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Abschlussarbeiten „mit Pfiff“: Jede hat ihre Geschichte

Abschlussarbeiten „mit Pfiff“: Jede hat ihre Geschichte
Die Absolventinnen des Jahrgangs 2021 an der Berufsschule für Flechtwerkgestaltung: Lissy Johenneken, Yoko Hardt, Dorothée Rentsch und Bärbel Yonson (v. li.) Foto: Corinna Tübel

Alle haben eine eigene Form, eine eigene Geschichte und dabei einen ganz individuellen Charakter: Die Möbelstücke, Dekorationsobjekte und Taschen, die die praktischen Abschlussarbeiten der acht diesjährigen Absolventinnen der Staatlichen Berufsschule für Flechtwerkgestaltung darstellen. Die Objekte sind Unikate, handgefertigt und zeugen von der alten Flechtwerk-Tradition der Korbstadt – dabei kommen ihre Erschaffer sogar aus dem Ausland.

Dänin (61) sprüht vor Begeisterung fürs ungewöhnliche Handwerk

Abschlussarbeiten „mit Pfiff“: Jede hat ihre Geschichte
Bärbel Yonson: Lampe „Aquamarin“. Foto: corinna Tübel

Bärbel Jonson etwa wohnt in Dänemark und hat sich für die Zeit ihrer dreijährigen Ausbildung in Deutschland eine kleine Wohnung gemietet. „Manchmal habe ich meine Familie und meine Enkel schon vermisst“, erzählte die 61-Jährige, doch gleichzeitig sprüht sie vor Begeisterung für das ungewöhnliche Handwerk. In ihrem Abschlussstück, der Lampe „Aquamarin“, steckt daher ganz viel Heimat, kommen doch beim Betrachten sofort Erinnerungen an Sommerabende am Meer auf. Gemeinsam mit ihren sieben Kolleginnen hat sie sich durch die Corona-Pandemie „gelernt“.

Pandemie bremste Werkstattzugang

Die dreijährige Ausbildung, die die einzige ihrer Art in ganz Deutschland ist, schließt mit dem Titel „Staatlich geprüfte Flechtwerksgestalterin“ ab. Sie vermittelt handwerklich-technisch-gestalterischen Grundlagen sowie Fähigkeiten, die im flechterischen Bereich allgemein von Bedeutung sind. Zwar ermöglichte der zeitweilige Distanzunterricht im vergangenen Jahr auch eine intensive Beschäftigung mit den eigenen Projekten, doch hinderte vor allem der fehlende Werkstattzugang die Schülerinnen am praktischen Lernen.

Abschlussarbeiten „mit Pfiff“: Jede hat ihre Geschichte
Auch Nina Krasniqi, Friedericke Dinkel-Schmitt, Anneberth Lux und Margot Weiß (v. li.) haben heuer ihre Ausbildung an de... Foto: corinna Tübel

„Nicht jeder hat eine Werkstatt oder die Möglichkeit zum Üben zu Hause, auch wenn wir Material mit nach Hause genommen haben“, so Yoko Hardt. „Diese Übungszeit lässt sich nicht mehr ganz aufholen.“ Gleichzeitig fielen bestimmte Unterrichtseinheiten, wie etwa Umgang mit ungeschältem Rattan, oder ganze Schüler-Austauschprogramme inklusiver gemeinsamer Projekte weg.

Doch mit viel Teamgeist in der Klasse, deren Altersspanne von 19 bis 63 Jahren reicht, und gegenseitiger Unterstützung gelang acht von zehn Schülerinnen ein erfolgreicher Abschluss. „Und durch die Corona-Pandemie mussten sie zeitweise vielleicht noch mehr Eigeninitiative zeigen als andere“, verrät der Leiter der Staatlichen Berufsschule für Flechtwerkgestaltung Günther Mix, der stolz auf die Absolventinnen ist.

Abschlussstücke: Harmonie und Individualität

Abschlussarbeiten „mit Pfiff“: Jede hat ihre Geschichte
Dorothée Rentsch: Liege „Clappeau“. Foto: Corinna Tübel

Obwohl die Frauen die Art und das Thema ihres Abschlussstücks – „mit Pfiff“, so Günther Mix - frei wählen durften, scheinen sie doch auf hervorragende Weise zu harmonieren – und das nicht nur wegen ihres gemeinsamen Hauptmaterials, der Weide: Die Liege „Clappeau“ etwa, aus den Händen von Dorothée Rentsch, lädt durch ihre geschwungene Form zum Relaxen ein. Die 52-Jährige Hallstadterin, die zudem als Krankenschwester tätig ist, hat es verstanden, Klassik und Moderne zu verbinden. In diesem Sinne möchte sie auch privat weiter ihrer Profession nachgehen.

