MARKTZEULN

Noch mehr Marktzeulner Wirtshausgeschichten

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Der "Dinkelspeter". Ansicht von 1932. Foto: Heinz Fischer

Unweit oberhalb vom Rathaus steht ein – für Marktzeuln nicht unüblich – wunderbarer Fachwerkbau. Dieser beherbergte bis 1980 ein Gasthaus, über das heute berichtet werden soll. Neben dem selbst Erlebten hat OT-Reporter Heinz Fischer die Tochter von der Bärs-Hanna, Gisela Pillath, einiges über den „Dinkels-Peter“ erzählt.

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Hanna beim Schafkopf. Foto: Heinz Fischer

Ursprünglich im Besitz von Peter Dinkel, daher der Name „zum Dinkels-Peter“, ging die Gaststätte nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge einer Erbschaft in den Besitz der Familie Fleischmann aus Lettenreuth über. Die Tochter Johanna, später verehelichte Bär, führte dann die Wirtschaft ab 1950 zusammen mit ihrem Gatten Fritz, der nach der Heimkehr aus dem Krieg als Brauer und Mälzer bei der damaligen Lichtenfelser Urbräu beschäftigt war.

Noch ein letztes Mal beim Peter einkehren

Aus der Zeit vor 1950, als die Gaststätte von Peter Dinkel geführt wurde, ist wenig überliefert. Allerdings gibt es eine, wenngleich etwas makabre Episode aus der Vorkriegszeit. Damals wurden die Verstorbenen aus dem Ort mit einem Leiterwagen vom Wohnhaus zum Friedhof gebracht. Nun gab es einmal einen Todesfall im unteren Flecken, eine Frau, deren Name hier nicht genannt sein soll. Der wackere Fuhrmann lud den Sarg mit den sterblichen Überresten auf sein Gefährt und machte sich auf den Weg zum Friedhof.

Zu dieser Zeit war der Flecken noch mit dem berüchtigten Kopfsteinpflaster versehen, was dem Fuhrwerk einiges an Erschütterungen abverlangte. In Höhe der Engstelle bei der Schreinerei Zipfel kam aufgrund dieser Holperei die Fracht ins Rutschen. Der Sarg samt Inhalt kippte auf die Straße und schoss bergab. Just an der Haustür zur Gastwirtschaft wurde er vom Türstock gebremst und blieb liegen. Die einhellige Meinung der Dorfbewohner: „Die wollt noch mal beim Peter einkehren.“

Wenn dem Pfarrer ein Fluch herausrutscht

Nach der Übernahme durch die Familie Bär entwickelte sich die Gaststätte zu einer beliebten Einkehr in Zeuln. Die Hanna und der Fritz waren gestandene Wirtsleute, ausgeschenkt wurde natürlich „Lichtenfelser Urbräu“, und das nicht zu knapp. So trafen sich jeden Donnerstag die Honoratioren vom Ort zur Schafkopfrunde, Bürgermeister, Pfarrer, alles, was sich zum damaligen „Jetset“ von Marktzeuln zählte. Nicht immer friedlich ging es zu, und wenn „Nüss“ gekartet wurden, entfuhr selbst dem Geistlichen mal ein „Herrgottssakrament“. Es soll auch schon mal in diesem erlauchten Kreis zu einer regelrechten Wirtshausschlägerei gekommen sein. Schließlich ging es um ein paar Pfennig Kart-Geld.

Dem süffigen Urbräu-Bier wurde reichlich zugesprochen, und so musste einmal – so die Überlieferung – einer der hohen Herren in der Schubkarre vom Fritz nach Hause expediert werden. Meist aber verliefen die Schafkopfrunden friedlich und gesittet und die Hanna als begeisterte „Schafkopferin“ fungierte oft und gern mal als „Brunzkarter“, will heißen, sie spielte eine Runde mit, wenn einer der Kartbrüder die Toilette aufsuchte.

Ein Klapps mit dem Trommelstecken als Strafe für junge Trommler

Wie hinlänglich bekannt, wurde im Jahre 1969 der Musikverein in Marktzeuln gegründet. Ab 1970 probte das Orchester im Rathaus, und es war im wahrsten Sinne des Wortes naheliegend, nach der Übungsstunde bei der Hanna einzukehren. So fanden die Musiker sich regelmäßig im Gasthaus „Dinkels-Peter“ ein, um bei ein paar Bierchen noch ein Schwätzchen zu halten und über ihre musikalischen Fortschritte zu diskutieren.

