LICHTENFELS/MÜNCHEN

13 Führerscheine: „Das Projekt ist ein Teil von uns“

13 Fürgerscheine: „Das Projekt ist ein Teil von uns“
Laudatorin und Landessynodalin Christina Flauder aus Kulmbach (Mitte, schwarzes Oberteil) übergibt die Urkunden. Foto: Sonntagsblatt aus Bayern/ Bek-Baier

Mal ehrlich: Wer interessiert sich über zwei Jahre nach dem Abitur noch für irgendwelche Projekte, die er oder sie als Schüler absolvieren musste? Wer nimmt sich mitten unter der Woche frei, um mit seinem ehemaligen Lehrer zu einer Feierstunde nach München zu fahren? Freiwillig, ohne Noten, Punkte und credit points dafür zu bekommen. Zehn der 14 Teilnehmer des P-Seminars „13 Führerscheine – 13 jüdische Schicksale“ haben es getan, denn ihr Projekt bedeutet ihnen auch heute noch weit mehr als eine Pflichtaufgabe auf dem Weg zur Allgemeinen Hochschulreife.

„Das Projekt hat nicht nur uns bewegt, sondern auch die Nachfahren. Und es hat unsere Stadt Lichtenfels verändert.“
Clara Aumüller, ehemalige MGL-Schülerin

„Als wir mit dem Projekt 13 Führerscheine begannen, wussten wir nicht, worauf wir uns da einlassen“, gibt Francesca Schütz bei der Preisverleihung zu. An diesem 9. November in München ist es der Wilhelm-Freiherr-von-Pechmann-Preis, den die evangelische Landeskirche vergibt.

Schon wieder ein Preis? Könnt ihr sie noch zählen? Wird das nicht irgendwann Routine? Zehn ehemalige Schüler des Meranier-Gymnasiums schütteln den Kopf. „An diesem Projekt war nichts Routine und wird es auch nie werden“, sagt Luise Birkner und die anderen stimmen zu.

„Dieses Projekt hat uns geprägt und verändert. Wir sind Menschen begegnet – Lebenden und Gestorbenen –, die uns beeindruckt, ermutigt, gefordert und geholfen haben. Wir wurden mit furchtbaren Schicksalen konfrontiert und mit menschlicher Größe. Unser Projekt ging und geht heute noch unter die Haut“, sagt Sophie Rauh.

Geschichtsunterricht mit Gänsehaut

Und der Kontakt zu den Nachfahren, die die Schüler im Lauf des Projekts aufgespürt und kennengelernt haben, besteht bis heute, gegenseitige Besuche eingeschlossen. „Am Anfang hatten wir nur ein Stück altes Papier, einen Namen, ein schlechtes Foto. Stück für Stück fanden wir die Menschen hinter diesem Papier. Gesichter, Geschichten, Anekdoten, goldrichtige und falsche Entscheidungen, historische Zahlen und Daten wurden lebendig“, sagt Clara Aumüller, „und aus 13 Führerscheinen wurden 13 Menschen.“ Geschichtsunterricht mit Gänsehaut. Bis heute.

„Opfer, das sind niemals Zahlen und Listen, sondern immer Individuen, unverwechselbare Menschen, die anderen Menschen das Liebste auf der Welt waren“, sagt Schütz in der Dankesrede der Schüler. Und die Anerkennung, die dieses Projekt im Lauf der vergangenen Jahre erfahren hat, bestätigt: Sie haben gute Arbeit geleistet.

An diesem 9. November 2021 also ein bedeutender Preis der Evangelisch-Lutherischen Kirche Bayern: der Wilhelm-Freiherr-von-Pechmann-Preis. Der Namensgeber hatte während der NS-Diktatur angesichts der Verbrechen des Regimes gegen Juden und andere gemahnt: „Kann und darf die Kirche schweigen? Nimmermehr!“ Schütz führte dieses Zitat weiter: „Dürfen wir, darf die Gesellschaft heute schweigen? Nimmermehr.“ Die umfassende Ausstellung „13 Führerscheine“ leistet einen wertvollen Beitrag, auch heute mit jungen Menschen zu diskutieren, der Vergangenheit Gesichter zu geben.

„Moralisch auf der richtigen Seite stehen“

13 Fürgerscheine: „Das Projekt ist ein Teil von uns“
Eine weitere Urkunde, die den ehemaligen Schülern des Meranier-Gymnasiums viel bedeutet: der Wilhelm Freiherr von Pechma... Foto: Burkhardt

Als das Projekt die Arbeit aufnimmt, im Oktober 2017, sind die Schüler 15, 16 Jahre alt. Ihr Lehrer, Studiendirektor Manfred Brösamle-Lambrecht, inzwischen im Ruhestand, sagt rückblickend: „Meine Schüler waren und sind unglaublich. Es hat sich ein richtiger Sog entwickelt – eine Detektivgeschichte. Manchmal musste ich sie bremsen.“ Aber nicht immer haben sie sich bremsen lassen. Brösamle-Lambrecht: „Es ist meinen Schülern wichtig, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen, das Richtige zu tun.“ Sollte Schule dazu nicht immer ermutigen?

„Das P-Seminar hat angefangen wie jedes andere Schulprojekt auch. Ich fand das Thema spannend, aber niemand ahnte, dass alles für uns so groß wird und so emotional. Das Projekt hat nicht nur uns bewegt, sondern auch die Nachfahren. Und es hat unsere Stadt Lichtenfels verändert. Vorher wurden keine Stolpersteine verlegt, danach schon und dann haben sich die Menschen interessiert. Wenn man sich mit diesem Thema beschäftigt, mit der Nazizeit, dem Holocaust, und dann merkt, das gab es auch hier in meiner Stadt, dann sieht man Häuser und Straßen mit anderen Augen“, sagt Clara Aumüller.

„Blick für die kleinen Dinge geschärft“

„Das Seminar hat meinen Blick für die kleinen Dinge geschärft: Ich habe gelernt genau hinzuschauen, kritisch zu sein und optimistisch zu bleiben, egal wie unwahrscheinlich Dinge erscheinen“, sagt Luise Birkner.

Und wenn in ein paar Monaten wieder einmal die Ausstellung eröffnet wird, es einen anderen Preis gibt, der Film, der derzeit über das Projekt gedreht wird, herauskommt? „Dann sind wir wieder dabei. Das Projekt ist ein Teil von uns“, sagt Schütz. Die anderen nicken.

13 Fürgerscheine: „Das Projekt ist ein Teil von uns“
An den Stolpersteinen für Sofie und Arnold Seliger vor der ehemaligen Synagoge wurden am 9. November Blumen niedergelegt... Foto: Burkhardt

Schlagworte