MICHELAU

„Tatort“ Johanneskirche in Michelau

Im Dialog: Pfarrer Dr. Christian Frühwald (li.) diskutiert mit dem Krimiautor Volker Backert. Foto: Heinz Fischer

Sonntagmorgen um zehn Uhr. Eigentlich keine Zeit für einen „Tatort“-Film. Dennoch erklingt die bekannte Titelmelodie aus dem „Tatort“ von der Orgel der Johanneskirche. Was geschieht an diesem Sonntag im Michelauer Gotteshaus?

Pfarrer Christian Frühwald begrüßte neben den zahlreichen Gläubigen einen ganz besonderen Gast. Den einheimischen Krimiautor Volker Backert. Ein Krimi-Gottesdienst sollte es heute werden, nicht zum ersten Mal in Michelau. Man könne, so Frühwald, auch im Glauben nicht den Blick vom Bösen wenden, und so passe eine kriminalistische Handlung durchaus in einen Gottesdienst. Nach dem Eingangsgebet von Pfarrer Frühwald tritt – anstelle einer Lesung – Volker Backert ans Rednerpult.

Der Autor macht die Zuhörer zunächst mit der Schlüsselszene seines jüngsten Werkes mit dem Titel „Rhein-Main-Bestie“ vertraut: Kurz vor der Bundestagswahl bricht die „Rhein-Main-Bestie“, Deutschlands gefährlichster Triebtäter, aus der Sicherungsverwahrung aus. Er will sich an Kommissar Charly Herrmann rächen, der ihn seinerzeit verhaftet hat. Bundesweite Medienhysterie befeuert den schmutzigen Wahlkampf der Rechtspopulisten vor Ort, als die Bestie wieder zuschlägt - in Charlys engstem Umfeld.

Er verliert den Glauben an sich selbst

Dabei passiert das Schreckliche: Die Kindergärtnerin Nicki, die Charlys Enkelin Chiara betreut, wird grausam ermordet. Und die Medien geben dem Kommissar die Mitschuld an dem Verbrechen. Auch seine Enkelin, in ihrem Umfeld aufgestachelt, wendet sich von Herrmann ab. Bei einem Besuch will sie nichts mehr von ihrem sonst so geliebten Opa wissen. Der Polizist stürzt in eine Identitätskrise, zum einen wegen der Situation in der er geraten ist, zum anderen wegen seines fortgeschrittenen Alters. Er verliert den Glauben an sich selbst.

In einer halsbrecherischen Autofahrt rast er von seiner Dienststelle in Coburg nach Lichtenfels, wo er in Seubelsdorf in einem Sportheim seine Joggingkleidung anlegt und losrennt, Richtung Vierzehnheiligen, immer schneller, bis er vor Erschöpfung zusammenbricht und sich an einem Marterl am Wallfahrtsweg wiederfindet. Total erschöpft lässt er sich auf einer Bank vor dem Bildstock nieder. Er findet tastend unter dem Moos das Relief des Kreuzes und langsam kehrt die Hoffnung und neue Zuversicht in seine Gedanken zurück.

Der Krimi-Autor Volker Backert stellt sein neues Werk „Rhein-Main-Bestie“ vor. Foto: Heinz Fischer

Über Glauben in menschlichen Extremsituationen

Den weiteren Verlauf und den Ausgang des Romans, der ein bisschen an Henning Mankells „Wallander“ erinnert, ließ Volker Backert an dieser Stelle offen. Frühwald las nun aus dem Markus-Evangelium, Kapitel 8, mit der Kernaussage: „Wer mit nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“. Anstelle der Predigt fand dann ein Dialog zwischen dem Pfarrer und dem Krimi-Autoren über Glauben in menschlichen Extremsituationen statt, wobei Dr. Frühwald Fragen zum Buchinhalt stellte, die Volker Backert beantwortete. So kam die Frage „Was ist eine Bestie?“ Dazu Backert: „Die Bestie ist nicht nur der Mörder, sondern auch die Medien, die die Tatsachen verzerrt darstellen und so Kommissar Herrmann zum Mitschuldigen abstempeln“.

Weiter, in Anlehnung an die körperliche und geistige Erschöpfung des Protagonisten: „Kann der Mensch zufrieden sein?“ Backert verwies hier auf ein Zitat aus dem berühmten Song der Rolling Stones in seinem Buch: „I can?t get no satisfaction“. Trotzdem, so Backert, findet der Kommissar an dem uralten Martel wieder Zufriedenheit und Hoffnung, letztendlich aus dem Glauben. So spielen in dem Buch die christlichen Symbole wohl eine Rolle, stellen aber nicht das Gottesbild der Hauptfigur dar. Dies wäre, fand Backert, zu missionarisch für einen Kriminalroman. Letztendlich sei aber Gott der Grund, der Kommissar Herrmann wieder zu positivem Denken verhilft.

In der Michelauer Johanneskirche fand der „Krimi-Gottesdienst“ statt. Foto: Heinz Fischer

Ungewöhnliche Klänge auf der Orgel

Am Ende des Gottesdienstes, an der Stelle wo man einen abschließenden Choral erwarten würde, hatte sich Organist Jakob Holland noch etwas ganz Besonderes ausgedacht: Schräg und schaurig erklang von der Empore die Titelmusik von Ennio Morricone zu Sergio Leones berühmten Film „Spiel mir das Lied vom Tod“. Ein ungewöhnlicher, aber durchaus passender Abschluss dieses ganz besonderen Gottesdienstes.

 

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