MARKTGRAITZ

Der Gedenkstein für Elise Geßlein aus Marktgraitz

Der Gedenkstein für Elise Geßlein aus Marktgraitz
Der Gedenkstein für Elise Geßlein erregt Neugier. Foto: Werner Knoth

So mancher Spaziergänger, mancher Radfahrer hielt schon an und fragte sich am Flurbereinigungsweg zwischen Marktgraitz und Trainau, Richtung Straße nach Unterlangenstadt.: „Was hat es mit diesem Gedenkstein auf sich?“ Der Stein hat die Aufschrift: „Hier starb am 26.4.1935 durch Mörderhand Elise Geßlein v. Marktgtz *12.5.1907.“

Früher stand der Stein weiter oben am Hang in dem kleinen Wäldchen. Im Rahmen der Flurbereinigung wurde der Stein dann an den Waldrand, direkt neben den Flurbereinigungsweg, versetzt.

Hinter diesem Stein verbirgt sich eine lange Geschichte, die der Neffe der Ermordeten, Johann Geßlein, seine Frau Beate und seine Tochter Franziska noch kennen. In mehreren Artikeln der Zeitung „Bayerische Ostmark“ aus dem Jahr 1935 wurde über den Mord, die Vernehmungen des Mörders und die Gerichtsverhandlung vor dem Schwurgericht Coburg berichtet.

„Wie der Dieb in der Nacht ist über das kleine Marktgraitz das Unheil hereingebrochen. Aufregung herrscht über den mysteriösen Vorfall“: So beginnt der erste Sonderbericht der „Bayerischen Ostmark“ vom 2. Mai 1935. Elise Geßlein, die 28-jährige Korbmacherstochter, war verschwunden.

„Wie der Dieb in der Nacht ist über das kleine Marktgraitz das Unheil hereingebrochen.“
Sonderbericht in der „Bayerischen Ostmark“

Die Lis, wie sie in Marktgraitz genannt wurde, war Haushälterin und hatte sich in den Österreicher Rudolf Brand verliebt. Brand war in Österreich verheiratet, hatte vier Kinder und war dort auch schon straffällig geworden. Nach der Trennung von Frau und Kindern 1926 wurde er Nationalsozialist. Er arbeitete unter anderem in Frankfurt, wo er eine Geliebte hatte.

Brand war in mehreren österreichischen SA-Hilfswerkslagern in Deutschland untergebracht, bis er schließlich 1934 in das Lager nach Redwitz kam. Schon bald lernte er bei einem Tanzvergnügen Elise kennen, und das Liebesverhältnis begann. Ihre Eltern waren strikt gegen eine Beziehung mit Brand, Elise sollte doch einen Marktgraitzer heiraten. Aber die junge Frau setzte ihr Verhältnis fort, bis sie Brand des Öfteren versetzte. Er lauerte ihr auf und sah sie mit einem anderen Mann. Wut und Eifersucht kamen wegen des immer kühler werdenden Verhältnisses in ihm auf, und auch erste Mordgedanken entwickelten sich.

Das Motiv für den skrupellosen Mord ist Eifersucht

Der Gedenkstein für Elise Geßlein aus Marktgraitz
Aus der „Bayerischen Ostmark“, Ausgabe vom 16. Mai 1935. Foto: Werner Knoth

Am 25. April 1935 trafen sich Elise und Brand gegen 20 Uhr nahe der Sandgrube und gingen in das lichte Eichenwäldchen. Dort kam es zum skrupellosen Mord. Nach einer kurzen Unterredung setzt Brand seinen Plan in die Tat um. Wie die „Bayerische Ostmark“ schrieb, soll er gesagt haben: „Wenn du nicht magst, soll dich der Andere auch nicht bekommen! Jetzt räume ich uns beide weg!“ Daraufhin hielt er Elise zwei Taschentücher vor Mund und Nase und erstickte sie. Die Leiche warf er nahe dem Alten Wehr in die Hochwasser führende Rodach.

Noch am gleichen Tag fuhr er nach Frankfurt, wo er wenig später festgenommen wurde und in Untersuchungshaft kam. Während viele Leute nach Elise suchten, redete Brand davon, dass sie Selbstmord begangen hätte: Sie sei in die Rodach gesprungen. Er verstrickte sich aber mehr und mehr in Widersprüche. Gefunden wurde Elises Leiche schließlich am Flussrand der Rodach in der Gemarkung Marktzeuln, 150 Meter vor der Mündung in den Main, im Wasser unter einer Weide.

Mit ruhiger Hand und nach langer Überlegung

Tage später gestand Brand nach mehreren Verhören die Tat ein und musste bei einem Vorort-Termin das Verbrechen erläutern. In der „Bayerischen Ostmark“ schrieb der Berichterstatter nach dem Verhör des Angeklagten und der zahlreichen Zeugen: „Ein Mord, der in seinen Einzelheiten so grausam und unmenschlich verübt wurde, dass sich die Feder sträubt, alles niederzuschreiben.“ Bei den Zeugen, darunter SA-Scharführer, kam zum Ausdruck, dass er nicht beliebt war, ein falscher, lügenhafter und hinterhältiger Mensch, ein oft bestrafter und unangenehmer Rauf- und Trunkenbold. Am Ende der Verhandlung führte der Oberstaatsanwalt Drescher die Schuld des Angeklagten ausführlich nochmals vor Augen: „Brand hat mit ruhiger Hand und nach langer Überlegung gemordet.“ Er erinnerte auch an die Aussage der früheren Geliebten aus Frankfurt, die sagte: „Ich bin einem der größten Verbrecher in die Hände gefallen.“

„Das ist Mord! Auf dieser Tat ruht als Strafe nur der Tod“, schloss der Oberstaatsanwalt. So geschah es dann auch. Rudolf Brand wurde zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde auf dem Schafott in Coburg vollstreckt.

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