LICHTENFELS

Adventszeit: Frautragen, Strohhalmlegen und andere Traditionen

Adventszeit: Frautragen, Strohhalmlegen und andere Traditionen
Alljährlich ab dem ersten Adventssonntag ist die Krippe in der Basilika Vierzehnheiligen zu bewundern. In wechselnden Szenen zeigt sie im Advent die Verkündigung, den Besuch Mariens bei Elisabeth und die Herbergssuche. Foto: Fabian Brand

Mit dem Sonnenuntergang des 27. November beginnt auch am Obermain die „stille“ Adventszeit. Um sich auf diese Zeit einzustimmen, gibt es unter normalen Bedingungen unterschiedliche Angebote: Adventskonzerte, Weihnachtsmärkte, Weihnachtsfeiern und vieles mehr. Auch im zweiten Advent unter dem Zeichen der Corona-Pandemie wird vieles anderes werden. Manches ist schon abgesagt, andere Veranstaltungen stehen noch auf der Kippe.

Dennoch fällt die Adventszeit nicht aus. Auch im Lichtenfelser Raum gibt es viele Brauchtümer und Traditionen, die helfen wollen, dass man sich auf Weihnachten vorbereitet, dass man sich auf diese heilige Zeit einlässt und einstimmt. Viele Bräuche sind uralt und fanden sich früher in vielen Haushalten am Obermain. Andere Traditionen haben sich bis heute erhalten und gehören fest im Advent in die Wohnungen und Kirchen hier im Lichtenfelser Land.

Der Adventskranz ist eine recht „Junge“ Erfindung

Obwohl der Adventskranz heute in vielen Haushalten fest zum Advent dazugehört, ist er eine recht junge Erfindung. Er geht zurück auf den evangelischen Theologen Johann Hinrich Wichern (1808-1881), der in Hamburg ein Armenheim, das „Rauhe Haus“ gegründet hatte.

Um den armen Kindern, die bei ihm Obhut fanden, das Warten auf Weihnachten zu verkürzen, hatte Pastor Wichern ein einfaches Holzkreuz gezimmert, auf dem an jedem Adventstag eine Kerze entzündet wurde. In einer seiner Geschichten erzählt Wichern über den Adventskranz: „Als der Advent kam, brachte der Schulmeister einen großen Kronleuchter in die Schulstube, worauf so viele Weihnachtslichter steckten, als es Adventstage gibt. Jedes Mal beim Beginn der Schule wurde nun ein Adventslied gesungen und aus der Heiligen Schrift eine Verheißung gelesen, die anzeigt, dass der von Gott versprochene Heiland kommen soll. Den ersten Tag wurde eines der Lichter aufgesteckt, ein zweites am zweiten, darauf am dritten auch ein drittes, und so fort.“

Heute besteht er aus grünen Zweigen und vier Kerzen

Heute ist der Adventskranz ein Kranz aus grünen Zweigen, meist Tannen, auf dem vier Kerzen Sonntag für Sonntag angezündet werden. Meist sind die Kerzen dunkelrot gefärbt; häufig greifen sie auch die violette Farbe aus der Liturgie auf.

Manchmal trifft man auch Adventskränze mit drei violetten Kerzen und einer rosa Kerze an: Rosa ist die liturgische Farbe des dritten Adventssonntages. Hier scheint schon die Nähe des Weihnachtstages auf, denn rosa ist ja nichts anderes als ein aufgehelltes violett.

Plünderungen am Barbaratag

Am 04. Dezember ist der Gedenktag der heiligen Barbara von Nikomedien, die auch zu den vierzehn Nothelfern zählt. Traditionell schneidet man an diesem Tag Zweige von Obstbäumen, um diese in einer Vase in die Wohnung zu stellen. Schon im ausgehenden 18. Jahrhundert scheint dieser Brauch zu übertrieben gepflegt worden zu sein, dass er verboten wurde. Im Fränkischen Merkur stand im Jahr 1796 zu lesen: „Das Einschleppen der sogenannten Barbara- oder Christkindleinsbäume ist lange schon gesetzlich bey uns verbothen. Man nahm dazu, was man fand, junge Fichten, junge Tannen, Zwetschgen, Kirschen, Weichsel, Hollunder und Birkenbäume. Die Waldungen wurden mitgenommen und die Gärten geplündert. Das geht nun freylich nicht mehr.“

Heutzutage wird man von derartigen Plünderungen am Barbaratag nicht mehr viel merken. Es ist ein schönes Zeichen, wenn Zweige, in denen scheinbar kein Leben ist, zum Weihnachtsfest aufblühen. An Weihnachten kommt das neue Leben in die Welt, die blühenden Barbarazweige sind hierfür ein schönes Zeichen.

