MICHELAU

Schach: Endlich Corona schachmatt setzen

Die Utensilien für den Aufstiegskampf sind schon im Haus. Erstmalig zählen jetzt sogar Desinfektionsmittel dazu. Foto: Markus Häggberg

Eigentlich hätte alles in trockenen Tüchern sein sollen. Längst schon. Doch der 22. März 2020 kam und brachte nichts mit sich. Nicht das Letztrundenspiel, nicht die Aufstiegsfeier im Stammlokal „Misurina“ – nix. Im Gegenteil: Der Corona-Lockdown brachte den SK Michelau um die Möglichkeit, pünktlich in die nächsthöhere Liga aufzusteigen. Und einen Verband in Handlungszwang.

Es ist Montagabend, und Andreas Schüpferling ist zwecks Fototermin an dem Ort, an dem er sonst Jugendtraining abhält. Klingt komisch, aber auch Schach muss trainiert werden, denn es gibt Eröffnungen, es gibt Taktik, Positionsspiel und heimtückische Endspiele. Momentan aber gibt es hier kein Training, nicht mal eine regelmäßige Zusammenkunft von Spielern des Schachklubs. Das geht schon seit Monaten so, und Schüpferling, der Mannschaftsführer der „Ersten“ ist, hegt eine Befürchtung: „Na ja, mittelfristig werden wir Schwierigkeiten haben, weiterhin Jugendliche und Nachwuchs zu haben.“

Ganz oben auf der Bestenliste: Andreas Schüpferling

Der Bezirksklassenspieler, der für die Mannschaftsaufstellung verantwortlich zeichnet und mit 81 Prozent aller möglichen erreichten Punkte die Bestenliste der Liga anführt, muss nicht viel Fantasie bemühen, sich auszumalen, dass das Interesse bei Jugendlichen am Schach jetzt schwinden könnte, weil es derzeit keinen rechten Ort zum Praktizieren gibt. Das Schlimme daran: Der SK Michelau ist nicht gerade mit Nachwuchs gesegnet. Darüber hinaus gibt es auch ältere Mitglieder, die seit dem Lockdown im März nicht mehr gesehen wurden. Doch zurück zum Ligageschehen, Rückblende zum 1. März 2020.

Bamberg. Es ist einer der letzten kalendarischen Wintertage und kurz nach 13 Uhr. Soeben fertigte das Team aus Michelau den Bamberger Gegner mit 6:2 ab und steht jetzt nur noch einen Sieg entfernt vom ersehnten Wiederaufstieg in die höchste oberfränkische Spielklasse. Vielleicht würde im letzten Spiel am 20. März auch ein Unentschieden gegen Ebern genügen, aber nur, wenn dem Tabellenzweiten SG Sonneberg kein Kantersieg gegen die eben geschlagenen Bamberger gelingt.

Die Mannschaft schwor sich ein. Dann aber, Tage später, sandte Schüpferling die Verlautbarungen des Verbands reihum, und in der hieß es, dass der Spielbetrieb bis auf Weiteres ausgesetzt ist. Wochen vergingen, Monate gar. „Ich bin immer wieder von Mannschaftskollegen gefragt worden, ob man vom Verband schon was gehört hat“, erzählt Schüpferling von der Ungeduld im Team. Er konnte nie eine Antwort darauf geben. Das kann jetzt aber Reiner Schulz, Bezirksspielleiter der oberfränkischen Schachligen. Gerade auf ihn prasselten Fragen von Ligaspielern nach dem Wann ein. Doch neben dem Wann galt für den Verband auch das Wie zu klären.

„Am Anfang war das schwierig, aber Ende Juli wurde vom Bayerischen Schachbund ein Hygienekonzept vorgelegt“, so Schulz. Ganz aus war es mit Schach zwar nicht, denn die Spieler wichen auf Online-Turniere ins Internet aus. Aber die Liga, die Meisterschaft, der Abstiegskampf standen still. Erst Ende Juli kam die Nachricht, dass es der 13. September sein soll, an dem sich die entscheidenden Weichen in oberfränkischen Ligen und eben auch für den SK Michelau stellen.

