MARKTZEULN

Sommergeschichten aus Zeuln: Dann war da noch der „Dejdoor“

Sommergeschichten aus Zeuln: Dann war da noch der „Dejdoor“
Theodor, der Autor und der Eicher. Foto: Repro: Heinz Fischer

Spätestens im Juli waren die Tage meiner Kindheit in Zeuln lang und sonnig und mein Interesse an schulischen Leistungen war nicht mehr allzu ausgeprägt. Die Sommerferien standen ja schon vor der Tür. Und dann war da noch der Theodor (fränkisch „Dejdoor“), ein Zeulner Landwirt, der auf dem Nachbargrundstück eine Scheune und eine Garage besaß, in der sein Eicher-Bulldog stand.

Kaum hörte ich daheim das vertraute „Pett-pett-pett“ des einzylindrigen Gefährts, ließ ich alle schulischen Belange sausen und eilte durch den Garten zum Theodor, der mich dann – froh, etwas Unterhaltung zu haben – mit auf seine Felder nahm zu allerlei landwirtschaftlichen Tätigkeiten.

Sprünge vom Dachbalken in den Heuschober wurden gewagt

Zu dieser Zeit wurde Heu eingefahren. Dann durfte ich sogar manchmal den Eicher ein Stück im langsamen Gang selber steuern. Da war man einfach König, mit satten 13 Pferdestärken unterm Hintern und einem Tempo von sechs Stundenkilometern.

Zusammen mit den Nachbarskindern durften wir dann im Stadel das eingebrachte Heu verdichten, indem wir fröhlich darin herum tollten. Auch Sprünge vom Dachbalken in den Heuschober wurden gewagt.

Das Heu vom Theodor war bald gepresst. Und wir hatten unseren Spaß. Win-win-Situation nennt man das jetzt. Der „Eicher“ läuft übrigens heute noch und befindet sich im Familienbesitz.

Tägliche Treffen ohne WhatsApp und Twitter

Irgendwann war die Heuernte vorüber, der letzte Schultag durchgestanden und die großen Ferien begannen. Jetzt – frei von allen unliebsamen Verpflichtungen – traf man sich mit Freunden tagtäglich zu allerlei Zeitvertreib. Ganz ohne WhatsApp und Twitter. Urlaubsreisen konnten sich nur die Wenigsten leisten. deshalb suchten wir Kinder uns selber unsere Ferienvergnügen. Radtouren in die nähere Umgebung wurden unternommen, in den Wäldern um den Spitzberg und am Kulbitz wurde Räuber und Gendarm oder Cowboy und Indianer gespielt.

Ab und zu kam es dabei zu kleineren Reibereien mit den Kindern aus den Nachbarorten, wenn der Grenzverlauf unklar war. Diese verliefen aber in aller Regel harmlos und ohne größere Blessuren.

Beim „Werberln“ gab es auch mal Tränen

Auch das „Werbeln“ (Schusserspiel) erfreute sich großer Beliebtheit. Außer man verlor mal eine schöne, große Glasmurmel an einen Gegner. Dann gab es auch mal Tränen.

Im August kamen die Hundstage, und das Thermometer stieg oft bis 30 Grad und darüber. Nun kam für uns nur noch ein annehmbares Vergnügen in Frage, und das war das Bad in der Rodach. Am Sportplatz gab es damals zwei offizielle Badestellen. Ja, zwei, und zwar sauber getrennt nach Geschlechtern! Oben, am östlichen Eck vom Sportplatz badeten die Buben, vielleicht 30 Meter weiter flussabwärts hatten die Mädchen ihr Revier. Wer diese Ordnung damals so festgelegt hatte, entzieht sich bis heute meiner Kenntnis, aber Missachtungen wurden durch die Schulleitung streng geahndet und auch bisweilen kontrolliert.

Sommergeschichten aus Zeuln: Dann war da noch der „Dejdoor“
Badefreuden 1962… Foto: Repro: Heinz Fischer

Hauptlehrer war neben Pfarrer die höchste Instanz für Sitte und Moral

Der Herr Hauptlehrer war neben dem Pfarrer die höchste Instanz für Sitte und Moral im Ort.

Die Gemeindearbeiter stellten jeden Sommer pro Geschlechts-Areal eine hölzerne Umkleidekabine, genannt „Boudhäusla“ auf. Dies brachte einen nicht näher benannten Knaben auf die Idee, vermittels eines Taschenmessers die Astlöcher in der Bretterwand bei den Mädchen-Kabinen zu erweitern, so dass Sichtkontakt nach innen hergestellt werden konnte und einen Blick auf die bis dato unbekannte weibliche Anatomie erlaubte.

Wenn die Badenixen das böse Treiben bemerkten, wurden sofort kreischend die vorpubertären Blößen bedeckt und die Spanner vertrieben. Mit der furchtbaren Drohung: „Ich sougs än Lehre“.

