schiestl entwirft die Motive für das Lichtenfelser Notgeld

Von 1917 bis 1923 sah sich beispielsweise auch die Stadt Lichtenfels genötigt, Münzen und Notgeldscheine auszugeben. Mit den Motiv-Entwürfen wurde Heinz Schiestl (eigentlich Heinrich Schiestl) beauftragt, der einer gleichnamigen Bildschnitzerfamile im Zillertal entstammte und später als bedeutender Bildhauer und Grafiker in Würzburg tätig war. Er bereicherte viele fränkische Kirchen mit seinen Altären, Statuen und Kreuzwegstationen und schuf auch Kriegerdenkmäler.

Als der Erste Weltkrieg verloren war und das Deutsche Reich Reparationszahlungen leisten musste, hatte sich ein 150 Milliarden Mark hoher Schuldenberg angehäuft, der bei Weitem das Volkseinkommen überstieg. Das führte zu einer Inflation, die viel Elend, Not und Armut über die Bevölkerung brachte.

Als das Porto für einen Brief 100 Milliarden Mark kostete

1920 bis 1923 folgte die zweite Krisenzeit. Notgeldscheine, Schuldverschreibungen, Auszahlungs-Anweisungen und Gutscheine, die in den Millionen- und Milliardenbereich gingen, waren bald keine Seltenheit mehr. Eine Möglichkeit, die inflationsbedingten Preissteigerungen der damaligen Zeit in Mark und Pfennigen nachzuvollziehen, bot das Briefporto. So kostete am 31. Januar 1918 ein einfacher Brief 0,15 Pfennige, 1922 zwei Mark, am 31. Januar 1923 schon 50 Mark – und am 9. November 1923 100 Milliarden Mark.

Nicht selten kam es in dieser Zeit vor, dass Geldscheine überdruckt wurden oder auf Briefmarken nicht mehr das normale Porto abzulesen war, weil es in die Millionen ging. Auch der Goldpreis kletterte zur damaligen Zeit in ungeahnte Höhen.

Banknoten statt einer Tapete an der Wand

Durch die Ablösung der Papiermark und Einführung der Rentenmark (wertgleich mit der späteren Reichsmark), die allerdings nur langsam in Umlauf gesetzt wurde, fand die Inflation ihr Ende. Damit verloren nach und nach die alten Notgeld-Scheine und die Notmünzen ihre Gültigkeit, und die Währung begann sich zu stabilisieren. Der Wert früherer Banknoten war dann so gering, dass sie teilweise zum Tapezieren verwendet wurden, denn dies war günstiger als eine Tapetenrolle.

Regelrecht „um sich schmeißen“ mit den Notgeldscheinen konnte zur damaligen Zeit der Meisterdruck, die Druckereiabteilung des Lichtenfelser Tagblatts, der Zeitung, aus der später das Obermain-Tagblatt wurde: Er druckte solche Scheine, die Millionen – und doch nichts wert waren.

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