OBERREUTH

Wie der Kegelsport nach Oberreuth kam

Freiluftkegeln in Obereuth anno dazumal. Foto: Repro: Heinz Fischer

Seit über 130 Jahren befand sich die idyllisch an Fischweihern gelegene Gastwirtschaft in Oberreuth im Besitz der Familie Sünkel und wurde in ununterbrochener Folge bereits in der vierten Generation bewirtschaftet. Bis im März 2020 die Wirtin Petra Sünkel das Gasthaus aus gesundheitlichen Gründen schließen musste. Nachdem ihre beiden Kinder Horst und Silke berufstätig sind, gab es keine Möglichkeit zur Weiterführung des Traditionsgasthauses. Das Wirtshaussterben hatte damit auch Oberreuth erreicht!

Wirtshaus seit 1870 im Betrieb der Familie Sünkel

Die Wirtin Maria Sünkel um 1960. Foto: Repro: Heinz Fischer

Begonnen hatte alles damit, dass der Bauer Johann Sünkel am 22. Juni 1870 bei der Gemeindebehörde Lettenreuth „um die Verleihung der persönlichen Conzession zum Betriebe einer Bierschenke im Orte Oberreuth“ nachsuchte. So zumindest bestätigte es eine amtliche Bekanntmachung in der damaligen Tagespresse. Johann Sünkel wurde diese Conzession nach einer gewissen Frist auch gewährt.

Es wurde jedoch eine Bedingung gestellt: Die Gemeindeverwaltung, die zugleich Kommunbrauhausverwaltung war, teilte mit, „die Einwilligung zur Ertheilung der Konzession ihrerseits nicht eher zu geben, bis der Bauer Sünkel gehalten ist, falls er das Bier bezieht und ausschenkt, welches nicht im hiesigen Brauhaus gebraut wurde, eine jährliche Entschädigung von vier Gulden an die Gemeindecassa Lettenreuth zu entrichten“.

Das Lettenreuther Bier war nicht gut genug

Oft musste die Kegelbahn erst von den hereingewehten Blättern befreit werden. Foto: Repro: Heinz Fischer

Nun, anscheinend war das Lettenreuther Bier dem angehenden Gastwirt nicht gut genug. Er bestellte nämlich sein Bier im Kommunbrauhaus von Marktzeuln, war mit den vier Gulden Entschädigung einverstanden und versuchte natürlich trotzdem, am Jahresende um die „Strafgebühr“ herumzukommen. Im Jahr 1871 wurde der Nachfolger von Johann Sünkel geboren. Johann Sünkel junior führte die Wirtschaft bis ins hohe Alter hinein. 1958 ist im „Tagblatt“ zu lesen, dass der Altbauer und Gastwirt Johann Sünkel seinen 87. Geburtstag feierte.

Nach ihm übernahm sein Sohn Pankraz Sünkel mit seiner Ehefrau Maria die gemütliche Gaststube und schenkte darin das Bier der Gampertbräu aus Horb am Main aus. Nahezu 50 Jahre führte man diese Hausmarke im Wirtshausschilde, bevor der spätere Eigentümer, Benno Sünkel, wiederum Sohn des vormaligen Besitzers, auf Kulmbacher EKU-Bier umstellte. Pankraz Sünkel verstarb 1962 im Alter von erst 58 Jahren. Neben der Gastwirtschaft wurden von seiner Frau Maria die Land- und Forstwirtschaft weiter betrieben sowie für den eigenen Bedarf Schweine und andere Tiere gemästet und geschlachtet. Tatkräftig wurde sie dabei von ihren beiden Kindern Hildegunde und Benno unterstützt.

Der letzte Stammtisch im März 2020, in der Mitte Petra Sünkel. Foto: Repro: Heinz Fischer

Die so genannte „Kartleidenschaft“ scheint sich hartnäckig zu vererben. Den neuen Wirt Benno sah man schon mal mit Ehrgeiz einen Schafkopf spielen. Es gab auch kaum ein Schafkopfturnier, das der „Sünkels Benno“ ausließ. Benno Sünkel ließ 1983 gemeinsam mit seiner 1995 verstorbenen Mutter und seiner Gattin Petra Sünkel, die hinter Theke und Herd die gute Seele der Gastwirtschaft war, die Gaststätte umbauen und renovieren. Seitdem erstrahlte das Anwesen neben der 1995 eingeweihten Kapelle Maria Königin von Oberreuth in vollem Glanz. Seit dieser Zeit fand am ersten Wochenende im Juli eine siebentägige Kirchweih statt.

Kirchweih ganze sieben Tage lang gefeiert

Diese Tradition hat sich bis zum Schluss erhalten. Von der Schlachtschüssel am Mittwoch über das Krenfleisch bis zur Hühnersuppe am Dienstag drauf konnte man die Kirchweihtage gastronomisch genießen. Leider verstarb Benno Sünkel im November 2000 plötzlich und unerwartet. Ab dieser Zeit führte Petra Sünkel die Gastwirtschaft allein, mit Unterstützung der Familie.

Geschlossen: das Traditionsgasthaus Sünkel in Oberreuth. Foto: Repro: Heinz Fischer

Der Kapellenverein Oberreuth tagte oft in der Sünkels-Wirtschaft. So manch schwere Sitzung hatten die Männer und Frauen zu bewältigen, bis das schmucke Kirchlein im Sommer 1995 eingeweiht werden konnte.

