MICHELAU

Gottesdienst in Michelau: Ein Picknick, das Hoffnung gibt

Endlich konnte wieder das Abendmahl gefeiert werden. Foto: Pfarramt Michelau

Ein Picknickgottesdienst? Das klingt ja ungewöhnlich. Den gab es am vergangenen Sonntag in Michelau. In Zeiten von Corona ist Einfallsreichtum gefragt. Der tut gut, weiß Pfarrer Gundolf Beck zu berichten.

„Ich fahre mit dem Auto Richtung Michelau. In Gedanken gehe ich den Gottesdienst noch einmal durch. Aber etwas ist anders. Ständig schaue ich nach oben und bete, dass das Wetter noch ein bisschen hält. Zweimal sind unsere Freiluftgottesdienste diesen Sommer schon ins Wasser gefallen. Aber heute muss es einfach halten. Heute feiern wir endlich wieder Abendmahl!

Fast ein halbes Jahr haben wir als Kirchengemeinde darauf verzichtet. Unter Corona sind die Regeln für Abendmahlsfeiern strikt. Deshalb hatte sich der Kirchenvorstand entschieden, erst mal kein Abendmahl unter Corona Bedingungen zu feiern. Immer wieder habe ich von Gemeindegliedern zu hören bekommen, wie sehr das Abendmahl fehlt. Mit dem Verstand war es allen klar, dass die Gefahr einer Ansteckung zu groß ist. Aber dem Herzen fehlte es trotzdem. Mir ging es genauso. Mir fehlte die Feier der Gemeinschaft, das spürbare Empfangen von Gottes Liebe. Mir fehlte das Sakrament, in dem Gott sich selbst schenkt und uns zusagt, dass wir zu ihm gehören, und er bei uns ist.

Hoffentlich hält das Wetter

Jetzt ist es endlich soweit, gleich feiern wir gemeinsam Abendmahl. Wenn nur das Wetter noch ein wenig hält. Wie jeden Sonntag parke ich neben der Johanneskirche, aber heute gehe ich nicht hinein. Ich setze meinen Mundschutz auf und gehe Richtung Kirchplatz. Das Gottesdienst-Team aus dem Kirchenvorstand und unser Mesner Michael Fischer sind schon dort. Die Bänke stehen schon, auch der Altar und die abgedeckten Abendmahlsgeräte sind bereit. Ein Stehtisch steht am Eingang, alles andere ist abgesperrt. Ich schaue kurz drüber und es scheint alles da zu sein: Liedblätter, Desinfektionsmittel, Ersatzmasken, Körbchen für die Kollekte.

Die Boxenstopp Band hat bereits aufgesbaut und probt noch einmal die Lieder für den Gottesdienst. Das ganze Team wirkt etwas angespannt. Ob wohl alles so klappt, wie wir uns das vorgestellt haben?

Die ersten Gottesdienstteilnehmer kommen schon, und das Gottesdienst-Team hat schnell alle Hände voll zu tun. Viele haben ihre eigenen Sitzgelegenheiten dabei, ein paar sogar eine Picknickdecke. Gekonnt werden die Besucher mit Abstand auf dem Kirchplatz verteilt, auf dem Rasen, der Auffahrt, den Bänken. Ich freue mich, dass einige tatsächlich ein Picknick für nach dem Gottesdienst eingepackt haben. Hoffentlich haben alle einen Becher dabei, schließlich gibt es heute keinen Gemeinschaftskelch.

Boxenstopp legt los

Boxenstopp legt los und der Gottesdienst beginnt, nun werde auch ich ein wenig nervös und schaue noch einmal gen Himmel. Doch das Wetter hält und ich begrüße die Gemeinde vom Altar vor dem Dekanatsgebäube, natürlich mit Abstand. Wir singen mit Unterstützung von Boxenstopp zu Gottes Ehre und ich fühle, wie mich große Freude und Leichtigkeit erfüllt.

