MARKTZEULN

Das Zeulner Freischießen meiner Kindheit

Freischießen vor 100 Jahren. Foto: Repro: H. G. Rebahn

Wir schreiben das Jahr 2020 und es geschieht in Marktzeuln etwas, das seit über siebzig Jahren nicht mehr geschah: Ein winzig kleiner, böser Virus zwingt das öffentliche Leben in die Knie und Freischießen fällt aus. Zeulner Freischießen! Ein kleiner Junge wurde vor vielen Jahren mal im Kommunionunterricht über Ostern ausgefragt und der Pfarrer wollte wissen, was wohl das höchste Fest im Jahreskreis sei. Darauf der Neunjährige: „Freischießen“.

Nun, wir müssen uns heuer damit abfinden, dass Ende Juni keine Böller knallen, keine Blasmusik ertönt und kein Bier- und Bratwurstduft aus den Felsenkellern herauf zieht. Zeit für einen Rückblick. Freischießen 1965, als ich eben mal neun Lenze zählte.

Sehnsüchtig erwarteten wir Kinder damals die Freischiessenzeit, und nicht nur wir Kinder. Kaum war Pfingsten und Fronleichnam rum, begannen wir schon eifrig, unser Freischiessengeld anzusparen, um dann die Festfreuden in vollen Zügen genießen zu können. Eltern, Omas, Tanten, Onkel wurden angepumpt und das gesammelte Geld gleich in Karussell- Autoscooter- und Limo-Einheiten umgerechnet. Selbst meine Oma, als gottesfürchtige Frau jedem profanen Vergnügen abholt, rückte ein paar Mark ihrer Rente raus.

Jederzeit bestens informiert

Ich hatte zu dieser Zeit noch einen unschätzbaren Bonus: Mein bester Freund war Sohn des Festwirtes. Somit war ich von Beginn an hautnah am Geschehen; ich wusste aus

Kinderfestzug 1962 mit dem Autor Heinz Fischer (4. v. re.). Foto: privat

erster Hand, wann die Brücke aufgebaut wurde, die den Festplatz mit dem Vergnügungspark verbinden, ich wusste, wann die Schausteller anreisen und ihre Geschäfte und Attraktionen aufbauen. Wir waren schon tagelang vorher ständig vor Ort und wenn die Brauerei die Getränke anlieferte, fiel nicht selten ein Frei-Limo für uns ab.

Dann endlich ging es los, die Böller krachten, die Blasmusik spielte. Aber erstmal nicht für uns Kinder, die Bierprobe am Freitag war damals reine Männersache. Mein Vater machte mir weis, dass am Freitagabend das Bier probiert wird und wenn es nicht schmeckt, in die Rodach geschüttet wird. Ich hab es lange geglaubt. Heute weiß ich es besser. Ab Samstag begann das Fest dann auch für uns. In Begleitung der Eltern gab es erstmal ein Paar Bratwürste oder eine Fischsemmel (das war auch schon fast alles an kulinarischen Angeboten).

Dann ging es ins Getümmel

Dann durften wir uns ins Getümmel stürzen. Bis Anfang der Sechziger gab es an den Kellern noch einen Stand vom „Deckert“ mit Süßigkeiten, Obst und Spielzeug. Wir bewaffneten uns mit Plastik-Pistolen nebst Erbsen-Munition aus dem Sortiment. Böse Buben schossen aus dem Hinterhalt der Kastanienbäume auf die ausgestellten Mohrenköpfe (ja, ich weiß, aber die hießen halt damals so) im Stand. Diese somit kriegsversehrten Süßwaren mussten dann grollend vom Standbesitzer aus dem Verkauf genommen werden. Er musste erkennen, dass er diesem Treiben selbst Vorschub geleistet hatte. Es galt also schon damals: Waffenhandel lohnt sich nicht!

Viel interessanter war aber die andere Seite der Rodach, wo der Vergnügungspark aufgebaut war. Wir gelangten über die eigens für das Fest geschlagene Brücke dorthin. Gleich links war die „Afrika-Kosthalle“, wo man für 20 Pfennig Himbeerwasser kaufen konnte. Meine Oma behauptete, der Besitzer würde das Wasser direkt aus dem Mühlbach beziehen, der gleich nebenan floss. Auch exotische Früchte wie Kokosnuss und gebrannte Mandeln wurden feilgeboten. Anfangs war aber das Karussell der Mittelpunkt unserer Expeditionen, und hier kam nur das rote Feuerwehrauto oder der orange Straßenkreuzer in Frage. Alles andere war Mädchenkram. Sobald aber die Füße bis ans Gaspedal reichten, eroberten wir den Autoscooter, der wesentlich mehr Spaßpotential innehatte.

