MARKTZEULN

Zeulner Wirtshausgeschichten: Warum das Brötchen nicht schmeckte

Zeulner Wirtshausgeschichten: Warum das Brötchen nicht schmeckte
Korbmacher von Werner Mertinke, wo einst das “Weiße Lamm“ stand. Foto: Heinz Fischer

Es wird immer wieder berichtet, dass es früher, in der „guten, alten Zeit“, dutzende Wirtshäuser in Marktzeuln gab. Das stimmt aber auch nur teilweise. Die Stätten gab es wohl, aber nie hatten alle gleichzeitig geöffnet, sondern jeder nur dann, wenn auch frisch gebraut worden war. Man muss sich das ähnlich vorstellen wie heutzutage die Heckenwirtschaften in Mainfranken. Das Bier wurde stets im örtlichen Brauhaus am Ufer der Rodach hergestellt, gelagert wurde in den Felsenkellern.

Immerhin sind dem Autor dieser Zeilen aus seiner Jugendzeit noch etliche Gaststätten in Erinnerung. Und zu jeder gibt es eigene Geschichten und Anekdoten. Gebraut wurde damals schon lange nicht mehr selbst, das Bier kam von den Brauereien im Umland.

Ort der Gründung des Musikvereins und recht obskurer Wetten

Bleiben wir zunächst im unteren Flecken. Da war noch am Giegelsberg das Gasthaus Gagel. Hier wurde im Januar 1969 der Musikverein gegründet, zweifellos ein Meilenstein in der Zeulner Kultur-Welt.

Doch kennt der Journalist auch noch Berichte von recht obskuren Wetten, die in der Gaststube geschlossen wurde. Einer behauptete (Wetteinsatz fünf Maß Bier), er könne einen vollen Maßkrug solange ausgestreckt halten, bis er ein trockenes Brötchen verzehrt habe. Er hat gewonnen. Sie lachen? Versuchen Sie das mal!

Zielwerfen mit rohen Eiern auf überdimensionierte Scheibe

Auch wurde einmal zu später Stunde ein Wettbewerb im Eierwerfen veranstaltet. Dazu wurde draußen an die Scheunenwand eine ordentlich dimensionierte Zielscheibe gemalt. Und dann wurde versucht, mit rohen Eiern die Mitte zu treffen. Auch dies ein schwieriges Unterfangen, weil nun mal Eier, bedingt durch ihre Form, niemals auf der vorgesehenen Flugbahn bleiben. Der Wirtin blieb es überlassen, die Überreste dieser eigenwilligen Sportart wegzuputzen.

Später zog die Familie Gagel um in einen neu erbauten Aussiedlerhof am Spitzberg, und die Gastwirtschaft wurde geschlossen. Leider konnte auch das wunderbare Fachwerkgebäude nicht erhalten werden.

„Dora“ war immer gut gelaunt und hatte einen besonderen Speiseplan

Links nach der Brücke gab es die „Dora“, betrieben von einer immer gut gelaunten Wirtin eben diesen Namens. Der Hausname war „Meißners-Dora“, das war aber der Geburtsname ihrer Mutter. Sie hieß mit Nachnamen Bauer. Vor dem Ersten Weltkrieg war hier eine Bäckerei und eine Landwirtschaft. Nachdem der Vater im Weltkrieg „verschüttet“ worden war, konnte er aus gesundheitlichen Gründen das Bäckerhandwerk nicht mehr ausüben. Um weiterhin ein zweites Standbein zu haben, entschloss man sich eine Gastwirtschaft zu eröffnen.

Zeulner Wirtshausgeschichten: Warum das Brötchen nicht schmeckte
Die „Dora“ (Mitte) mit ihren Gästen in der Wirtsstube. Foto: Heinz Fischer

Selbstverständlich braute man sein eigenes Bier im gemeindlichen Brauhaus. Später wurden dann „Franken-Bräu-Biere“ ausgeschenkt. So übernahm schon in jungen Jahren Dora Bauer, als älteste Tochter, das Lokal und führte es, nachdem sie unverheiratet blieb, als „Eine-Frau-Betrieb“ weiter. Bei der Dora gab es stets drei Menüs: Menü 1 – Fettbrot; Menü 2 – Fettbrot mit Pfeffer und Salz; Menü 3 – Fettbrot mit Pfeffer und Salz und Zwiebeln. So wurde es zumindest immer behauptet.