Der Picknick-Gottesdienst war für Pfarrer Gundolf Beck ein ganz besonderes Erlebnis. Foto: Pfarramt Michelau

Die Gemeinde wirkt entspannt und auch wenn alle beim Singen ihren Mundschutz wieder aufsetzen müssen, meine ich doch das ein oder andere Lächeln zu erahnen. Die Vertrauensfrau unseres Kirchenvorstandes Ute Herold liest das Evangelium nach Lukas über den hochmütigen Pharisäer und den demütigen Zöllner und Boxenstopp verwöhnt uns mit dem Vortragsstück ,Lean on me'. Einige aus der Gemeinde lassen es sich dabei nicht nehmen leise mitzusummen und mitzuwippen.

Nicht auf andere hinabschauen

Meine Predigt dreht sich darum, wie schwer es ist, nicht auf andere hinabzuschauen. Dabei fasse ich mich auch an die eigene Nase, wenn ich mich ertappe, wie ich über andere Menschen den Kopf schüttle, die ihren Mundschutz im Zug abnehmen oder mit ihrem SUV gefühlte zehn Parkplätze blockieren. Der Versuch immer demütig zu sein, ist zum Scheitern verurteilt. Martin Luther meinte dazu: ,Der Mensch ist immer gerecht und Sünder zugleich.' Als Mensch bin ich für Gott weder besser, noch schlechter als ein anderer Mensch. Trotzdem vergleiche ich mich mit anderen und bilde mir mein nicht immer gerechtes Urteil, ganz automatisch.

Letztlich steht jeder Mensch wie der Zöllner vor Gott: ,Gott sei mir Sünder gnädig'. Und Gott ist gnädig, wie es im Abendmahl sichtbar und spürbar wird, den Sündern wie den Gerechten und allen dazwischen.

Ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit

Dann ist es endlich soweit, das erste Mal seit einer Ewigkeit stehe ich am Altar und setze das Abendmahl ein. Die feierliche Anspannung ist über den ganzen Kirchplatz zu spüren, als ich die berühmten Worte spreche: ,Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten ward…' Alle Augen ruhen auf den Hostien und dem Kelch, und mich ergreift ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit und Freude. In diesem Moment kann uns kein Virus, kein Gewitter, absolut nichts von der Liebe Gottes trennen. Diese Gewissheit breitet sich in mir aus und ich schaue in die Gemeinde und merke, dass dieser Moment für viele etwas ganz Besonderes ist. Wir feiern Abendmahl, trotz und mit Corona.

Hygienevorschriften werden eingehalten

Vor der Austeilung desinfizieren das Gottesdienst-Team und ich uns die Hände und alle setzen ihre Masken auf. In Zweierteams gehen wir über den Kirchplatz, bringen das Abendmahl direkt zu den Menschen. Dorthin, wo sie gerade sitzen oder stehen. Die Hostie lassen wir mit etwas Abstand in die Hand fallen und aus der Kanne gießen wir den Saft der Trauben in die mitgebrachten Gläser: In Saft- und Schnapsgläser, in kreativ gestaltete Tassen und Einwegpappbecher.

Mit einer neuen Feierlichkeit geht der Gottesdienst weiter als wir ein neues Kirchenmitglied in unsere Gemeinde einsegnen. Mit Boxenstopp singen wir uns allen Gottes Segen zu, bevor ich den Gottesdienst mit einem Segen für die ganze Gemeinde aus beschließe und Boxenstopp uns mit musikalischem Schwung zurück nach Hause oder in das gemütliche Picknick geleitet.

Nach einem fröhlichen, gemeinsamen Picknick mit toller Stimmung, auch über die Sicherheitsabstände hinweg, sitze ich wieder im Auto auf dem Weg zurück nach Hause. Ich schaue noch ein letztes Mal in den Himmel und sehe dunkle Wolken, jetzt kann es gerne wieder regnen. Der Natur würde es guttun.“

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