Alles andere war Mädchenkram

Es gab hier eine Verschwörungstheorie, nach der „der silberne 20er“ das schnellste Auto im Fuhrpark war. Eher unglaubwürdig, weil alle Autos ihre Energie vom selben Stromabnehmer bezogen. Wir liebten trotzdem den 20er und versuchten, eine Fahrt in ihm zu ergattern. Auch die vielen leicht geschürzten, miniberockten pubertierenden Mädels, die stets am Scooter anzutreffen waren, erfreuten unsere Blicke, obwohl wir noch nicht viel damit anfangen konnten. Außer einem süßen Ahnen in der Brust. Und wenn die Schönheiten dann mal mit einem feschen Burschen hinter einem Schaustellerwagen verschwanden? Was da geschah, lag weit außerhalb unserer Fantasie.

„Rundfunkblaskapelle Staffelstein“

Auf diese Weise reduzierte sich während der Freischießentage unser Taschengeld recht zügig, und wir mussten uns bisweilen nach preiswerteren Vergnügen umsehen. Eines davon war der Musikpavillon, wo zu dieser Zeit die Konzerte fast ausschließlich von der „Rundfunkblaskapelle Staffelstein“ bestritten wurden. Die hatten damals schon eine Verstärkeranlage und mir klingt noch heute der obligatorische Begrüßungssatz vom Michael Diller im Ohr: „Werte Festgäste, meine sehr geschätzten Damen und Herren…“.

Gern drückten wir uns oben auf dem Podium herum und schauten mit in die Noten vom leider jüngst verstorbenen Geussen Adolf, der als ersten Trompeter gleich am Eingang saß. Wir versuchten dann mit wachsender Begeisterung, die Noten der Stücke mitzulesen. Ehrfürchtig lauschten wir, wenn der Solist in die Böschung kletterte und aus dem Wald heraus „Die Post im Walde“ zum Besten gab. Wahrscheinlich habe ich mich und viele meiner Freunde damals mit dem Musikvirus

infiziert. Wurde doch 1969 dann der Musikverein Marktzeuln gegründet. Ab dann durften wir in der Folge bis heute selbst das Freischießen mitgestalten.

Freischießen 2019: Stimmungsvoll am Montag. Foto: Heinz Fsicher

Freimarkten für Karussell und Limo

Am Freischiessenmontag war erstmal Schule angesagt, allerdings hielt sich das Interesse am Lehrstoff in sehr engen Grenzen. Dafür war aber schon um elf Uhr Schluss und wir eilten heim, um uns für den Kinderfestzug fertig zu machen. Der führte – wie bis heute – von der Apotheke über den Flecken zum Mühlgries, wo es Freimarkten für Karussell, Bratwurst und Limo gab. Einmal musste ich mich als Bewohner Zentralafrikas verkleiden (siehe Bild). Nach dem Festzug stand ich mindestens eine Stunde am Wasserhahn und versuchte krampfhaft den Ruß abzuwischen, mit dem man mein Gesicht geschwärzt hatte. Mit dem Kinderfest ging dann das Freischießen für uns fast schon zu Ende. Am Dienstag war meist schon ein Teil der Mühlgries-Attraktionen abgebaut und mit ein bisschen Glück und der Gunst der Eltern durften wir noch von zu Hause aus das Feuerwerk bestaunen. In den Erinnerungen schwelgend schlief ich dann ein und freute mich schon auf das nächste Freischießen.

Der Zeulner Frühschoppen

Schnitt – Freischießenmontag 2019: Über fünfzig Jahre sind vergangen, das Zeulner Fest hat nichts von seinem Reiz verloren. Eine Besonderheit ist seit vielen Jahren der Zeulner Frühschoppen am Montag. Er entstand, als sich einige Männer, die in ihren Gärten am linken Rodachufer arbeiteten, sich am Festplatz trafen um – wenn schon Biertische da waren – sich zu Brotzeit und mitgebrachten Bier stärkten.

Heinz Fsicher beim Freischießen 2019. Foto: privat

Nach und nach entwickelte sich dies weiter, immer mehr kamen und irgendwann gab es offiziellen Ausschank und Speisen. Schon um halb zehn begebe ich mich auf den Festplatz, die Sonne strahlt, alle Freunde sind da, die erste Maß schmeckt. Es folgen noch weitere, untermauert von einem deftigen Mittagsmahl. Am Nachmittag sorgen „Bumsi and the Pimperboyz“ für Stimmung und wie schon früher gibt es auch den Kinderfestzug. Ich genieße es in vollen Zügen, wie schon die Tage zuvor und weiß, dass ich auch morgen zur Königsproklamation nochmal kommen werde. Dann werden Freunde verabschiedet, die teilweise von weit her kommen und man freut sich gemeinsam auf das nächste Jahr, wenn wieder Freischießen ist…

oder auch nicht. Wollen wir hoffen, dass wir 2021 wieder sagen können: „Auf, zum Zeulner Freischießen!“

Freischießen: ein Bild aus den 1960-er Jahren. Foto: SG Marktzeuln
 

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