NAGEL

Buch über Christen und Juden in Nagel und Oberlangenstadt

Buch über Christen und Juden in Nagel und Oberlangenstadt
Rainer Vormbrock schrieb nach intensiver Vorarbeit die beiden Bücher „Schloss Nagel – Geschichte und Geschichten in der ... Foto: Rainer Glissnik

„Unsere geschichtliche Vergangenheit besagt: Wenn ein Teil der Bevölkerung glaubt, sie habe allein die einzige Wahrheit, den rechten Gauben, die wahre Erkenntnis, zerstört sie eine Gesellschaft, die doch auf gegenseitigem Respekt, der Anerkennung der Andersartigkeit der anderen Bürger beruht.“ Dies schreibt Rainer Vormbrock, dessen Frau Cornelie der Familie von Künsberg-Oberlangenstadt entstammt.

1985 begannen beide mit der Instandsetzung des Schlosses Nagel und verhalfen ihrer Heimstatt zu neuer Blüte. Die Familiengeschichte seiner Frau und die Vergangenheit der Menschen dieser Region interessieren den Düsseldorfer Sonderschuldirektor a. D. stark. Er brachte nun die beiden Bücher „Schloss Nagel – Geschichte und Geschichten in der Zeit von 1625 bis 2020“ sowie „Alltagsleben der christlichen und jüdischen Bevölkerung in den Küpser Ortsteilen Oberlangenstadt und Nagel von 1693 bis 1933“ heraus.

1625 begann die Herrschaft des Geschlechts derer von Künsberg

Hans Heinrich von Künsberg (Senior) erwarb von Wolfgang Heinrich von Redwitz auf Tüschnitz das freieigene Gut Nagel. Mit diesem Kauf am 16. April 1625 begann die Herrschaft des Geschlechtes derer von Künsberg in der Region. Dies galt in der heutigen Marktgemeinde Küps besonders für die Ortsteile Schmölz, Nagel, Tüschnitz ab 28. November 1626 und Oberlangenstadt. Nagel, Oberlangenstadt wie auch die umliegenden Dörfer waren zu der damaligen Zeit armselige Orte mit wenigen Menschen.

Beim Kauf im Jahre 1625 „standen in Nagel nur einige armselige Fronbauerhütten aus Lehm mit Stroh bedeckt, desgleichen in Oberlangenstadt. Die Gegend um Nagel war eine ununterbrochene Waldgegend am Bergfuß, wo sich ein großer Weiher befand.“ Allesamt ärmliche Gebiete im Gegensatz zur damals aufblühenden Stadt Kronach. Aus Unterlagen jener Zeit wird deutlich, wie hart das Leben der „Froner“ war.

Ende des 17. Jahrhunderts lebten hier mindestens 24 jüdische Familien

Buch über Christen und Juden in Nagel und Oberlangenstadt
Die Oberlangenstadter Synagoge, gemalt von Dieter Backert nach einem alten Foto (1660 bis 1930). Foto: Repro: Rainer Glissnik

ei den weiter aufgeführten Pachtverträgen, den Zinsabgaben findet sich neben den schon genannten zahlreichen christlichen Pächtern eine Anzahl Pächter mit der Ergänzung „Jud“. Bemerkenswert ist, dass der Pferdehändler Abraham Benedic Levi, Wittib, hier als Eigentümer eines zweistöckigen Hauses aufgeführt wird. Der Kauf muss schon weit vor 1743 geschehen sein, da die Familie Levi in der dritten Generation dieses Haus bewohnte.

Laut Dr. Elstner soll es schon Ende des 17. Jahrhunderts in Oberlangenstadt fünf jüdische Familien gegeben haben. 1693 sollen hier mindestens 24 jüdische Familien gelebt haben. Zahlreiche Urkunden zeugen vom jüdischen Leben in der Region. Ein Pachtvertrag zeugt vom Bestehen einer jüdischen Schule, die an den Schlosspark angrenzte.