In Wirklichkeit gab es auch noch andere Gerichte

Der Autor will heute mal mit dieser „Verschwörungstheorie“ aufräumen, man konnte jederzeit auch Brotzeiten (Göttinger und Eisbein!) und andere einfache Gerichte haben. Speziell an der Kirchweih servierte sie immer am Freitag „Saura Fleck“ und am Samstag Eisbein mit Sauerkraut.

Für die Kinder gab es im Sommer für 30 Pfennig ein Sandwich-Eis aus der Gefriertruhe, die in der „alten Küche“ stand. Die Dora hatte auch nichts dagegen, wenn Handwerker zur Pause bei ihr einkehrten und zum Bier eine mitgebrachte Leberkäs-Semmel von der Metzgerei gegenüber verzehrten.

Die Eiskegler freuten sich immer auf ihr angewärmtes Bier

Obligatorisch war im Winter die Einkehr der Eiskegler. Durchgefroren von ihren Aktivitäten auf der Rodach freuten sie sich auf ein angewärmtes Bier. Das Temperieren geschah mittels Messingröhrchen, die mit heißem Wasser gefüllt ins Bierglas gehängt wurden. Diese originellen Bierwärmer standen stets im Winter auf dem Holzofen in der Gaststube bereit.

Legendäre Faschingsbälle in den 60-er Jahren: Vorglühen bei der Dora

Zeulner Wirtshausgeschichten: Warum das Brötchen nicht schmeckte
Das Gasthaus „Dora“ heute. Foto: Heinz Fischer

Bei den in den 1960er Jahren legendären Faschingsbällen in der Turnhalle pflegten sich die verkleideten Narren vorher bei der Dora zu treffen um dann gemeinsam in die Halle zum Maskeneinzug zu marschieren. Dass hierbei kräftig „vorgeglüht“ wurde, versteht sich von selbst.

Einen Stammtisch, meist Rentner, die sich schon am Vormittag zum Frühschoppen einfanden, gab es auch. Und einer der Dauergäste soll mal seinen eigenen Leichenschmaus veranstaltet haben. Mit der Begründung: „Wenn ich tot bin, hab ich ja nichts mehr davon.“ Er lebte noch lange danach.

Ein weiterer Stammtisch „Blauweiß“ brachte es sogar einmal zu lokaler Berühmtheit, als man anlässlich der Kommunalwahl 1978 mit einer eigenen Liste „Freier Bürgerblock“ nebst Bürgermeisterkandidat antrat. Der Erfolg hielt sich in Grenzen, die Lacher hatte man zumindest auf seiner Seite.

1984 gehen das letzte Fettbrot und das letzte Bier über die Theke

1984 wurde das letzte Fettbrot verkauft und das letzte Bier getrunken. Die Dora schloss aus Altersgründen das beliebte Lokal. Das ortsprägende Fachwerkgebäude existiert noch und wird heute von der Familie Friedlein-Zech bewohnt, die es liebevoll pflegt und erhält.

Gegenüber von der „Dora“ befand sich das altehrwürdige Gasthaus „Weißes Lamm“, damals geführt von der Familie Pornschlegel. Das „Lamm“ war ein weit über die Grenzen Marktzeuln hinaus bekanntes und beliebtes Restaurant, das am Sonntag nicht selten von Bus-Reisegesellschaften angefahren wurde.

Im „Lamm“ legte Juniorchef Reinhold erfolgreich eine Brötchenfalle

Der damalige Juniorchef Reinhold war nicht nur ein eloquenter Gastronom, sondern auch ein schlitzohriger Zeitgenosse, immer zu einem Streich aufgelegt. Folgende Geschichte erzählte dem Schreiber smein alter Freund Hans Linz (1924 - 2005): Der Reinhold war stets rührig um das Wohl seiner Gäste besorgt. Und so kam er selten zu einer ruhigen Minute, geschweige denn zum Essen. So legte er sich immer ein belegtes Brötchen auf den Tresen, das er nach und nach, wenn Zeit war, verspeiste.