Geübte Schwimmer kraulten gerne flussaufwärts, bis zu die „Weela“ (Wehrchen), einer Stelle unterhalb des Steinach-Zuflusses, wo die Rodach über drei kleine Katarakte floss. Wer das schaffte, war fast schon für den Iron-Man qualifiziert. Ich schaffte es nie und hielt mich lieber in der seichten Ufernähe auf.

„Ihä Kinnela, gädd raus, die Roudich läffd gleich üübe!“
Die Steubers-Betty im Anmarsch auf die Rodach

Ab und zu, am späteren Nachmittag, kamen auch Erwachsene, um sich nach getaner Arbeit ein erfrischendes Bad zu gönnen. Nicht selten ersetzte eine mitgebrachte Seife das wöchentliche Wannenbad. Unvergessen die Auftritte von der Steubers-Betty (Weidenosch). Die stets gut gelaunte, immer zu einer Gaudi aufgelegten Frau kam dann, mit ihrem schwarzen Einteiler angetan, und rief schon von weitem ob ihrer Körperfülle: „Ihä Kinnela, gädd raus, die Roudich läffd gleich üübe!“. Dies taten wir natürlich nicht und hatten immer viel Spaß mit der Betty. Der Fluss blieb auch stets in seinem Bett.

Sommergeschichten aus Zeuln: Dann war da noch der „Dejdoor“
… und 2019 mit Enkel Otto. Foto: Repro: Heinz Fischer

Manchmal hatte einer der Älteren ein Thermometer dabei um die Wassertemperatur zu ermitteln. „Boudwarm“ war der Spitzenwert, das heißt das Wasser der Rodach näherte sich der 20 Grad-Marke.

Unterbrochen wurde der Badespaß allenthalben von Sommergewittern, wobei die Unwetter aus dem Frankenwald besonders gefürchtet waren. Diese wurden, so meine Oma, nicht von der Göritze geteilt und konnten so mit brachialer Gewalt auf Zeuln niedergehen.

Omas Knie war besser als jede Wetter-App

Die Oma spürte das Herannahen einer solchen Wetterfront im Knie, die war besser als jede Wetter-App heutzutage. Dann hatten wir uns schleunigst nach Hause zu begeben, wo sie schon die schwarzen Gewitterkerzen bereitgestellt hatte sowie in einer eigens dafür vorgesehenen Schatulle die Renten- und Sparbüchlein und weitere wichtige Dokumente. „Heilicha Mudde Anna, dreib es Gewidde vo Danna…“ wurde dann gebetet. Über kurz oder lang erfüllte die Heilige den frommen Wunsch. Tags darauf schien dann wieder die Sonne, und wir konnten in den Fluss zum Baden.

Der Einstieg in die Rodach auf der „Bubenseite“ existiert heute noch, ist aber von der Kommune nicht als öffentliches Flussbad ausgewiesen und nur auf eigene Gefahr nutzbar. Es kam dann der Tag, an dem das Wetter nach einem Gewitter kühl blieb und der Herbst sich ankündigte. Gnadenlos rückte auch der Schulanfang näher. Dann ging?s zum „Buchbinder“, dem örtlichen Schreibwarengeschäft. Neben den erforderlichen Schreibartikeln wurden auch große Bogen Einbandpapier für die Schulbücher gekauft, und zwar immer etwas mehr als erforderlich.

Tagelang stiegen später die Drachen in den Himmel

Dieses in vielen bunten Farben erhältliche, feste Papier eignete sich nämlich hervorragend zum Bau von Drachen. Beim Schreiner Zipfel holten wir uns noch schmale Holzleisten, die gab es umsonst. Plus ein paar wichtige Tipps zum Drachenbau vom Meister Josef persönlich. Paketschnur und Uhu waren in jedem Haushalt vorhanden. Und so waren alsbald die Flugobjekte mehr oder weniger einsatzfähig, je nach Geschick des Konstrukteurs.

Wenn dann der Westwind („ündera Lufd“ im Gegensatz zum Ostwind, der „öibera Lufd“ hieß) von der Göritze her ordentlich blies, trafen wir uns auf den abgeernteten Feldern am damals noch unbebauten Sandersgarten und ließen tagelang die Drachen hoch in den Herbsthimmel steigen.

Spätestens nach dem Schulanfang und wenn der Postbote schwitzend und schnaufend die schwere Winterausgabe vom Quelle-Katalog ins Haus brachte wussten wir, dass die schöne Jahreszeit endgültig vorbei war. Dann aber freuten wir uns schon auf Weihnachten und all die Abenteuer und Vergnügen, die der Winter mit sich bringen würde. Und auf die Geschenke, die das Versandhaus auf den Spielwarenseiten versprach. Das ist aber eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Gräudebod

Ich brauch ka Meer, wenns schö is boud ich

mich liebä undn in die Roudich,

und schwimmd vebei a Bläddla zod,

hou ich dsego a Gräudebod.

(Aus einer Büttenrede des Autors von 1995)

 

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