Pacht- und Schutzgelder der Juden halfen beim Aufbau nach dem Krieg

Nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges (1648) konnten die Bevölkerungsverluste durch angesiedelte Juden wieder verringert und notwendige Einnahmen für den Wiederaufbau durch die Pacht- und Schutzgelder der Juden bestritten werden. Desgleichen verhielten sich die in Küps ansässigen von Redwitz. So kam es dazu, dass noch bis vor 120 Jahren ein reges jüdisches Leben in Küps und Oberlangenstadt herrschte.

Buch über Christen und Juden in Nagel und Oberlangenstadt
Jüdischer Friedhof um 1900. Foto: Repro: Rainer Glissnik

Spuren der jüdischen Vergangenheit sind noch heute in Küps am Luthersaal zu finden. Hier stand von 1769 bis 1901 die Synagoge der jüdischen Gemeinde. In der Nähe befindet sich in einem jetzigen Wohnhaus eine wieder freigelegte „Mikwe“. Das Gelände des ehemaligen jüdischen Friedhofs wurde unter Bürgermeister Herbert Schneider zur Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Bewohner wieder instand gesetzt.

„Es ist das Verdienst von Heimatpfleger Dieter Lau und von Christian Ebertsch, dass für uns die Lebensumstände, das Zusammenleben mit den jüdischen Bürgern in unserer Marktgemeinde wieder sichtbar wurden.“
Rainer Vormbrock, Autor

Informationstafeln und ein Gedenkstein erinnern nun im ehemaligen „Judenviertel“ an die jüdischen Bürger. „Es ist das Verdienst von Heimatpfleger Dieter Lau und von Christian Ebertsch, dass für uns die Lebensumstände, das Zusammenleben mit den jüdischen Bürgern in unserer Marktgemeinde wieder sichtbar wurden“, lobt Rainer Vormbrock.

Mitte des 19. Jahrhunderts konnten viele jüdische Gemeinden ihre eigene jüdische Schule mangels ausreichender Schülerzahlen nicht mehr halten. Ab 1835 besuchten deshalb 17 jüdische Küpser und 18 jüdische Oberlangenstädter die protestantische Schule in Oberlangenstadt. Den jüdischen Religionsunterricht erteilte Vorsänger Abraham Hirsch aus Kronach. Der Unterricht war auf die zukünftige Lebenswirklichkeit der Schülerschaft ausgerichtet.

Jüdische Wohltäter in Oberlangenstadt

Rainer Vormbrock widmet sich auch dem jüdischen Friedhof bei Ebneth. So lebten 1867 noch 800 jüdische Bürger im Einzugsgebiet des Friedhofes. Im Jahr 1900 waren es noch 400 Personen und 1933 nur noch 120 Personen.

Buch über Christen und Juden in Nagel und Oberlangenstadt
Ehemalige jüdische Häuser in Oberlangenstadt. Foto: Rainer Glissnik

Das hohe Ansehen der jüdischen Bürger, das gute gemeinsame, friedliche Auskommen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird weiterhin sichtbar bei der Besetzung der kommunalen Kommissionen. Die jüdischen Bürger brachten sich auch als Spender in das Oberlangenstädter Gemeinwesen ein. Die Gebrüder Schubert spendeten für die neue Oberlangenstädter Schule zwei gusseiserne Öfen, Martin Fechheimer die 1904 angebrachte Schuluhr.

Martin Fechheimer ist als Wohltäter besonders hervorzuheben. Er legte 6000 Reichsmark in Pfandbriefen an. Zu der damaligen Zeit ein hohes Vermögen. Mit den jährlichen Erlösen wurde „den Bedürftigen Mitbürgern in der Gemeinde geholfen“.

Mit der Zeit des Nationalsozialismus endet brutal die Geschichte des Zusammenlebens von Juden und Christen.

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