Eine schwere Sitzung in anderer Hinsicht hatten 1962 am „dritten Weihnachtsfeiertag“ auch einige Herren hinter sich, als sie formlos und mit zittrigen Händen eine weitere Vereinsgründungsurkunde anfertigten. Der „Jagdgesangverein Oberreuth“ sollte aus der Taufe gehoben werden. Flugs wurde der Name „Die Jägersleut“ gefunden und niedergeschrieben. Dass die „Jägersleut“ bereits am nächsten Tag die Vereinsführung nicht weiter vorantrieben, kann an ihrem Brummschädel gelegen haben.

Geschichtliches zum Kegelclub „Eintracht“ Oberreuth

Am 11. April 1950 wurde der Kegelclub „Eintracht“ Oberreuth in seiner jetzigen Form gegründet. Schon immer hatte dieser Verein einen beständigen Platz im gesellschaftlichen Leben und ist untrennbar mit dem Gasthaus Sünkel verbunden.

Die Oberreuther Kegelgeschichte reicht bis ins Jahr 1895 zurück. Damals wurde auf dem Grundstück des Gastwirts Sünkel („Hannla“), das damals mit Sträuchern bewachsen war, eine Kegelbahn, eine so genannte Sandbahn, errichtet. Das war zur damaligen Zeit eine Seltenheit, die sehr viel Neugierige nach Oberreuth kommen ließ. An Sonn- und Feiertagen, ja sogar am Samstag hörte man bis spät in die Nacht hinein die Kugeln rollen.

Ein „Gaaßbock“ für den Gewinner des Preiskegelns

Bereits damals schon war die größte Sensation des Jahres das Preiskegeln. Als erster Preis war meist ein „Gaaßbock“ ausgesetzt. Nach der Preisverteilung musste der Gewinner des „Gaaßbocks“ nach alter Tradition und zur Gaudi aller einen Ritt zu den Kegeln und zurück vorführen.

Im ersten Weltkrieg wurde es sehr ruhig um den Kegelsport, lediglich die Jugend nutzte die Gelegenheit zum Üben, so dass der Kegler-Nachwuchs gesichert war. Nach dem Krieg wurde die Bahn betoniert. Der zweite Weltkrieg brachte abermals eine Unterbrechung. Aber nach seinem Ende fand man sich wieder auf der Kegelbahn ein. Die Begeisterung für den Kegelsport wurde immer stärker, so dass es nahe lag, einen Kegelverein zu gründen.

Am besagten 11. April 1950 setzte sich 17 Sportbegeisterte in der Gastwirtschaft Sünkel zusammen und gründeten den Kegelclub „Eintracht“ Oberreuth. Im Lauf der Jahre wuchs die Mitgliederzahl bis auf heute knapp 70. Im Jahr 1957 wurde die Kegelbahn umgebaut und überdacht, um einen besseren Betrieb zu gewährleisten. 1979 verstarb Heinrich Fojer, Gründungsmitglied und langjähriger Vorsitzender. Weitere Vorsitzende waren Oswald Appel, Gerd Fischer, Reinhold Gewiese, Peter Wiesner, Benno Sünkel und bis heute Jürgen Seifert.

Am 26. Februar 1990, ein Rosenmontag, zerstörte der Sturm „Wiebke“ den vorderen Teil der Kegelbahn völlig. Durch die starken Böen wurde im Hof des Gasthauses Sünkel eine etwa 1,5 Meter starke Linde in einer Höhe von zwei Metern abgeknickt und auf die Kegelbahn geworfen.

Plötzlich waren die „Aufsteller“ arbeitslos

1991 modernisierte Vereinswirt Benno Sünkel die wieder aufgebaute, nostalgische Kegelbahn, indem eine Aufstellautomatik für die Kegel eingebaut wurde. Die Aufsteller waren zuvor meist Buben aus den umliegenden Ortschaften gewesen, die sich auf diese Weise ein kleines Taschengeld verdient hatten. Schaffte ein Kegler einen „Kranz“ oder „Alle Neune“, war meist noch ein schönen Trinkgeld drin. Ob mit oder ohne Automatik, die Oberreuther Kegelbahn bleibt einzigartig in ihrer Form und Lage inmitten eines Biergartens.

Obwohl die Gastwirtschaft seit gut einem Jahr geschlossen ist, bleibt die Hoffnung, dass die Mitglieder der „Eintracht“ nach der Pandemie eine Möglichkeit finden, weiterhin in Oberreuth die Kugeln rollen zu lassen.

Die Wolkenschubstange

Im Volksmund gibt es die Legende, dass sich in der Kegelbahn in Oberreuth eine so genannte Wolkenschubstange befände. Sie läge deshalb in der Kegelbahn, weil nur diese lang genug für jenes Instrumentarium sei. Die Wolkenschubstange könne sich jeder unbescholtene Bürger ausleihen, sollte es ihm nach einer Festivität im Freien gelüsten und just das Wetter Unbill verheißen. Dann könne man, so geht die Sage, die Wolken vermittels dieser Stange von gewaltiger Länge beiseite schieben, und sogleich tut sich das schönste Wetter auf. Nach getanem Werk und Feierlichkeit solle man die Wolkenschubstange wieder ordentlich an ihren Platz in der Kegelbahn bringen, ansonsten allenthalben Unheil drohe. Wer?s halt glaubt …

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