Warten auf die „wahre Sonne der Gerechtigkeit“

In der katholischen Kirche prägen die Rorate-Messen den Advent. Sie finden meist frühmorgens oder am Abend, nach Sonnenuntergang, statt. Die Kirchen sind dabei nur von Kerzenlicht erleuchtet. Symbolisch wartet die Gemeinde in der dunklen Kirche auf das Kommen des Lichts, auf Christus, die „wahre Sonne der Gerechtigkeit“.

Adventszeit: Frautragen, Strohhalmlegen und andere Traditionen
Die Rorate-Ämter sind ein fester Bestandteil der katholischen Frömmigkeit im Advent. Wie in der Pfarrkirche Marktgraitz ... Foto: Fabian Brand

Früher war es auch üblich, diese Messen vor dem ausgesetzten Allerheiligsten zu feiern; seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist diese Praxis allerdings verboten. In den Tagen vom 17. bis 24. Dezember wurden Rorate-Messen vor dem Konzil manchmal so prunkvoll gefeiert, dass sie im Volksmund auch „goldene Messen“ genannt wurden.

Im Mittelpunkt der Rorate-Messen steht das Evangelium von der Verkündigung des Herrn aus dem Lukas-Evangelium. Daher kommt auch der früher oft gebräuchliche Name „Engelamt“. Rorate ist übrigens ein lateinisches Wort und leitet sich vom Eröffnungsvers dieser Messen ab, wo es heißt: „Rorate coeli desuper et nubes pluant iustum“. Zu Deutsch: „Tauet ihr Himmel von oben, ihr Wolken regnet herab den Gerechten“. Deswegen singt man auch heute in den Rorate-Messen noch häufig das Lied „Tauet Himmel, den Gerechten“.

Und wann entstand der Adventskalender?

Auch der Adventskalender, der heutzutage nicht nur vielen Kindern das Warten auf Weihnachten erleichtert, ist eine recht junge Erfindung. Um 1850 wurde er in protestantischen Kreisen „erfunden“; dabei orientierte man sich nicht mehr an der Adventszeit, sondern am Kalendermonat.

Die meisten der heutigen Adventskalender sind eigentlich „Dezemberkalender“: Denn der Advent beginnt in diesem Jahr bereits am 28. November und nicht erst am 1. Dezember.

Adventszeit: Frautragen, Strohhalmlegen und andere Traditionen
Ein Adventskranz nach dem Vorbild von Johann Hinrich Wichern aus dem Hamburger „Rauhen Haus“: Jeden Tag wurde eine neue ... Foto: Wikipedia

In früheren Zeiten bestanden die Adventskalender aus Papier, und hinter den Türchen verbargen sich kleine Illustrationen. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hat die Süßwarenindustrie den Adventskalender für sich entdeckt, seitdem hat er in den allermeisten Haushalten Einzug gehalten.

Eine andere Art, die Wartezeit zu verkürzen

Ein Brauch, der ebenfalls mit dem Abzählen der Tage bis Weihnachten zu tun hat, ist das Strohhalmlegen. Als es noch keine Adventskalender gab, hat man mit einfachen Mitteln das Warten auf Weihnachten verkürzt: Am 1. Advent wurde eine leere Krippe aufgestellt, in die jedes Familienmitglied Tag für Tag einen Strohhalm legen durfte. Je gefüllter die Krippe war, desto näher rückte das Weihnachtsfest. Am Heiligabend wurde dann das Jesuskind auf das weiche Stroh in der Krippe gebettet.

Das „Frautragen“ ist eine adventliche Tradition, die in früheren Zeiten weit verbreitet war und heute nur noch selten anzutreffen ist. Eine Marienfigur wird dabei von Haus zu Haus getragen und findet in jedem Haushalt für einen Tag eine Herberge. In der Familie, in der die Gottesmutter gerade zu Gast ist, versammelt man sich zum gemeinsamen Gebet oder zu einer adventlichen Hausandacht.

Erfüllte Zeit auch unter Corona-Bedingungen

Viele der traditionellen Adventsbräuche haben ihren Ort im eigenen Haushalt. Deshalb eignen sie sich auch gut, um sie gerade in dieser Zeit der Corona-Pandemie neu zu entdecken. Wenn man Kontakte vermeiden soll und hauptsächlich auf die eigenen vier Wände verwiesen ist, ist es gut, dass es eine Vielzahl an Brauchtum gibt, das sich hier durchführen lässt. Dann kann der Advent auch unter Corona-Bedingungen zu einer erfüllten Zeit werden, die man bewusst nutzen kann, um sich auf das Weihnachtsfest vorzubereiten.

 

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