Nun gab es aber am Stammtisch (gleich neben dem Tresen) einen Gast, der darauf erpicht war, immer, wenn sich der Reinhold außer Sicht befand, herzhaft in dessen Brötchen zu beißen. Der Wirt kam dem Mundräuber schon sehr bald auf die Schliche und sann auf Rache. So präparierte er einen Tages seine Wurstsemmel, indem er fein in Streifen geschnittene Kernseife zwischen die Wurstscheiben drapierte. Die Semmel wurde auf ihren Stammplatz abgelegt, Reinhold bog um die Ecke und richtig! Jener Stammgast griff wieder zu. Und merkte alsbald, dass diesmal mit dem Belag etwas nicht stimmte.

Nun wollte er sich keinesfalls eine Blöße geben und würgte den Bissen „Seifensemmel“ mit Todesverachtung hinunter. Wenig später hielt er sich länger als für die üblichen Verrichtungen vorgesehen auf der Toilette auf, kam zurück, zahlte sehr rasch seine Zeche und wurde längere Zeit nicht mehr im Wirtshaus gesehen. Der Reinhold konnte „fürderhin“ ungestört und komplett seine Wurstsemmel verzehren.

Für „Nachteulen“ hatte der Wirt ein „scharfen“ Rausschmeißer parat

Zeulner Wirtshausgeschichten: Warum das Brötchen nicht schmeckte
Das ehemalige „Lamm“ Foto: Heinz Fischer

Auch mit „Nachteulen“, die partout die Sperrstunde ignorieren wollten, wusste der Reinhold umzugehen. Diesen Herrschaften kredenzte er dann noch eine Runde Schnaps, den berühmten „Munki“. Dies war ein hochprozentiges Elixier aus Chili, Knoblauch und diversen weiteren Kräutern und Scharfmachern. Nach diesem Genuss suchten die Herren in aller Regel schnell das Weite, und der Wirt konnte seiner wohlverdienten Ruhe frönen.

Im Jahr 1967 ging das „Weiße Lamm“ in den Besitz der Weismainer Püls-Bräu über. Die Familie Zapf führte das Lokal bis 1986 als Pächter erfolgreich weiter. Der Zapfen-Albert stand als Gastronom und stets zu Späßen aufgelegter Zeitgenosse dem Reinhold in nichts nach.

Die Pornschlegels errichteten zu dieser Zeit am Ortsausgang Richtung Schwürbitz komplett neu ein Hotel mit Restaurant. Auch hier gibt es eine Anekdote, von der der Vater des Autors berichtete: Dieser traf sich öfters am Sonntagmorgen mit Freunden zum Frühschoppen im Hotel-Restaurant. Stets kam dann gegen Viertel vor Zwölf der Senior „Adel“ und bat, doch Schluss zu machen, man wolle mit der Familie zum Essen weg. Einmal fragte dann der Vater vom heiz Fsicher: „No Adel, ihr hobbt su a fein's Restaurant, warum esst ihä net dahamm?“ Darauf der Adel: „Dse teue, Otto, des könne miä uns niä leist“.

Das Areal wird optisch mit Flechtskupturen aufgewertet

Die Familie Zapf zog es 1986 in die Fränkische Schweiz, wo sie ein Café eröffneten. Das „Weiße Lamm“ wurde noch unter verschiedenen Pächtern weitergeführt, ehe es am Kirchweih-Donnerstag 2000 ein Raub der Flammen wurde und abgerissen werden musste. Der Ort, an dem es stand, heißt aber heute noch im Volksmund der „Weiße-Lamm-Platz“. Zurzeit ist man daran, das Areal optisch aufzuwerten. Geflochtene Skulpturen sind hier zu bewundern, gestaltet von Werner Mertinke, dem Spross einer alten Korbmacherfamilie. Sie weisen auf das in Zeuln ansässige Korbmacherhandwerk hin.

Soweit die Zeulner Wirtshäuser im unteren Flecken. Was es an uriger Gastronomie oberhalb vom Rathaus noch gab und was sich dort alles abspielte, soll ein andermal berichtet werden.

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