SCHWÜRBITZ

„Es ist jetzt genug“

Kirchenpfleger Stefan Fleischmann in der frisch renovierten Herz-Jesu-Kirche in Schwürbitz. Für die Arbeiten wurde viel Geld in die Hand genommen, aber Fleischmann fragt sich: für wen? Foto: Annette Körber

Stefan Fleischmann reicht's. Seit 21 Jahren ist der 53-Jährige Kirchenpfleger in der katholischen Pfarrei Herz-Jesu in Schwürbitz, außerdem Lektor und Kommunionhelfer, er hat als Kind und Jugendlicher ministriert und später seiner Frau geholfen, wenn diese Ministrantenfreizeiten organisierte. Er war immer da für seine Kirche, wenn er gebraucht wurde. Bis jetzt. Jetzt lässt er zumindest die Ämter als Lektor und Kommunionhelfer ruhen.

Zur Erklärung hat er einen langen Brief auf der Homepage des Seelsorgebereichs Lichtenfels-Obermain und auf Facebook veröffentlicht. Es ist ein Brief, der einen tiefen Einblick in die Gemütslage eines Ehrenamtlers in der katholischen Kirche bietet – natürlich eine Reaktion auf die aktuelle Lage. Nach Vorstellung des Münchner Missbrauchsgutachtens hagelt es Kirchenaustritte. Aber wenn man sich mit Fleischmann unterhält, merkt man schnell: Es geht um mehr. „Man leidet, wenn man sieht, wie seit Jahrzehnten die Gläubigen weglaufen“, sagt er.

Die frisch renovierte Kirche wird nicht mehr voll

In Schwürbitz hat die Gemeinde gerade erst die Kirche renoviert. Der Altar leuchtet in frischer Farbigkeit, die Holzbalken an der Decke sind wieder sauber, für jeden Anlass lässt sich die Beleuchtung passend einstellen. 750 000 Euro hat das gekostet, eine Dreiviertelmillion. Der Kirchenpfleger, in der Pfarrei verantwortlich für Personal und Finanzen, hat zusammen mit Architekt Herbert Fleischmann alle möglichen Zuschüsse akquiriert.

Ein Kraftakt. Aber wofür? Bei den Sonntagsgottesdiensten erlebt er, dass es überhaupt kein Problem ist, die Bänke Corona-konform zu besetzen. Die Zahl der Gläubigen nimmt ab. Die Jugendlichen bleiben weg, weil es ihnen zu langweilig ist, die Älteren wegen allem, was man so liest über die katholische Kirche.

Der Durchhaltebrief des Erzbischofs und die Antwort von Pfarrer Schürrer

Fünf Tage nach Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens schickt Erzbischof Ludwig Schick einen Brief an die Priester, Diakone und pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Erzdiözese Bamberg. Es ist ein Schreiben, das Mut machen soll („Die Kirche Jesu Christi bleibt unerlässlich“, erzbistum-bamberg.de, Eintrag vom 25. Januar).

Darauf will Stefan Fleischmann öffentlich antworten, aber der Breitengüßbacher Pfarrer Markus Schürrer kommt ihm zuvor. In sehr offenen Worten schreibt er darüber, wie er sich schämt für die von Amtsträgern begangenen Verbrechen und dafür, wie sie von Verantwortungsträgern verdeckt und vertuscht wurden. Und er erklärt, warum er der Kirche nicht den Rücken kehren wird („Brief an ,meine‘ Kirche“, pfarrei-breitenguessbach.de, unter „Impulse“).

Die Coming-Out-Aktion und das Verhalten von Papst Benedikt XVI.

Es ist ein langer Text, aber Fleischmann bleibt hängen. Er will einen kurzen Kommentar unter den Eintrag auf Facebook setzen. Doch daraus wird ein ebenfalls umfangreicher Beitrag. Der Kirchenpfleger stellt ihn am 31. Januar auf www.steinach-rodach-main.de ein. Ohne vorher mit irgendjemandem zu reden – weder mit dem Pfarrer noch mit den Pfarrgemeinderäten.

„Es ist jetzt genug“, hat der 53-Jährige ihn überschrieben. Darin heißt es: „Ich glaube, dass diesmal die Menschen ein waches Auge darauf haben werden, ob die 100 (?) geouteten, queeren pastoralen Mitarbeiter, die unseren größten Respekt verdienen, ihre Jobs behalten oder nicht. Auch die sehr betrübliche Entwicklung um Joseph Ratzinger wird noch sehr genau beobachtet werden.“

Und er zieht eine persönliche Konsequenz daraus: Stefan Fleischmann will nicht länger zusehen, wie Menschen von liturgischen Diensten beziehungsweise der Teilnahme an der Kommunion ausgeschlossen werden, weil sie geschieden sind und wieder geheiratet haben. „Was glauben wir, wer wir sind, wenn wir Menschen aus solchen Diensten wegschicken?“, fragt er. Und deshalb lässt er seine Ämter als Lektor und Kommunionhelfer ruhen, bis sich etwas ändert.