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Yoko Hardt: Stuhl „Curvy“. Foto: Corinna Tübel

Die 19-jährige Yoko Hardt aus Bamberg demonstriert mit ihrem Stuhl „Curvy“ ebenfalls Leichtigkeit und Spontanität für Ruhepausen. Eher zufällig sei sie zum Flecht-Handwerk gelangt, doch neben einer möglichen weiteren Ausbildung möchte sie auch weiterflechten.

Weit gereist, 25 Jahre in England und mit 63 neue Hauptbeschäftigung

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Anneberth Lux: Babykorb „Moses-Korb“. Foto: Corinna Tübel

Weit gereist ist auch Anneberth Lux, die über 25 Jahre im englischen Hastings gewohnt hat. Die 63-Jährige Vertriebsleiterin hat nun ihr Hobby zur Hauptbeschäftigung gemacht, ihr „Moses-Korb“ für Babys, mit dessen Modell sie ihrer Familie etwas zurückgeben möchte, gilt wohl als eines der Highlights ihres Schaffens. In Zukunft möchte sie weitere Objekte flechten und gestalten sowie eigene Kurse abhalten.

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Margot Weiß: Pilzlampe „Pila“. Foto: Corinna Tübel

Letztere möchte Margot Weiß aus Bad Staffelstein ebenfalls anbieten: Die 55-Jährige war lange Zeit als Zierpflanzengärtnerin tätig, kam dann aber mit dem Flechtwerk in Berührung, das sie als meditativ und beruhigend“ empfindet. Ihr Abschlussstück, die Pilzlampe „Pila“, zeugt noch von ihrer alten Profession, die sie nun mit einem anderen Naturmaterial verbunden hat. Mit einem zweiten Standbein möchte sie auch gewerblich ihre Objekte verkaufen.

Job in der Tasche: Unterstützung von Menschen mit Sehbehinderung

Abschlussarbeiten „mit Pfiff“: Jede hat ihre Geschichte
Friedericke Dinkel-Schmitt: Flaschen: „Silvalica“. Foto: corinna Tübel

Die Schwarzwälderin Friedericke Dinkel-Schmitt hat schon einen „Job in der Tasche“: Die gelernte Jugend- und Heimerzieherin wird in einer Werkstatt für Menschen mit Sehbehinderung andere Flechtwerkgestalter und die dortigen Schüler unterstützen. Ihre Flaschen „Silvalica“, die detailliert mit Weide ummantelt sind, zeugen von ihrer Heimatverbundenheit und ihrer Liebe zu ihrem Bio-Hof.

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Lissy Johenneken: Tasche „Navellina“. Foto: Corinna Tübel

Die Begeisterung für das Flechthandwerk „in die Welt tragen“ möchte auch Lissy Johenneken: Die 61-Jährige aus Rheinland-Pfalz hat lange erfolgreich als Antiquitätenrestauratorin gearbeitet, wollte sich aber beruflich und privat verändern. Ihre Tasche „Navellina“, in die man dank der geschwungenen Form unterschiedliche Dinge transportieren kann, impliziert diese Bewegung und die Schritte in ein Neuland mit wenig Gepäck.

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Nina Krasniqi: Tasche „Matcha“. Foto: Corinna Tübel

Das Team vervollständigte die 23-Jährige Nina Krasniqi aus Altenkunstadt. Zunächst hatte sie eine Ausbildung im IT-Bereich begonnen, aber schnell bemerkt, dass sie kreativer sein wollte. Mit noch einer zusätzlichen Ausbildung möchte sie dann in der Arbeitsfeld Fuß fassen. Ihre Tasche „Matscha“, klein und fein, ist an die japanische Teesorte „Matcha“ angelehnt. „Das grüne Gold von Japan“, erzählt sie. Aus Ziegenleder und Weide gefertigt ist ihr Abschlussstück ein handlicher Begleiter, der durch sein Design Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Ausstellung: Ab Samstag, 14. August (Vernissage), sind die Abschlussarbeiten der acht Absolventinnen nochmals im Deutschen Korbmuseum in Michelau zu sehen. Die Ausstellung soll bis zum 19. September für Besucherinnen und Besucher geöffnet sein.

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