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Die Wirtsleute Hanna und Fritz. Foto: Heinz Fischer

Der Wirt Fritz war ja schließlich bei den Aktiven als Schlagzeuger dabei. Als alter Militärmusiker hatte er auch die Ausbildung der jungen Trommler in der Kapelle unter sich, und wer nicht ordentlich im Takt musizierte oder sich schlecht benahm, bekam schon mal einen Klapps mit dem Trommelstecken. Leider verstarb der Fritz plötzlich und viel zu früh im August 1970, und die Hanna musste die Gastwirtschaft von da an alleine weiterführen. Nachdem auch die Lichtenfelser Urbräu den Betrieb eingestellt hatte, bezog sie die Getränke fortan von der Weismainer Püls-Bräu.

Hackfleisch und frisches Brot gegen den Hunger nach der Probe

Die Musiker blieben als Stammgäste treu. Vielleicht lag das auch an den beiden bildhübschen Töchtern des Hauses, die in der Gaststube immer mithalfen. Regelmäßig stellte die Hanna den Musikern nach der Probe eine große Schüssel Hackfleisch und frisches Brot auf den Tisch, das sie bis auf den letzten Rest verspeisten. Abgerechnet wurde nach der Anzahl verzehrter Brote. Das hat stets funktioniert, gemogelt wurde nicht.

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Der "Dinkelspeter". Aufnahme von 1975. Foto: Heinz Fischer

Einmal trafen sie sich ausgerechnet am Karfreitag beim „Dinkels-Peter“, und der Anton orderte – alter Gewohnheit gemäß – eine Schüssel von dem köstlichen Hackepeter. Da haben die Musiker die sonst so freundliche Hanna das erste Mal in ihrem Zorn erlebt. „Da müsst ich mich der Sünden fürchten, am heiligen Karfreitag gibt?s kein Fleisch, ihr gottloses Lumpenpack!“ donnerte sie die Wirtin an. Kleinlaut beließen sie es dann beim Bier, und die Hanna war wieder friedlich.

Den Eier und Speck fürs Ostermahl in der Karfreitagsnacht verputzt

Die Lust nach etwas Deftigen nagte indes in allen, und kaum war der Zeiger der Uhr auf Mitternacht gerückt, lud der Anton alle zu sich nach Hause ein, wo es eine ganze Pfanne Eier mit Speck geben sollte. Alle waren natürlich sofort dabei und ließen es sich schmecken. Die Schimpfkanonade mütterlicherseits, die der Anton anderntags ertragen musste, bekam der Rest gottlob nicht mit. Hätten doch Eier und Speck eher für Ostermahl und Osterkuchen Verwendung finden sollen.

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Die Wirtin Hanna. Foto: Heinz Fischer

Auch besuchten die Musiker die Gaststätte ab und zu nach der Schule beziehungsweise Arbeit am späteren Nachmittag. „After Work Drink“ würde man das heute nennen. Hier, so wussten sie, fand zu dieser Stunde ein Rentnerstammtisch statt, bei dem sich ein paar Senioren zum Dämmerschoppen trafen. Provokativ setzten die Jungspunde sich an einen Tisch und bestellten ein Gläschen Beerenwein sowie für 30 Pfennig eine Zigarre (Marke Handelsgold, nicht wirklich gut). Genüsslich schlürften sie den Wein und bliesen den Rauch der Zigarren in die Luft.

Alfränkische Schimpfwörter für die „Jugend von heute“

Dies führte allenthalben zu Empörung bei den alten Herren, die sich dann lautstark über die „Jugend von heute“ ausließen. „Lausbumm“ und „Bettsaacher“ waren noch die eher moderaten Bezeichnungen für das ruchloses Treiben. Die aber genossen es, die Hanna hat es nie gestört, und die alten Herren hatten was zum Plaudern.

Möglicherweise gab es beim „Dinkels-Peter“ auch den ersten Frauenstammtisch. So trafen sich bei der Hanna des Öfteren einige verwitwete Damen im – sehr – vorgerückten Alter und ließen sich ihr „Seidla“ schmecken. Unter gackerndem Gelächter wurden da Geschichten erzählt und manchmal auch ein Witz von der Sorte, die den Jünglingen die Schamröte ins Gesicht trieb. Aber sie lauschten gerne den Erzählungen der angegrauten Matronen, und viele ihrer Episoden aus dem alten Marktzeuln sind dem Autor bis heute in Erinnerung.

Wie für so manche andere Gastwirtschaft in Marktzeuln kam 1980 auch das Ende vom „Dinkels-Peter“. Aus Altersgründen schloss die Hanna das Lokal, und so hatte der Ort wieder eine gemütliche und liebenswerte Einkehr verloren. Das Gebäude ist heute in Privatbesitz und immer noch als gepflegter und markanter Fachwerkbau ortsprägend für die Marktgemeinde.

Soweit die Geschichte vom „Dinkels-Peter“. Von weiteren gastronomischen Gepflogenheiten im alten Marktzeuln soll noch berichtet werden.

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