„Ich brauche nicht die Abschaffung des Zölibats fordern, das bringt eh nix.“
Stefan Fleischmann, Kirchenpfleger in Schwürbitz

„Das tut der Pfarrei nicht weh, nur mir selbst“, erklärt er im Gespräch die Auswirkungen. Er setze hier an, weil das im Erzbistum entschieden werden kann: „Ich brauche nicht die Abschaffung des Zölibats fordern, das bringt eh nix.“ Aber wenn ein Bischof einen Pfarrer, der des Missbrauchs von Kindern überführt wurde, einfach in eine andere Pfarrei versetzen kann, dann könne er auch zulassen, dass Geschiedene ins kirchliche Leben integriert werden.

„Es will ja kein Mensch, dass sie noch fünf Mal kirchlich heiraten dürfen. Aber wenn sie eine wichtige Stütze sind, dann sollten der Pfarrgemeinderat und der Pfarrer eine entsprechende Empfehlung abgeben können. Und dann sollte der Erzbischof das zulassen.“ Fleischmann verweist auf die Bibel: Hat Jesus nicht die Steinigung unterbunden, zu der eine Ehebrecherin verurteilt worden war?

Rigorose Regeln entfremden die Menschen von der Kirche

Stefan Fleischmann reicht's. Er hat seine Ämter als Lektor und Kommunionhelfer niedergelegt. Foto: Annette Körber

Es mag nach einer Lappalie klingen, wenn man diesen Aspekt mit den großen Problemen vergleicht, die die Kirche gerade beschäftigen. Aber es sind auch solche rigorosen Regeln, die die Menschen der Kirche entfremden. Und wer keinen Bezug zur Glaubensgemeinschaft mehr hat, der zieht jetzt, nach dem Missbrauchsgutachten und wegen des Umgangs der Verantwortlichen damit, die Konsequenzen und tritt aus. Der Kirchenpfleger vergleicht das mit einem Verein, dem seit zehn Jahren die Mitglieder davonlaufen: „Wenn da der Vorstand nichts macht, dann sagt man doch auch: Dem g'hört's nicht anders.“

Gerade deshalb haben ihn die durchweg positiven Reaktionen auf seinen Brief überrascht. Mit den eigenen Gremien wünscht sich Stefan Fleischmann noch einen Austausch. Aber fast 40 Leute von überallher haben sich bei ihm gemeldet. Dekan Lars Rebhan ist darunter, Pastoralreferentin Birgit Janson, auch der Schwürbitzer Pfarrer Diter Glaeser, der evangelische Lektor Thomas Gruber aus Schwürbitz, und auch Pfarrer Schürrer. Außerdem viele, die gar keinen Bezug mehr zur Kirche haben, aber hoffen, dass sich jetzt etwas tut. Fleischmann lächelt und schüttelt den Kopf. „Bloß weil ein kleiner Kirchenpfleger aus Schwürbitz mal was schreibt.“

Was eine Trendumkehr bewirken könnte

Nein, er sieht keine Trendumkehr. Da müsste man schon im selben Jahr den Zölibat abschaffen und das Frauenpriestertum einführen. Diejenigen, die noch jeden Sonntag in die Kirche kommen, die jedes Gebet auswendig mitsprechen können und genau wissen, wann sie aufstehen oder niederknien müssen, diejenigen werden weniger. „Ich freu mich über jeden, der kommt“, betont Fleischmann. „Aber zusätzlich zu den Gewohnheitskirchgängern würde ich mir mehr von der jungen Generation wünschen. Und die erreichen wir zurzeit nicht.“

Dabei ist gerade das seine Motivation: die Menschen zusammenbringen. Deswegen sieht er es auch als Hoffnungsschimmer, dass die Kindergottesdienste so super laufen – zumindest, bis die Pandemie die Reihe vorläufig beendete. Und deshalb veranstaltet er zusammen mit dem evangelischen Pfarrer Matthias Hain und dem RV Concordia Schwürbitz auch bis zu acht Mal im Jahr Church-and-Bike-Touren, Radfahrten, die jedes Mal eine andere Kirche zum Ziel haben. Bis zu 30 Leute fahren da mit, und die Ideen gehen nicht aus.

Ob der Kirchenpfleger noch einmal zur Wahl antreten wird?

Als Fleischmann vor 21 Jahren das Amt des Kirchenpflegers übernahm, war es auch eine Motivation, beim katholischen Kindergarten mitgestalten zu können. Lange wurde er ehrenamtlich geführt, mittlerweile kümmern sich zwei Geschäftsführerinnen darum. Leitplanken setzen könne man aber nach wie vor, sagt der Kirchenpfleger.

Bis Ende 2024 ist er gewählt, so lange macht er auch weiter: „Ich schmeiß kein Amt hin, das wichtig ist.“ Aber ob er noch mal antritt? Es klingt nicht so. „Ich glaube nicht, dass Sie im Landkreis viele finden, die 2025 weitermachen wollen.“

Die Lage ist ernst: Darauf weist Stefan Fleischmann hin. Ob er gehört wird?

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