„Fußballspielen ist ja

auch erlaubt, und da

haben die Spieler wirklich engen Körperkontakt.“

Andreas Schüpferling, Schachklub Michelau

Doch es gibt nicht unerhebliche Probleme, sie fangen jetzt vielleicht erst an. Das Hygienekonzept beinhaltet, dass die Bretter im Abstand von 1,5 Metern zueinander aufgebaut werden. Was das bei acht Brettern bedeutet, kann man sich schnell ausrechnen. Der böse Witz daran ist, dass Schachmannschaften häufig in Gasthäusern ihr Stammquartier und ihre Spielstätte haben.

Mannschaftsführer Andreas Schüpferling betont die Wichtigkeit der Vorkehrungen. Ein bisschen gespalten ist er aber auch. Foto: Markus Häggberg

Doch nicht alle Wirte können so viel Rücksicht auf ihre Schachmannschaften nehmen, wie es das Hygienekonzept vorschreibt. Irgendwo müssen ja auch die Mittagsgäste sitzen, diejenigen, die einem Lokal Geld einbringen. „Zwei, drei negative Nachrichten habe ich schon bekommen“, sagt Schulz zu den Absagen oberfränkischer Gasthäuser an ihre Mannschaften. Diese müssen sich jetzt eine alternative Spielstätte suchen. Wird das in Michelau auch der Fall sein?

Das Hygienekonzept bringt so manche Herausforderung

Andreas Schüpferling kennt das Hygienekonzept auswendig. Während des Spiels müssen die Spieler keine Maske tragen. Aber sobald sie aufstehen um sich das Geschehen auf den Brettern ihrer Mannschaftskameraden zu betrachten, haben sie eine solche aufzusetzen. Und vor Spielbeginn müssen alle Figuren und Bretter desinfiziert werden. Auch werden die Bretter im Abstand von 1,5 Metern zueinander aufgebaut stehen. Selbst Trennscheiben stehen beim SK bereit, die zwischen den Brettern Verwendung finden könnten.

Doch wie sieht es am 13. September mit der Spielstätte Restaurant „Misurina“ aus? Es wird für den Kampf offen haben. Nur für den Kampf. „Es wird Einlass geben“, erklärt Alfred Wolf vom Restaurant „Misurina“. Es ist ein glücklicher Zufall, dass das Restaurant an diesem Tag und in dieser Woche Urlaub hat und man nicht auf Gäste Rücksicht nehmen muss. Das ist der Stand der Dinge am Montag, 24. August.

Am 25. August sieht die Vorschau zum 13. September so aus: Insgesamt 16 Spieler des SK Michelau und des Gastes TV Ebern werden sich um 9 Uhr im „Misurina“ gegenübersitzen, sie werden sich die Hände reichen, und der jeweilige Schwarzspieler wird die Schachuhren in Gang setzen. Beide haben sie ein Ziel: Der SK will aus der Bezirksliga-West nach oben hin weg, der TV Ebern 1 will in ihr verbleiben. Tabellenführer gegen Abstiegskandidat, lautet die Paarung. Bis zum 1. März hatte der SK einen Lauf, gab in acht Runden nur einen Punkt ab. Er wird wegen des Datums ersatzgeschwächt antreten, denn ein starker Stammspieler fehlt dann.

Warum Andreas Schüpferling sich so wundert

Doch dass die lange Zwangspause der Form des Teams geschadet haben könnte und der Lauf im letzten Spiel aus dem Tritt gebracht werden könnte, daran glaubt Schüpferling nicht. „Es wird nicht passieren, denn Ebern ist die deutlich schwächere Mannschaft. Es ist ja auch nur ein Spiel und keine zwei, drei wichtigen Spiele mehr zum Aufstieg hin. Das ist ein Gegner, den wir beherrschen müssen.“

Was Schüpferling nicht beherrschen kann, ist seine Verwunderung ob all der Maßnahmen. Denn Fußballspielen ist ja auch erlaubt, „und da haben die Spieler wirklich engen Körperkontakt“.

Das war ein Zitat vom 24. August. Womit er sich jetzt zitieren ließe, ist nicht bekannt. Am 28. August besuchte er die Webseite des Schachbezirks Oberfranken. Was dort zu lesen steht, sandte er umgehend an seine Mannschaftskollegen. Es ist eine neue Ärgerlichkeit, denn der Nachholspieltag am 13. September wurde mit der Begründung steigender Corona-Infektionen abgesagt. Wie es weitergehen soll, hängt an einem neuerlichen Termin: Am 19. September soll auf einer Bezirksversammlung des Verbandes eine Lösung gefunden werden. Bis dahin herrscht Schwebezustand.

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