Leserforum: Die Gaspipeline Nord Stream 2 muss fertig gebaut werden

Zum Leserbrief „Fremde Meinungen sind auch immer fremde Interessen“ von Monika Kerkhoff (Obermain-Tagblatt vom 11. Februar, Seite 5) erreichte die Redaktion folgende Zuschrift:

Frau Kerkhoff kann ich voll zustimmen, die Gaspipeline Nord Stream 2 muss fertig gebaut werden, die Beschreibung Brückentechnologie trifft es genau, und alles andere ist Geldverschwendung. Oder was machen die Tagträumer von der „alles ökologisch, alles regenerativ, alles elektrisch“-Fraktion, wenn wie jetzt zehn Zentimeter Schnee auf den Solargeneratoren liegt und kein Windrad sich dreht. Da wird es in den mit elektrischen Wärmepumpen geheizten Häusern schnell schattig. Strom lässt sich eben schlecht speichern.

Erdgas steht ohne tages- und jahreszeitliche Schwankungen aus mehreren

Quellen zur Verfügung, und für Verbrauchsspitzen und Störfälle haben wir unterirdische Erdgasspeicher. Da es prozentual weit weniger Kohlenstoff als Öl enthält, verbessert es die CO2-Bilanz. Es lässt sich auch aus Abfällen als Biogas erzeugen. Augsburg macht es schon und betreibt seine Busse mit selbst aus Abfall erzeugtem „Erdgas“. Und es bietet sich als idealer Partner zur Wasserstofftechnik an, deren Entwicklung Deutschland weitgehend verschlafen hat. Zudem werden für die Erweiterung der Gas-Infrastruktur keine schwer recycelbaren, knappen oder aus unzuverlässigen Quellen kommenden Rohstoffe gebraucht.

Zudem dauert das Betanken eines Erdgasfahrzeugs nicht länger als bei Diesel oder Benzin. Auch hier wurden wir von unseren Regierungen belogen: Anstatt gleich auf Erdgas im Fahrzeugbereich zu

setzen, wurde uns jahrelang „Autogas“ als ökologischer Heilsbringer verkauft und gleich von der Steuer befreit. Eigentlich handelt es sich dabei um ein kaum verkäufliches Nebenprodukt des

Raffineriebetriebes, das freute die Besitzer amerikanischer Achtzylinder-Spritsäufer. Statt 15 Liter Benzin brauchten sie halt 18 Liter Autogas auf 100 Kilometer.

Gehen wir mal gut 40 Jahre zurück, als die erste Gaspipeline aus der Sowjetunion gebaut wurde. Auch da legten sich die USA quer und wollten keine Spezialbauteile für die Kompressorstationen nach Deutschland liefern. Umgekehrt fanden die USA nichts dabei, über viele Jahre riesige Mengen Weizen an die Sowjetunion zu verkaufen. Über alle politische und ideologische Streitereien hat sich Russland über 40 Jahre als fairer Handelspartner erwiesen – was man von Amerika zu Zeiten von Donald Trump nicht sagen kann.

Ja, wir beziehen zirka 35 Prozent des Erdgases aus Russland und sind damit

abhängig – und 80 Prozent aller unserer Computer laufen mit Windows, wir sind dadurch nicht von Amerika abhängig, oder? Was ist, wenn uns Microsoft auf Geheiß eines durchgeknallten

Präsidenten ein nettes Update schickt, das unsere Rechner lahmlegt?

Ein ketzerischer Gedanke: Wir werden die Welt nicht im Alleingang retten, denn selbst wenn alle 80 Millionen Deutschen geschlossen von der Klippe springen, entlasten wir die weltweite CO2-Bilanz um rund zwei Prozent, und nach drei Jahren ist das über das Bevölkerungswachstum ausgeglichen.

Dr. Jochen Jirmann

Redwitz

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